Bremer Wissenschaftler fordern Shutdown für "null Neuinfektionen"

Nicht der Inzidenzwert 50, sondern null Neuinfektionen müssten das Ziel sein, sagt "ZeroCovid". Die Initiative kämpft für einen "solidarischen Shutdown". Vorn dabei: zwei Bremer Professoren.

Video vom 15. Januar 2021
Drei Menschen in einem Büro.
Bild: Radio Bremen

Der Befund könnte schärfer kaum sein: "Die Strategie, die Pandemie zu kontrollieren, ist gescheitert", heißt es in der Petition der Initiative "ZeroCovid", die seit Dienstag im Internet die Runde macht. Weiter steht dort, dass besagte Anti-Corona-Strategie der hiesigen Politik das Leben der Menschen eingeschränkt und doch zu zehntausenden Toten geführt habe. Jetzt gelte es, die Corona-Pandemie zu beenden, statt vermeintlich zu beherrschen. Hierzu sei "eine solidarische Pause von einigen Wochen" erforderlich – auch am Arbeitsplatz.

"Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden", schreiben die Autoren. Zur Finanzierung dieses radikalen Shutdowns, bei dem sozial Schwache besondere Unterstützung erfahren sollen, verlangen sie "die Einführung einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen".

Europäische Strategie zur Rettung von Leben gefragt

Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel im Interview bei buten un binnen.
Hat "ZeroCovid" mit auf den Weg gebracht: der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Bild: Radio Bremen

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs zählen die Bremer Universitätsprofessoren Rudolf Hickel und Frank J. Müller. "ZeroCovid" habe sich aus dem Umfeld des wissenschaftlichen Beirats der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation Attac gebildet, sagt Hickel zur Entstehungsgeschichte der Initiative. "ZeroCovid" stütze sich auf einen Aufruf, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehreren Ländern um die Physikerin Viola Priesemann und die Virologin Melanie Brinkmann bereits im Dezember in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht hätten. Darin fordern sie "eine europäische Srategie zur raschen und nachhaltigen Reduktion der Covid-19-Fallzahlen".

"ZeroCovid" konkretisiere diese Forderung und verbinde sie mit politischen Vorschlägen sowie mit einer Unterschriftensammlung über die Petitionsplattform "WeAct!", so Hickel. Es gehe darum, Leben zu retten, den Kollaps des Gesundheitssystems zu vermeiden, und die Wirtschaft wieder zu stärken.

Das wird zwar sehr teuer, aber immer noch preiswerter, als wenn alles so weiter geht wie bisher

Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel

Neu an dem Shutdown, wie ihn "ZeroCovid" fordert, sei insbesondere, dass er sich nicht allein auf die Freizeitaktivitäten der Menschen und die daran hängenden Wirtschaftszweige konzentriere, sondern auch auf die Produktion und die zentralen Arbeitszeiten: "Es gibt nicht nur bei der Arbeit eine Infektionsgefahr, sondern auch auf dem Weg dorthin und zurück", erklärt Hickel. Gerade für Bremen mit seinen vielen Einpendlern sei das ein wesentlicher Faktor.

Besonders am Herzen liegt dem Bremer Ökonom ein sozialer Aspekt an dem Vorgehen, das "ZeroCovid" vorschlägt: "Niemand darf zurückgelassen werden", steht in dem Aufruf. Die Autoren fordern besondere Rettungspakete für Menschen mit niedrigen Einkommen, in beengten Wohnverhältnissen, in einem gewalttätigen Umfeld sowie für Obdachlose.

"Mir gefällt die soziale Ausrichtung des Aufrufs"

Frank J. Müller
Unterstützt den "ZeroCovid"-Aufruf als Erstunterzeichner: der Bremer Erziehungswissenschaftler Frank J. Müller. Bild: Sebastian Neumann

Diese Herangehensweise hat auch Frank J. Müller, Erziehungswissenschaftler der Uni Bremen, so sehr überzeugt, dass er den Aufruf als einer der Erstunterzeichner unterstützt. "Mir gefällt die soziale Ausrichtung des Aufrufs. Da wird auch geguckt: Wie schaffen es Menschen mit niedrigen Einkommen durch die Pandemie?", erklärt Müller.

Auch steht der Erziehungswissenschaftler hinter der Forderung, die Schulen zu schließen: "Was macht es mit einem Kind, wenn es seine Eltern oder Großeltern ansteckt und die vielleicht sogar daran sterben? Es trüge doch wahrscheinlich ein Trauma fürs Leben davon. Das ist die Englischarbeit nicht wert."

"ZeroCovid" schärfe den Blick für die Frage, worauf es im Leben ankomme. Unbedingt dazu zählt für Müller in der globalen Gesellschaft die solidarische weltweite Verteilung des Impfstoffs, wie sie die Initiative in ihrem Aufruf fordert.

Es funktioniert nicht mit Deutschland oder Amerika zuerst

Erziehungswissenschaftler Frank J. Müller

Mit dieser Einschätzung steht der Wissenschaftler aus Bremen keinesfalls allein da. Am Freitagnachmittag hatten bereits über 30.000 Personen die Petition unterzeichnet.

So beurteilt ein Bremer Epidemiologe einen Komplett-Shutdown

Video vom 15. Januar 2021
Der Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Januar 2021, 19:30 Uhr