Infografik

Bremer müssen nachts immer mehr Fluglärm aushalten

Flugzeuge starten und landen in Bremen immer häufiger in der Nacht. Der Grund sind meist Verspätungen. Die Verantwortung schieben sich mehrere Stellen gegenseitig zu.

Ein Flugzeug am abendlichen Himmel im Landeanflug.
2018 starteten und landeten in Bremen 675 Flugzeuge nach 22.30 Uhr. Bild: Imago | Imagebroker

Nach Jahrzehnten in der Einflugschneise des Flughafens erkennt Christine Jäckel Flugzeugtypen inzwischen an ihrem Lärm. "Das ist ein Jet von Turkish Airlines", sagt sie mit erhobener Stimme, "dieser Typ ist lauter als die anderen".

Es ist früher Abend. Die Kassenwartin der "Vereinigung zum Schutz Flugverkehrsgeschädigten" (VSF) steht vor ihrem Haus in Bremen-Habenhausen und schaut dem Passagierflugzeug nach, das sich donnernd verabschiedet. "Wir wussten ja, worauf wir uns einlassen, als wir hier gebaut haben", erklärt Christine Jäckel lakonisch. Doch eins hatten sie und ihr Mann nicht auf der Rechnung: den zunehmenden Fluglärm in der Nacht. "Inzwischen wird nach 22:30 Uhr durchaus mehr gelandet und auch gestartet, was früher nicht der Fall war", sagt Jäckel.

Immmer mehr Ausnahmengenehmigungen werden erteilt

Ein Blick in die Statistik der Bremer Luftfahrtbehörde bestätigt das. Jeden Monat veröffentlicht das zuständige Häfenressort die Anzahl der nächtlichen Flüge, der Ausnahmeerlaubnisse und der Begründungen. Der Trend zeigt seit Jahren nach oben. Allein im vergangenen Jahr gab es zwischen 22:30 und 6:00 Uhr morgens 675 Starts und Landungen.

Das sollte eigentlich nicht sein. "Luftfahrzeuge dürfen in der Zeit von 22.00 Uhr bis 7.00 Uhr. Ortszeit nicht starten und landen." heißt es in Paragraph E.2.1 der Genehmigung für den Bremer Flughafen. Doch dann folgt eine ganze Reihe von Ausnahmen; etwa für in Bremen stationierte Flugzeuge oder Ambulanzflüge. Besonders strittig ist Paragraf E.2.2: "Der Senator für Häfen kann [...] insbesondere zur Vermeidung erheblicher Störungen im Luftverkehr oder in Fällen besonderen öffentlichen Interesses, Ausnahmegenehmigungen erteilen."

Und davon macht Bremens Luftfahrtbehörde fleißig Gebrauch. Nachlesen kann man das im Fluglärmportal des Bremer Umweltsenators. Hier wird jede Fluglärm-Beschwerde beantwortet, und immer wieder heißt es da: "Die Ausnahmeerlaubnis für den Flug wurde erteilt, weil es Probleme mit der Zeitnischenvergabe gab." Allein im ersten Halbjahr 2019 traf das auf fast die Hälfte der Ausnahmeerlaubnisse zu, so das Häfenressort.

Verärgerung bei der Deutschen Flugsicherung

"Zeitnischen" nennt man auch "Slots", und zuständig dafür ist die chronisch unterbesetzte Deutsche Flugsicherung (DFS). Für den Sprecher des Häfenressorts, Tim Cordßen, steht der Schuldige denn auch fest: "Es ist tatsächlich leider so, dass jede zweite Ausnahmeerlaubnis notwendig ist, weil es diese Probleme bei der Deutschen Flugsicherung gibt." Bremen seien da leider die Hände gebunden, so Cordßen. Ändern könne die Situation nur der Bundesverkehrsminister, indem er für eine "angemessene Personalausstattung" bei der Deutschen Flugsicherung sorgt.

Das ärgert Anja Naumann, Sprecherin der DFS in Bremen. "Die Vorwürfe sind sachlich völlig unzutreffend", erklärt sie sichtlich unterkühlt. Für Zeitnischenprobleme gebe es vielerlei Gründe im In- und Ausland: verspätete Passagiere und Crews, technische Probleme am Fluggerät oder schlechtes Wetter. Vieles davon werde unter dem Verspätungsgrund "ATC" für "Flugsicherung" subsummiert. Die DFS aber habe ihren Verspätungsanteil in 2019 "massiv senken können".

Anwohner werfen Häfenressort "zu viel Nachsicht" vor

Wer also noch trägt Schuld am wachsenden Nachtfluglärm in Bremen? Da sticht eine andere häufige Erklärung im Fluglärmportal des Bremer Umweltsenators ins Auge: "Die Ausnahmeerlaubnis für den Flug wurde erteilt, weil es aufgrund von Verspätungen vorangegangener Flüge zu Umlaufproblemen kam."

Die Flugzeuge haben ihre Verspätungen also mitgeschleppt und laden sie am Ende des Tages in Bremen ab. Für Fluglärmgegnerin Jäckel sind es immer die gleichen Verdächtigen: "Zum Beispiel wissen wir, dass Ryanair sehr enge Zeitpläne hat, die eigentlich kaum zu schaffen sind. Also gerade Ryanair startet überwiegend spätabends." Aber auch Lufthansa und Eurowings kämen nachts häufig verspätet an.

Zu viel Nachsicht mit den Fluggesellschaften, wirft Jäckel dem Häfenressort vor. 293 Mal wurden im vergangenen Jahr Ausnahmeerlaubnisse beantragt. Die Zahl der Ablehnungen: 0.

Hoffnung durch neue Regierungskoalition

Für den Vorsitzenden der Bremer Fluglärmkommission, Ralf Bohr, steht deshalb fest: "Die Ausnahme ist gar keine Ausnahme mehr, sondern die Regel." Er fordert das Häfenressort auf, deutlich restriktiver vorzugehen und Flüge auch mal nicht zu genehmigen. "Dann wird irgendwann eine lehrreiche Wirkung bei den Fluggesellschaften einkehren", glaubt Bohr.

Bohr und die Fluglärmgegner setzen ihre Hoffnungen auf das neue Regierungsbündnis in Bremen. "Beim Flughafen werden wir dafür sorgen, dass das Nachtflugverbot konsequent eingehalten wird", heißt es in der Koalitionsvereinbarung von SPD, Grünen und Linken aus dem Juli. Zwar gibt es gar kein "Nachtflugverbot« in Bremen, sondern nur eine "Nachtflugbeschränkung"; zumindest aber signalisieren die Koalitionäre damit, dass sie es offenbar ernst meinen mit dem Kampf gegen den nächtlichen Fluglärm.

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Autor

  • Michael Pundt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Morgen, 13. August 2019, 8 Uhr