5.700 PS und Millimeter-Präzision: Schlepper im Einsatz

Eine Schicht auf einem Schlepper eröffnet ganz andere Perspektiven auf die Dinge, die im Bremerhavener Hafen passieren: Wir haben die Besatzung der "Resolut" begleitet.

Ein Abschleppboot auf dem Wasser in Bremerhaven-

Es herrscht Kaiserwetter an der Schlepperpier direkt vor der Skyline der Havenwelten Bremerhavens. Kaum Wind, kaum Wolken und ein Job schön nach der Mittagsruhe um 16 Uhr. Aber dieser Auftrag hat es in sich. Kapitän Oliver Gerlach-Morgenstern guckt oben von der Brücke zu, wie sein Schiffsmechaniker Christian Illing die Stromleitung des Schiffes aus dem Verteilerkasten auf der Pier zieht. Maschinist Matthias Witt lässt unten im Maschinenraum mit einem satten Brummen die beiden 360-Grad drehbaren Podantriebe unter dem Heck des Schleppers erwachen: "Wir haben heute bei einer Gleichstandsschleusung im Fischereihafen zu assistieren: Der Kunde hat mit 6,40 Meter viel Tiefgang, ist mit 170 Metern sehr lang und auch noch sehr breit in einer dann wirklich kleinen Hafeneinfahrt mit viel Strom von der Seite. Das ist so das Sahnehäubchen an Auftrag hier auf dem Fluss."

Von den großen Weltmeeren zur Schleppschiffahrt in Bremerhaven

Der Kapitän Oliver Gerlach-Morgenstern früh am Morgen in seinem Schlepper.

"Fluss" sagt der Kapitän ohne abwertenden Unterton. Seit 2002 ist er "zur See" gefahren,  erst als Schiffsmechaniker und dann nach dem Nautikstudium zwischen 2007 bis 2012 fünf Jahre auf großer Fahrt weltweit auf Containerschiffen. Danach kam seine Entscheidung für den Wechsel in  die Schleppschifffahrt. So kennt der 33-Jährige heute das Geschäft von beiden Seiten. Er guckt steuerbords aus seinem Glaskasten von Fahrstand hinüber zu einem dieser 400-Meter-Riesen der Reederei MSC: "Wenn man so nah dran ist, erahnt man, was für eine Segelfläche bei so einem Schiff zusammen kommt und was für Kräfte da wirken." Gerlach-Morgenstern erzählt von vergeblichen Versuchen, bei Westwind in Sturmstärke so einen Riesen von der Wand der Stromkaje weg zu bekommen.

Es passiert schon mal, dass das partout nicht klappt: Dann ziehen erst drei Schlepper, dann holt man noch zwei und wenn es dann noch nicht klappt, gibt man auf und versucht es später wieder.

Oliver Gerlach-Morgenstern, Schlepper-Kapitän in Bremerhaven

Die "Poolgracht" taucht aus dem Hochdruckdunst über der Weser auf: Roter Rumpf, zwei Schwergutkräne – ein Stückgutschiff von 170 Metern Länge und 25 Metern Breite. Für sein Baujahr 2011 sieht das Schiff mit Heimathafen Amsterdam ziemlich ramponiert aus. Kapitän Gerlach-Morgenstern nickt: "Das soll hier im Fischereihafen auch meines Wissens in die Werft. Wir müssen auch einfach mal damit rechnen, dass deren Bugstrahlruder nicht funktionieren und die uns fast gar keine Hilfe sind."

Das erste kleine Lotsenboot hat sich herangepirscht und den Hafenlotsen auf die "Poolgracht" übergesetzt. Jetzt kommt auch noch die "Weserlotse" heran und holt über die Davidleiter ihren Mann von Bord – den Lotsen, der das Schiff hereingebracht hat in die Weser. Die "Resolut" wartet hinter dem Holländer bis sich der Lotse von der Brücke meldet und den Schlepper der Reederei Lütgens & Reimers auch offiziell per Funk so einteilt. Zwei URAG-Schlepper bekommen das Kommando vorne anzuspannen.

Schiffsmechaniker Christian Illini steht an Bord eines Schleppers.

Christian Illing trägt jetzt einen Helm als er nach vorne zum Bug geht: Eine Wurfleine mit einer geknoteten "Affenfaust" am Ende zischt über seinen Kopf. Er pickt die Leine des Schleppers an die des Schiffs und schon spult die schwere Winde die armdicke Dyneema-Leine ab. Matthias Witt macht das oben in der Kanzel von seinem Fahrtstand per Joystick: "Früher hat man auch für solche Jobs Stahldraht verwendet. Ab er dieses Spezialtauwerk hält sogar noch mehr Last aus. Aber gefährlich ist es jetzt da vorne schon. Wir hatten das schon mal in der Flotte, dass da die Verbindung reißt und dann räumt das wirklich alles ab,  was da vorne steht."

