Darum wurde die Räterepublik vor 100 Jahren blutig niedergeschlagen

Arbeiter und Soldaten in Bremen begehren 1919 auf. Doch schon nach 26 Tagen, am 4. Februar, platzt der Traum von Freiheit. Die Gründe: interne Kämpfe und die Macht alter Eliten.

10. Januar 1919. Es ist ein heiterer Wintertag in Bremen, nur leicht bewölkt. Am Nachmittag versammeln sich die Arbeitermassen auf dem Marktplatz. Rote Fahnen wehen über den Köpfen, Kapellen spielen revolutionäre Lieder und auf Schildern sind kämpferische Aufrufe zu lesen: "Hoch die sozialistische Republik! Nieder mit Senat und Bürgerschaft! Es lebe das internationale Proletariat!"

Wie soll es weitergehen in Deutschland?

Nach der Novemberrevolution und dem Sturz der Monarchie stellt sich die Frage: Wie soll es weitergehen in Deutschland? Soll eine parlamentarische Demokratie mit reformierter Marktwirtschaft her? Oder muss der Kapitalismus ganz weg, den viele als Grund für Krieg und Elend sehen? Die Bremer Linken wählen den radikalen Weg: Senat und Bürgerschaft erklären sie für abgesetzt, bewaffnete Arbeiter sichern den Aufmarsch auf dem Marktplatz. Unter diesem Schutz, mit einer Innenstadt voller Gleichgesinnter, rufen Sozialdemokraten und Kommunisten vom Rathausbalkon die selbstständige sozialistische Republik aus: "Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung! Errichtung der sozialistischen Gesellschaft!"

Räterepublik: Abhängigkeit und interne Machtkämpfe

Kommunisten und Sozialisten wollen die Utopie einer besseren Gesellschaft wahr werden lassen: Das alte Wahlrecht, das die Arbeiter und Armen von der Macht ferngehalten hat, wird beseitigt. In den Fabriken gibt es jetzt den Acht-Stunden-Tag. Aber schnell kommt es zu Problemen: Die Neuen an der Macht – unter ihnen zum Beispiel der ehemalige Lehrer, Redakteur und jetzt sozialdemokratische Politiker Alfred Faust – können den Verwaltungsapparat nicht allein führen. Sie bleiben abhängig von den alten Eliten, erklärt der Historiker Peter von Rüden.

Das Finanzdepartement bleibt beim Senat, um die Finanzen kümmert sich weiter die alte Verwaltung. Und das führt dazu, dass plötzlich kein Geld mehr da ist, weil die Banken die Kredite sperren, und das ist sozusagen das Ende  Räterepublik, weil die gesagt haben, wenn wir die Beamten nicht mehr bezahlen können, dann bricht hier alles zusammen, und das in einer Situation, in der die Menschen draußen hungern.

Peter von Rüden, Historiker

26 Tage lebt der Traum von Freiheit – am 4. Feburar ist Schluss

Aber nicht nur deshalb geht es für die Räterepublik schnell bergab: Es kommt zu internen Machtkämpfen, Funktionäre entscheiden selbstherrlich über wichtige Angelegenheiten. Nur 26 Tage lang lebt der Traum von Freiheit – bis zum 4. Februar. Die Weser-Zeitung berichtet: "Um ein Uhr mittags waren die Regierungstruppen im Besitz fast der ganzen Neustadt. In der Stadt hörte man unaufhörlich das Geknatter der Gewehre und die Detonationen der Granaten."

Soldaten der Regierung mit Kanone vor dem Dom
Regierungstruppen schlugen die Aufständigen nieder. Bild: Staatsarchiv Bremen

Die sozialdemokratische Reichsregierung in Berlin schickt die Division Gerstenberg nach Bremen – Soldaten, die für ihre Brutalität bekannt sind. Zusammen mit dem "Freikorps Caspari", dem auch Söhne Bremer Bürger angehören, marschiert die Division in Bremen ein und attackiert die Anhänger der Räterepublik. Bremer schießen auf Bremer. Dutzende Soldaten der Regierungstruppen und bewaffnete Arbeiter sterben – außerdem kommen fast 30 Unbeteiligte um, bilanziert Historiker Peter von Rüden: "Es waren unter diesen Unbeteiligten sechs tote Kinder. Also, wenn man sich überlegt: über 80 Opfer, die eigentlich nicht nötig gewesen wären."

Die Anführer der Bremer Räterepublik sehen ein, dass die Situation ausweglos ist. Sie lassen Flugblätter verteilen: "Die Regierung gibt bekannt, dass die Fortsetzung des Kampfes unmöglich ist. Sie gibt den Befehl, das Feuern sofort einzustellen und die Waffen im Rathaus abzugeben."

Parlamentarische Demokratie hält Einzug

Die Räterepublik wird kurz danach auch in Bremerhaven niedergeschlagen. Die Revolution ist Geschichte. Wenige Wochen später hält in Bremen doch die parlamentarische Demokratie Einzug: Im März 1919 wird die Bremische Nationalversammlung gewählt – und schafft eine neue Verfassung für das Land.

Menschen schwenken eine rote Flagge auf dem Balkon des Bremer Rathauses

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  • Jens Otto

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 10. Januar 2019, 7:35 Uhr