Fehlende Schulassistenzen sorgen für Frust bei Schülern und Eltern

Zehn Wochen nach Schuljahresbeginn fehlen in Bremen immer noch Assistenzen. Kinder mit körperlichen, geistigen oder seelischen Einschränkungen brauchen sie aber, um lernen zu können.

Ein Hand führt die Hand eines Jungen (Symbolbild)
Kinder mit Beeinträchtigungen sind besonders im Schulalltag auf die Unterstützung einer persönlichen Assistenz angewiesen. Bild: DPA | BSIP

Der Verein Autismus Bremen spricht von einem Notstand unter dem die Schüler, die Eltern und auch die Schulen leiden. Seit Jahren fehlen immer wieder Assistenzen. Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen bekommen nicht die Hilfen, die sie brauchen. In diesem Jahr ist es besonders dramatisch.

Zum Schulbeginn fehlten in der Stadt Bremen mindestens 160 Assistenzkräfte und 74 Fachkräfte für Sonderpädagogik, ohne die eine Inklusion von beeinträchtigten Kindern im Schulalltag nicht möglich ist. Zweieinhalb Monate später hat sich die Lage offenbar nicht deutlich verbessert. Jan (Name geändert), den wir bereits im September getroffen haben, hat noch immer keine Assistenz an seiner Seite. Der autistische Junge mit Asperger Syndrom geht zwar zur Schule, aber kommt oft frustriert nach Hause, berichten seine Eltern. Wenn der 15-Jährige dann Sätze sagt wie "Das Leben macht so keinen Sinn", wird es den Eltern schwer ums Herz.

Ohne Assistenzen geht es nicht

Jan fehlt eine Person, die ihn beim Lernen begleitet, indem sie für ihn "übersetzt", was gerade im Unterricht durchgenommen wird. Um seinen Frust aufzufangen, setzen sich die Eltern am Nachmittag mit ihm hin, damit er doch noch etwas lernt. Vater und Mutter versuchen dabei, mit den Klassen- und Fachlehrern wegen des Lernstoffs Kontakt zu halten. Doch das ist mühsam, auch sie sind scheinbar überfordert. So fühlen sich Eltern schnell als unbeliebte Bittsteller, die für ihr Kind aber nur jenen Lernstoff und Unterstützung einfordern, die ihnen zustehen.

An den Schulen im Bremer Westen fehlen etwa 20 solcher Schulbegleiter für Kinder wie Jan. In Bremen-Nord sind 28 Stellen für Assistenzen an den Grundschulen und fünf an den Oberschulen nicht besetzt. In vielen Fällen bemühen sich die Schulen Lösungen zu finden, damit die Kinder trotzdem zur Schule gehen können. Wenn aber der Unterricht in der Klasse durch die fehlende Begleitung für alle schwierig wird, werden sie aus der Klasse herausgenommen oder früher nach Hause geschickt. Der Landesverband Sonderpädagogik (Vds) geht davon aus, dass mindestens 20 Kinder derzeit gar nicht zur Schule gehen können.

Wie viele Kinder tatsächlich wegen fehlender Assistenz derzeit nicht beschult werden, darüber hat die Bildungsbehörde tatsächlich keinen Überblick. Dies dokumentiert nur die jeweilige Schule für sich. "Eine (zentrale) elektronische Auswertung ist daher nicht möglich", heißt es in einer Antwort des Senats auf die FDP-Anfrage zur Inklusion in Bremer Bildungseinrichtungen. Die große FDP-Anfrage wird voraussichtlich in der nächsten Bürgerschaftssitzung diskutiert.

Stolpersteine für Kinder und Eltern

"Assistenten sind das Herzstück des Bremer Inklusionsweges", sagt die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Birgit Bergmann. Es sei traurig, dass es noch immer so viele Stolpersteine für die betroffenen Kinder und Eltern gebe. Sie befürchtet, dass durch Corona in den Schulen derzeit noch viel mehr Kinder ohne Förderhilfen dastehen. Offenbar wurden die Schuleingangsuntersuchungen in den vergangenen Monaten so gut wie nicht durchgeführt. "Die angehenden Erstklässler wurden einfach nach Aktenlage durchgewinkt", hat Bergmann von Ärztinnen und Ärzten erfahren. Erst jetzt seien wieder Kinderärzte angewiesen und dafür freigestellt worden, wenigstens bei denen, die bereits als Inklusionskinder definiert wurden, Eingangsuntersuchungen durchzuführen. "Die Lawine, die dadurch auf die Grundschulen im nächsten Schuljahr zurollt, ist noch völlig unüberschaubar", sagt Bergmann.

Kinder zu Außenseitern gemacht

Wenn es keine Assistenz gibt, hat das sowohl für die Kinder als auch für die Eltern gravierende Folgen. Die Schülerinnen und Schüler spüren, dass sie anderen Probleme bereiten. "Sie fühlen sich abgelehnt und unerwünscht", berichtet Stefanie Höfer vom Vds aus dem Alltag der Schulen. Die Kinder bekämen schließlich Angst, zur Schule zu gehen. Und die Sonderpädagogin erlebt auch, dass Eltern ihre Jobs verlieren oder kündigen, da sie sich um ihr Kind kümmern müssen.

Der Verein Autismus in Bremen hat jetzt einen offenen Brief an die beiden zuständigen Senatorinnen für Bildung und für Soziales geschickt. Darin fordert der Verein das inzwischen chronische Problem der fehlenden Assistenzkräfte endlich zu lösen. Sonst bleibe das Versprechen der Inklusion für viele nur ein leeres Versprechen, kritisiert der Vereinsvorstand.

Fachkräfte händeringend gesucht

In der Stadt Bremen fehlen in diesem Jahr so viele Assistenzen wie nie zuvor. Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt, auch weil das Bewusstsein für die Nöte der Kinder wächst. Gleichzeitig ist aber die Anzahl der dafür benötigten Fachkräfte nicht ausreichend mitgewachsen. Erzieherinnen, Sozial- und Sonderpädagogen, Heilerzieherinnen und sonstige Personen mit sonderpädagogischer Erfahrung werden derzeit händeringend gesucht. Nicht nur für Schulen, sondern auch für Krippen und Kitas.

Das Sozialressort erklärt, dass es deshalb keine einfachen, kurzfristigen Lösungen gebe. Eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe des Landesjugendhilfeausschusses ist dabei zu klären, wie weitere Ausbildungsplätze für Assistenzen geschaffen werden können.

Wie geht Bremen mit dem wachsenden Förderbedarf bei Kindern um?

Video vom 6. Dezember 2019
Kinder eines inklusiven Kindergartens spielen mit der Erzieherin.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Mittag, 11. November 2020, 12:00 Uhr