Kommentar

Eiswettfest ohne Bürgermeisterin: So was von gestern

Am Samstag treffen sich in Bremen rund 800 Herren zum Eiswettfest. Bürgermeister Carsten Sieling ist verhindert – und dennoch lädt das Gremium nicht Bürgermeisterin Karoline Linnert ein. Ein Unding, findet unser Kommentator.

Karikatur zum Eiswettfest: Bremen ohne Frauen erleben!
Frauen nicht erwünscht: Traditionell treffen sich beim Eiswettfest nur Männer Bild: Til Mette

Das Protokoll. Und die eigenen gedanklichen Korsettstangen. Es kann einen wahnsinnig machen!

Die Bremer Eiswette ist ein traditionsreicher Club. Ihre Gründung datiert auf das Jahr 1829. Mit kurzen Unterbrechungen tagt sie seither jedes Jahr. Und immer – immer – ist der Bremer Bürgermeister Gast am Präsidententisch. Das ewig beschworene Bündnis von Kaufmannschaft und Politik – hier funktioniert es. Es gibt ja auch guten Rotwein zum Essen.

Nur dieses Mal, im 190. Jahr der Existenz der Bremer Eiswette, da gibt es ein Problem. Denn der Bremer Bürgermeister Carsten Sieling kann am Samstag nicht kommen, denn er muss kurzfristig zu einer Trauerfeier. Also muss das Land Bremen von jemand anderem vertreten werden.

Nun gibt es eine fixe Vertretungslösung im Senat: Wenn der Chef nicht kann, gehen die Geschäfte dennoch weiter. Wohlan: Die Vertretung Sielings hat... Karoline Linnert. Die ist nicht nur Finanzsenatorin, sondern auch – Achtung! – Bürgermeisterin. Nicht "stellvertretende Bürgermeisterin". Nicht "2. Bürgermeisterin". In aller Schlichtheit und Eindeutigkeit: "Bürgermeisterin". Ende, Aus, keine Fragen.

Frauen nicht willkommen

Für die Eiswette ist das allerdings eher Problem denn Lösung. Denn seit Anbeginn der Zeitrechnung hat noch keine Frau den Fuß über die Schwelle zur gern als "alt-ehrwürdig" beschriebenen Feier im Januar eines jeden Jahres gesetzt. Außer als Servicekraft und einmal als Showact in Gestalt der Kabarettistin Sissi Perlinger, die 1999 für den humoristischen Teil des Festes eingeladen war. Sie hielt den Herren den Spiegel vor, machte sonst immer wieder gern und laut belachte anzügliche Witze mal andersrum und wurde ausgebuht (beim Damenprogramm anschließend hingegen bejubelt).

Ansonsten ist die Eiswettgesellschaft noch weniger gegendert als die nicht nur sehr viel ältere, sondern auch deutlich ehrwürdigere Schaffermahlzeit. Die lässt Frauen seit ein paar Jahren als Rednerinnen wie Teilnehmerinnen zu. Die Eiswette? Nix da. Komme was oder wer wolle.

Wie also wird die Absage Sielings ausgebügelt? Ganz einfach: Es gibt ja noch mehr Bürgermeister im Land, sogar einen – erneut: Achtung! – OBER-Bürgermeister. Mehr Bürgermeister geht also gar nicht. Der vertritt zwar nicht das Land, sondern nur die Stadt Bremerhaven, heißt Melf Grantz und ist eh Teilnehmer der Eiswette. In Ermangelung des protokollarisch zwar deutlich höher stehenden, dem Titel nach aber geradezu dem politischen Prekariat zugehörigen Bürgermeisters Sieling wird flugs Grantz’ Stuhl nun ein paar Plätze näher an den des Eiswett-Präsidenten Patrick Wendisch herangerückt – und fertig ist das Gartenhäuschen. Da braucht es wirklich keine Bürgermeisterin am Tisch.

Es hätte natürlich auch die Chance sein können, im Jahr 2019 anzukommen.

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 18. Januar 2019, 23:30 Uhr