Alle drei Schlepper sind "fest", schallt es aus dem Funk. In langsamer Fahrt geht es an Zoo am Meer, Atlantic Sail City Hotel und Columbus-Zentrum vorbei. Die Tide schiebt von hinten noch mit mindestens zwei Knoten. Das erweist sich als tückisch beim Anvisieren der Hafeneinfahrt. Der Lotse meldet sich jetzt im Sekundentakt bei den drei Schleppern. Die Kommandos werden immer kürzer. Die "Blumenthal" vorne auf Backbord soll doch jetzt bitte mal voll voraus geben, sagt der Lotse zum dritten Mal: "Sind wir doch schon", kommt es mit genervtem Unterton aus der Funke. Gerlach-Morgenstern soll nun auch mit den vollen 73 Tonnen Pfahlzug seiner "Resolut" nach Norden dampfen. Der 24 Meter lange Kraftprotz legt sich unter der Last auf die Backe. Alles vibriert. Die Winde macht Musik, die Leine ächzt dazu und scheint immer dünner zu werden. Das aufgequirlte Wasser in  der Hafeneinfahrt färbt sich tiefbraun. Der Schleppverband zieht sich hier gerade durch den Schlick, während das Weserwasser weiter mit Naturmacht versucht,  die 50.000 Tonnen wiegende "Poolgracht" in die Backsteinmauer zu schicken.

Arbeit der Schlepper ist ein Geduldspiel

Ein etwas stärkeres Zittern während die "Resolut" immer noch ziehend auf der Seite liegt. Das ist alles, was auf dem Schlepper ankommt vom Rums des roten Riesens auf die Mole. Langsam geht es vorwärts und der Schaden taucht auf: Einen Abweisedalben aus Stahl hat es plattgedrückt wie einen alten Karton im Altpapier. Die drei Männer auf der Brücke der Resolut sind ziemlich unbeeindruckt: "So etwas kommt schon einmal vor. Dafür ist der Abweisedalben ja da", meint Kapitän Gerlach-Morgenstern achselzuckend. Zur Schuld gefragt will er lieber nichts sagen: "Das müssen letzten Endes die Versicherungen klären."

Aber noch ist der Job ja auch noch nicht zu Ende. Das Drehen der "Poolgracht" im engen Geestevorhafen wird wieder so ein Geduldspiel. Dann fährt auch noch die Weserfähre ständig mit Dampf an den zerrenden Schleppern vorbei. Zentimeterweise schiebt die "Poolgracht" ihr Heck herum bis sie endlich quer zur Hafenkaje direkt vor dem Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung liegt. Eine Gruppe Schaulustiger winkt besonders intensiv. Kapitän Oliver Gerlach-Morgenstern freut sich über den Anblick besonders: "Das ist meine Freundin mit unserem kleinen Sohn mit den Schwiegereltern."

Sie sind der sichtbare Grund für den Wechsel des Kapitäns auf den Schlepperjob: "In großer Fahrt bist du sechs Monate weg und dann vier zu Hause. Das passt dann irgendwann nicht mehr, wenn man Familie haben will. Hier habe ich eine Woche auf dem Schiff, eine Woche zu Hause und auch noch Urlaub." Die Bezahlung sei zur Zeit noch gut und man habe letztlich nichts auszustehen: "Alles wunderbar." Matthias Witt macht aber umgehend klar, dass der Weg zum Schlepperfahrer immer nur über Jahre in der Seefahrt läuft.

Wir hier haben ja alle unser Patent. Man kann nicht einfach kommen und sagen: Ich will jetzt mal eben auf dem Schlepper arbeiten. Für den Job muss man einiges mitbringen - und man kommt auch nicht leicht an ihn heran.

Matthias Witt, Maschinist
Die Besatzung des Schleppers (von links): Christian Illini, Schiffsmechaniker, Kapitän Oliver Gerlach-Morgenstern und Maschinist Matthias Witt.

Witt ist mit 38 der älteste in der Crew. Seit vier Jahren sind die drei Männer ein eingespieltes Team auf der "Resolut", einem Vietnam-Bau aus dem Jahr 2014. Es hat Vorteile, wenn man die Eigenheiten und Vorlieben der Kollegen genau so gut wie das Schiff kennt, findet auch Schiffsmechaniker Christian Illing, mit 28 Jahren das Küken an Bord: "Das ist ja hier für eine Woche auch so etwas wie eine Männer-WG." Jeder hat seinen Raum, der Jüngste den ohne Blick nach draußen in der Mitte. Und in seiner Kammer wird auch noch das Hochbett mit einem vierten Mann belegt, wenn es mal offshore rausgeht zu Hochseeeinsätzen.

Alle haben ein  kleines Waschbecken in ihren Kammern. Jeder hat seinen eigenen Fernseher, der Kapitän direkt über dem Bett. "Das hilft beim Einschlafen", findet Illing. Gekocht wird reihum, abgewaschen auch. Im Teil des Zivillebens gibt es keinen Kapitän und keinen Befehlsempfänger, findet Matthias Witt.

Feierabendbier gibt es an Bord nicht

Die 45 Minuten Pause sind vorbei. Jetzt ist das Wasser draußen vor dem Schleusentor genauso hoch aufgelaufen, wie es drinnen im Fischereihafen steht. Jetzt erst kann der Schleusenwärter die innere Schleusentür öffnen. Die Sonne geht gerade unter als der Schleppverband die "Poolgracht" durch die Schleuse bugsiert. Und es ist Nacht als das Schiff gedreht ist und schließlich fest an der Kaje in Sichtweite der Bredo-Werft liegt.

Die Männer fantasieren vom Pizza-Service als sie nach acht Stunden Job im Dunkeln ausgehungert wieder an der Schlepperpier anlegen. Auch das geht natürlich bei dieser Art von Seefahrt. Das Feierabendbier übrigens nicht mehr. Alkoholgenuss ist heutzutage an Bord streng untersagt. Oliver Gerlach-Morgenstern: "Wir sind ja schließlich auf Bereitschaft. Es kann theoretisch auch sein, dass wir plötzlich nach Mitternacht noch einmal für einen  Job rausmüssen. Das weißt du nie."

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. April 2019, 19:30 Uhr