Interview

"Niemand will den Wolf aus Deutschland vertreiben"

Zum Bundesjägertag in Bremen verrät Marcus Henke von der Landesjägerschaft, was Wölfe antreibt, warum er vielen Fuchsschützern widerspricht und den BUND schätzt.

Wolf in freier Wildnis
Der Wolf stellt bislang keine Gefahr für den Menschen dar. Bild: DPA | Reiner Bernhardt
Herr Henke, als Jäger haben Sie in Bremen wenig zu tun, oder?
Für das Stadtgebiet mag das gelten. Obwohl beispielsweise auch für den Bürgerpark ein Jäger verantwortlich ist. Darüber hinaus gibt es einige Stadtjäger, die auch in befriedeten Gebieten beispielsweise Kaninchen jagen. Der Stadtjägermeister erteilt ihnen die entsprechenden Jagdrechte. Das Land Bremen verfügt darüber hinaus über 14.000 Hekar bejagbare Flächen, die meist direkt an Niedersachsen grenzen. Zu diesem grünen Gürtel zählen etwa das Blockland mit rund 3.000 Quadratmeter Schutzgebieten, aber auch Arsten, Bereiche an der Weser sowie Obervieland und Oberneuland.
In Oberneuland wurden in dieser Woche zwei Schafe gerissen. Vieles deutet auf einen Wolf hin.
Ja, bislang spricht zumindest nichts gegen eine Beteiligung des Wolfs. Gerade wenn man sieht, dass zwei 60-Kilo-Mutterschafe mehr als zwanzig Meter bewegt worden sind. Das schafft kein Hund. Auch die Riss- und Fraßspuren deuten auf den Wolf hin. Der abschließende Beweis durch eine DNA-Probe muss aber noch abgewartet werden.
Manche Bürger sind deshalb besorgt. Können Sie etwas zu deren Beruhigung beitragen?
Grund zur Unruhe gibt es eigentlich nicht. Wir haben den Wolf nun einmal in der Region. Er kommt in diesem Fall wohl aus der Gegend um Osterholz. Und manchmal kommt er eben auch über die Wümme in den Stadtbereich. Die Tiere dort sind an Menschen und Hunde gewöhnt. Für den Wolf ist es daher einfacher hier zu jagen. Auch in Borgfeld und in Horn wurden ja bereits Wölfe im Stadtgebiet gesichtet. Wir müssen uns allerdings schon heute die Frage stellen, wie wir damit umgehen, wenn sie irgendwann nicht mehr allein, sondern zu zweit oder im Rudel auftauchen. Denn problematisch wird es dann, wenn er die Angst vor dem Menschen verliert. Niemand will oder wird den Wolf jedoch aus Deutschland vertreiben.
Welche Möglichkeiten gibt es, Wölfe von Schafen und Siedlungen fern zu halten?
Wolfstiere orientieren sich daran, wie hoch das Risiko ist und wieviel Energie sie einsetzen müssen, um Beute zu erlegen. Die Elektrozäune, die die kleine Schafherde schützen sollten, haben ihn offenbar nicht abgehalten. Der Zaun war 1,20 Meter hoch, und da ist er drübergesprungen. Einen wolfssicheren Zaun gibt es nicht. Ähnlich ist es auch mit dem Fuchs. Da hat man einst auch gedacht, er geht über keinen Zaun, der mindestens 1,20 Meter hoch ist. Heute wissen wir durch Videoaufnahmen, dass sie auch über 1,80 gehen können – selbst mit Beute im Maul.
Jäger mit Jagdhund zielt mit seinem Gewehr
In Deutschland gibt es rund 370.000 Jäger. Bild: DPA | Blickwinkel/Bagyi
Das sehen die Tierschützer der Organisation Peta anders. Diese kämpfen für ein Ende der Fuchsjagd und haben eine Demonstration vor dem Maritim-Hotel am Hauptbahnhof angekündigt. Dort findet am Donnerstag und Freitag der Bundesjägertag mit rund 400 Delegierten und Gästen statt.
Peta setzt jedes Lebewesen mit dem Menschen gleich. Diese Sicht ist heute jedoch nicht mehr vereinbar mit dem Naturschutz. Denn die Natur reguliert sich in unserer Kulturlandschaft nicht mehr von selbst. Ein Beispiel: Nachdem Füchse in den 80er Jahren gegen Tollwut geimpft worden sind, hat sich ihre Population verdreifacht. Das müssen wir heute regulieren. Denn wir wollen ja, dass Füchse, Hasen, Fasane und Wiesenvögel parallel existieren können. In Deutschland stellen wir so auch eine hohe Artenvielfalt und die höchste Wildtierdichte in Europa sicher. Das kommt, weil wir gute Naturgesetze und im Übrigen auch gute Naturschutzverbände haben.
Mit den Naturschützern des BUND arbeiten Sie beim Vogelschutz im Blockland eng zusammen. Wie kam es dazu?
Seit den Sechzigerjahren sind die Bestände geschützter Arten deutschlandweit immer weiter zurückgegangen. Dazu zählen seltene Bodenbrüter im Blockland, aber auch Hasen, Fasane und Entenarten. Wir haben dann geschaut, woran es liegen könnte und zwei Schlüsselfaktoren identifiziert: Erstens die Umweltgestaltung, zweitens der Räuberdruck. Der BUND hat daraufhin entsprechende Wiesenschutzmaßnahmen im Blockland wie zum Beispiel geänderte Mähzeiten durchgeführt. Wir hingegen haben das Verhalten der Füchse und insbesondere ihre Räuber-Beute-Beziehung analysiert und unsere Fangmethoden entsprechend angepasst. Seit 2014 haben wir dann mehr Füchse entnommen als in den Jahren zuvor, was den Räuberdruck auf die Wildvögel gesenkt hat. Gerade in den Wochen, bevor die Wiesenvögel anfangen zu brüten, ist es wichtig, den Fuchsbestand zu reduzieren. Seit 2014 verzeichnen wir im Blockland nun eine deutliche Zunahme an Wiesenvögeln. Das ist einmalig in ganz Deutschland.
Erschossener Fuchs liegt zu Füßen eines Jägers
Füchse werden heute meist mit Lebendfallen gejagd und anschließend erschossen. Bild: DPA | Blickwinkel
Wie werden die Füchse gejagt?
Es gibt noch immer die Jagd mit der Waffe. Entscheidender ist aber die Fangjagd. Wir arbeiten heute meist mit Lebendfallen, die mit Fangmeldern ausgestattet sind. Wir sehen also sofort auf dem Smartphone, wenn sich ein Tier in einer Falle befindet. Wenn wir dann einen Hasen erwischt haben, lassen wir ihn wieder laufen.
Was passiert mit den gefangenen Tieren?
Füchse, die während der Jagdzeit in die Fallen geraten, werden waidgerecht getötet, so dass sie nicht leiden. Das passiert durch einen Schuss in den Kopf. So bleibt auch das Fuchsfell erhalten. Das trägt im Übrigen zu einer nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen bei.

Mehr zum Thema:

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 14. Juni 2018, 23:20 Uhr