Vier Wochen Schule im Land Bremen: Das sind die Sorgen der Schulleiter

Seit einem Monat läuft nun das neue Schuljahr. Und "neu" ist nicht nur eine zeitliche Kategorie. Die Schulleiter im Land Bremen stehen vor ganz neuen Herausforderungen.

Video vom 28. September 2020
Mehrer Jungs mit Mund-Nasen-Bedeckungen sitzten an Computern. Dahinter steht eine Frau.
Bild: Radio Bremen

Thorsten Maaß ist durchaus etwas überrascht. Der Rektor einer Bremerhavener Grundschule und Vorsitzende der Schulleitungs-Vereinigung Bremen ist froh, dass der Schulbetrieb nach der Vollbremsung im Frühjahr nun wieder halbwegs normal angelaufen ist. Wobei der Grad der Normalität nicht einheitlich sei.

Es gibt Standorte, die nah am Regelbetrieb sind und auch andere, die Probleme haben.

Thorsten Maaß, Vorsitzender Schulleitungs-Verband Bremen e.V.
Thorsten Maaß, Vorsitzender der Schulleitungs-Vereinigung Bremen

Ein Muster zwischen Gelingen und Scheitern gäbe es jedoch nicht: Das sei sehr vom Standort abhängig, habe mit der räumlichen Situation, den Lüftungsmöglichkeiten oder auch der Personalausstattung zu tun. Tendenziell ließen sich kleinere Einheiten wie Grundschulen etwas besser durch die Corona-Regularien steuern als große, komplexe Oberschulen mit viel Austausch zwischen den Klassen oder Kursen, hat Maaß beobachtet.

Für die Schulleiter stellt er denn als eine der zentralen Lehren aus den ersten Wochen fest: "Wir müssen einen Mittelweg finden zwischen Schutz und Normalbetrieb. Wir dürfen uns auch nicht verrückt machen lassen." Das Krisenmanagement der Bildungsbehörde gebe den Schulleitungen da zwar einerseits bisweilen eine gute Unterstützung. Auf der anderen Seite aber wünschen sich die Schulleitungen auch, dass planbare Dinge nicht so Hals-über-Kopf verkündet werden. Dass die Regeln zur Maskenpflicht in den Schulen zwei Tage vor Schuljahresbeginn verkündet wurden, gehört in diese Kategorie vermeidbaren Ärgers.

Schulleiter stehen unter erheblichem Druck

Ohne die Leistung seiner ausschließlich unterrichtenden Kollegien kleinreden zu wollen, sieht er die Schulleitungen doch unter besonderem Stress, der einige auch schon an den Rand der Erkrankung getrieben hätte: Der Druck, in kürzester Zeit Dinge komplett umorganisieren zu müssen, sei erheblich. "Das ist eine Mehrarbeit, die teilweise nicht zu leisten ist."

Ein Schulkind arbeitet mit einem Tablet.
Auf einmal waren die Tablet-Rechner da. Die Schulleiter fordern mehr Support. Bild: Imago | MiS

Ein Beispiel aus dem praktischen Leben: Zu den Folgen von Corona zählt ja auch, dass sich urplötzlich ein Füllhorn elektronischer Helfer über die Schulen ergossen hat. Doch die Masse an Tablet-Rechnern und was es sonst noch so geben mag, muss in Betrieb genommen und gewartet werden. Das könnten die Schulen – und die Schulleiter alleine schon mal gar nicht – nicht allein leisten. Hier müsse ihnen ein verlässliches Kontingent an Support zur Verfügung gestellt werde. Zwei bis drei Tage pro Schule müssten das auf jeden Fall sein.

Dann kriegen wir das auch hin mit der digitalen Schule. Ohne Support wird das nicht gelingen. Das wäre einfach schade.

Thorsten Maaß, Vorsitzender Schulleitungs-Verband Bremen e.V.
Thorsten Maaß, Vorsitzender der Schulleitungs-Vereinigung Bremen

Altes Leid: zu wenig Personal

Und: Die neue Situation habe die alten Probleme noch mal verdeutlicht. "Kernproblem ist das Personal", sagt Maaß. Womit er in erster Linie die reine Menge meint: Die Lehrkörper an den Schulen sind einfach zu sehr auf Kante genäht, als dass sich Sondersituationen noch mal eben wegorganisieren ließen. Aber in aller Offenheit schildert er aus Schulleiter-Perspektive auch ein Problem mit der Qualifikation: "Manche Schulen haben zu viele Seiteneinsteiger und Studenten und zu wenig Personal, die so anzuleiten, wie es uns wichtig wäre."

Unterricht findet statt, aber sonst nicht viel

Darunter leidet dann auch ein wichtiger Seitenaspekt von Schule – das "Schulleben". Also all das, was den Sozialraum beschreibt, die Kontakte und Impulse jenseits des schlichten Unterrichts zur Vermittlung von Rechenkünsten, Grammatik und Jahreszahlen: Arbeitsgemeinschaften, Chöre, Projekte, Gemeinschaft. Unter den Gegebenheiten von sozialer Distanz fällt da vieles durch den Rost.

"Es hat wieder zugenommen", sagt Maaß – immerhin. Aber noch lange ist es nicht wieder da, wo es aus allgemeinen pädagogischen Gründen sein müsste. Und auch Dienstbesprechungen mit 1,50 Meter Abstand in der Turnhalle, Elternabende und Gremiensitzungen haben unter diesen Bedingen den kreativen Schwung verloren, der nur bei einer gewissen Nähe und Zeit aufkommen kann.

Unterricht in der Pandemie: So meistert eine Schule den Corona-Alltag

Video vom 17. September 2020
Eine Tür, auf der ein Schild klebt, das auf die Maskenpflicht in dem Gebäude hinweist.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 25. September 2020, 9:15 Uhr