Bergung vor Borkum: Giftige Fracht der "MSC Zoe" weiter vermisst

281 Container verlor das Schiff Anfang Januar in stürmischer See: Schwerwiegendere Containerverluste gab es in der Nordsee nie. Der Unfall wirft viele Fragen auf.

 Das Msc-Schiff auf dem Meer.

Die Containerverluste der "MSC Zoe" sind die schwerwiegendsten, die es bislang überhaupt in der Nordsee gegeben hat. Selten hat auf den Weltmeeren überhaupt ein Großcontainerschiff so viel Ladung verloren, ohne dabei selbst unterzugehen. Dabei galt die "MSC Zoe" auf Grund ihrer Doppelhüllenkonstruktion und trotz ihrer enormen Länge von 396 Metern als besonders sicher und ruhig im Betrieb. Aber nicht nur deshalb wirft der Unfall Fragen auf.

In der Nacht von Neujahr 2019 auf den 2. Januar ist es stürmisch mit Wind und Wellen. Die treffen die "MSC Zoe" auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven irgendwann wie volle Breitseiten. Aber auf einem derart großen Schiff mit einer Breite von allein 59 Metern fühlt man sich unverwundbar. Zumal die "MSC Zoe" seit 2015 unfallfrei auf den wirklich großen Ozeanen unterwegs ist.

Antwerpen-Bremerhaven ist da ein kurzer Trip auf einer besseren Feuchtwiese, sagt später ein Nautiker, der sich mit der Fahrt auf solchen Containerriesen auskennt. Vielleicht auch mit dieser Einstellung hat der Kapitän der "MSC Zoe" es sich so kurz nach dem Feiertag mit seinem Kurs leichtgemacht: Bei der Wahl einer der beiden See-Autobahnen, die sich für die Fahrt anbieten, hat er sich für das südlichere der sogenannten Verkehrstrennungsgebiete direkt vor den friesischen Inseln entschieden. Das Wasser ist hier an den flachsten Stellen nur rund zwanzig Meter tief, der Tiefgang der "MSC Zoe" wird später in dieser Nacht auf 16 Meter geschätzt. Da bleibt bei Wellen nicht mehr viel Wasser unter dem Riesenkiel, was zusätzliche Turbulenzen durch ungeahnte Krafteinwirkungen bedeuten kann.

Kapitän: Containerriese legt sich zweimal auf die Seite

Beschädigte Container der MSC Zoe
Erst nach der Ankunft in Bremerhaven offenbarte sich das Ausmaß des Schadens.

Das Schiff unter der Flagge Panamas hat laut Havariekommando Cuxhaven 13.000 TEU (Twenty-foot Equivalent Unit) geladen. Es könnte maximal 19.224 TEU, also mehr als 19.000 Standardcontainer tragen, was im Baujahr 2015 Rekord war. Die Beladung ist Thema in der Unfallanalyse des Havariekommandos: Schon auf der Höhe der niederländischen Insel Terschelling verliert die "MSC Zoe" das erste Mal Container auf beiden Seiten des Schiffes. Der Kapitän des Schiffes gibt später in Bremerhaven zu Protokoll, dass sich Containerriese später auch noch ein zweites Mal auf die Seite legt. Das wird Dieter Schmidt als stellvertretender Leiter des Havariekommandos Cuxhaven vor dem Umweltausschuss des Niedersächsischen Landtags zu Protokoll geben und feststellen, dass der Schiffsführer erst danach nach Norden in tieferes Wasser ausgewichen ist. 

Schuldzuweisungen aber sind nicht Schmidts Job: Die Staatsanwaltschaften in den Niederlanden ermitteln zwar sofort. Das Havariekommando muss hingegen wie die niederländischen Kollegen der Schifffahrtsbehörde Rijkswaterstaat mit allen Kräften an der Küste den Unfall bekämpfen: Das Schiff ist schwer mitgenommen in Bremerhaven angekommen und bietet ein Bild der Verwüstung. Man geht am 7. Januar von 281 verlorenen Containern aus. 18 sind da schon an den Stränden der ostfriesischen Insel Borkum angespült worden und haben einen Müll- und Strandgutteppich ausgebreitet. Insulaner kämpfen mit Feuerwehren, Kurgästen und Greenpeace-Aktivisten gegen den Müll.

MSC meldet im Februar noch 51 weitere verlorene Container

Teile eines Containers hängen an einem Kran
Mit diesem Schiff werden die Container aus dem Wasser gefischt.

Der Container-Alarm bringt diesseits der Grenze alles auf das Wasser und in die Luft, was deutsche Behörden zu bieten haben: Das Ölüberwachungsflugzeug des Verkehrsministeriums zieht mit Hubschraubern der Bundespolizei enge Bahnen über dem Gebiet, in dem nach einem Driftmodell des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie die Container vermutet werden. Am 7. Januar hat man 220 von den gemeldeten 281 Containern auf und unter Wasser aufgespürt - und die Suche geht weiter.

Zumal dann am 6. Februar während der Bergung der ersten Container in den Niederlanden eine schlimme Meldung kommt. Die Reederei MSC hat beim Leeren des Schiffes in Danzig feststellt, dass noch einmal 51 Container mehr als gedacht verschwunden sind. Allein solch ein "Irrtum" wird in Schifffahrtskreisen als ein Ding der Unmöglichkeit angesehen. Dieter Schmidt vom Havariekommando erklärt, man habe der Reederei im Gespräch deutlich gemacht, dass man über diese späte Information wenig erfreut gewesen sei. Immerhin sind die mehr als 40 auf der deutschen Seite der Seegrenze verlorenen Container aufgespürt, versichert seine Behörde aus Cuxhaven und hat das Kommando wieder an die örtlichen Behörden zurückgegeben.

Noch keine Spur von den Gefahrgutcontainern

Wo sich die beiden vermissten Gefahrgutcontainer befinden, weiß man allerdings in dem Moment noch nicht. Grund genug für das Land Niedersachsen eine Bundesratsinitiative zum Einbau von Peilsendern in die Gefahrgutcontainer zu starten. Außerdem will Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) per Gesetz tiefgehende und gefährliche Schiffe wie "MSC Zoe" künftig weiter von der Küste fernhalten. Die Grünen verweisen derweil auf die Initiative "Laschen ist Hafenarbeit", durch die in den Häfen vor dem Auslaufen die Ladungssicherheit durch die Hafenbetreiber überprüft würde. Im Fall der "MSC Zoe" gibt es erhebliche Zweifel, ob die Unfallcontainer in teilweise mehr als 40 Metern Höhe zum Zeitpunkt der Havarie überhaupt fachmännisch befestigt waren. Und auch das Schadensbild vermittelt den Eindruck, als seien die Stahlboxen in der Unglücksnacht wie Dominosteine einfach ins Wasser gepurzelt.

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Autor

  • Volker Kölling

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Februar 2019, 19:30 Uhr.