"Das ist kein Spaßraum": Bremen eröffnet Drogenkonsumraum für Süchtige

Um Drogenabhängigen zu helfen, stellt die Stadt Container in Bahnhofsnähe auf. Dort können sich Betroffene unter Aufsicht Spritzen setzen – und so überleben.

Eine Mitarbeiterin des Bremer Drogenkonsumraums zeigt an einem Tisch das typische Drogenbesteck, das Suchtkranke dort nutzen können.
Eine Mitarbeiterin des Drogenkonsumraums zeigt das typische Drogenbesteck, das Suchtkranke dort nutzen können. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

"Alles ist weiß, damit man später die Flecken sieht und wegwischen kann", sagt Daniela Alex und zeigt auf Boden und Wände des neuen Bremer Drogenkonsumraums. Die Co-Leiterin des Projekts für schwer Drogenabhängige steht in einem Container, der selbst im Vergleich zu einem Krankenhauszimmer karg wirkt. Zwei Tische, ein paar Stühle, ein weißes Waschbecken an der weißen Wand. Der Grund, warum in diesem Raum künftig so mancher Blutfleck an der Wand entstehen könnte, liegt auf einem Papiertuch auf einem der Tische: Spritzen, Pipetten und anderes Drogenbesteck.

"Das ist kein Spaßraum."

Daniela Alex, Co-Leiterin des Bremer Drogenkonsumraums

Mehrere der weißen Container stehen nun auf dem umzäunten Parkplatz neben dem Jakobus-Haus ("Papageien-Haus") in Bahnhofsnähe bereit. Die Betreiberin, die ambulante Drogenhilfeorganisation "Comeback", rechnet damit, dass ihr Hilfsort von rund 400 bis 600 suchtkranken Menschen genutzt wird.

Das ist nur ein Teil der rund 4.000 schwer Drogensüchtigen, die es in Bremen gibt. "Aber manche wollen das einfach nicht", sagt Lea Albrecht, die das Projekt gemeinsam mit Daniela Alex leitet. Für diejenigen, die es wollen, gilt ein klarer Ablauf. "Erstmal geht es in den Beratungscontainer", sagt Albrecht. Dort stünde dann zunächst ein Gespräch mit einem der Sozialarbeiter an. "Wenn der Klient dann angenommen wird, sagt er uns, was er und wie er es konsumieren will."

Am häufigsten bitten die Suchtkranken dann um Heroin und Kokain oder Ersatzstoffe wie Methadon oder Substitol. Die Spritze setzen sich die Betroffenen selbst. Dafür haben sie bis zu 30 Minuten Zeit. "Sie werden von uns aber nicht aus den Augen gelassen", sagt Albrecht. Kleine Fenster ermöglichen den Blick in die weißwändigen Räume. "Wir wollen, dass die Menschen hier Ruhe, Hygiene und Beratung bekommen", sagt Albrecht. Krankenschwestern und anderes Fachpersonal helfen dann schon mal, eine passende Vene zu finden. Sich in den Wall-Anlagen Drogen zu spritzen sei im Vergleich dazu extrem anstrengend und stressig. Das solle den Menschen erspart bleiben.

Drogenbesteck auf einem Tisch in einem der Bremer Drogenkonsumräume in der Friedrich-Rauers-Straße.
Weißes und karges Interieur prägen die Bremer Drogenkonsumräume. Bild: Radio Bremen | Kristian Klooß

Beratung, so die Expertin, heiße im Übrigen nicht, dass es hier ausschließlich darum ginge, Menschen aus ihrer Abhängigkeit zu befreien. Denn von einer Ausstiegsberatung seien viele der Betroffenen weit entfernt. Einige litten so unter Entzug, dass sie das Drogennehmen mit dem Satz verbänden: "Ich mache mich gesund", sagt Albrecht. Für viele ginge es nur darum, Entzugsfolgen wie Zittern, Schwitzen und Durchfall zu überwinden.

Von den Drogen weg zu kommen, das sind hundert Schritte. Der erste ist, das Überleben zu sichern.

Lea Albrecht, Co-Leiterin des Bremer Drogenkonsumraums

Dass es in Bremen auch politisch gewollt ist, drogensüchtigen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, das hat die Bremische Regierung bereits im Koalitionsvertrag festgelegt. Eine Machbarkeitsstudie kam zudem zu dem Ergebnis, dass dringend eine entsprechende Anlaufstelle eingerichtet werden sollte. Zumal andere Städte hier schon viel weiter sind. In Hamburg gibt es Drogenkonsumräume zum Beispiel schon seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Die Umsetzung in Bremen verlief dennoch schleppend. Die neuen Drogenkonsumräume hätten eigentlich bereits im April in der Friedrich-Rauers-Straße eröffnen sollen. Der Corona-Shutdown verzögerte dann alles. Und auch ein weiteres Problem muss noch gelöst werden. Denn der jetzige Standort in den Containern auf dem Parkplatz des Jakobus-Hauses ist nur ein Provisorium. Für einen festen Standort hatte der Senat zunächst letzteres vorgesehen. "Das hat sich aber zerschlagen", sagt Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard gegenüber buten un binnen. Der Senat werde jetzt über eine Alternative beratschlagen, die jedoch ebenfalls in Bahnhofsnähe liegen soll.

Steigt die Suchtgefahr in Coronazeiten?

Video vom 17. Mai 2020
Ein Mann mit roter Jacke und dunkler Cap auf dem Kopf sitzt mit dem Rücken zugewandt auf einer Bank an der Bremer Schlachte.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen um 6, 21. August 2020, 18 Uhr