Geflüchteter Christ in Bremen: "Ich dachte, hier wären wir frei"

Wer sich als Geflüchteter taufen lässt, muss oft Jahre später beweisen, dass er noch gläubig ist. Sonst droht die Abschiebung. Pastoren kritisieren das Vorgehen scharf.

Betende Hände.
Vor allem Flüchtlinge aus dem Iran und Afghanistan konvertieren in Bremen, sagt die Bremer Evangelische Kirche. (Symbolbild) Bild: Imago | UIG

Seit vier Jahren befindet sich Kurosh* in Deutschland. Er hat Sprachkurse besucht und das mittlere Niveau erreicht, wie er erzählt. Er macht gerade eine Ausbildung. Welche möchte er lieber nicht sagen. Auch seinen richtigen Namen dürfen wir nicht veröffentlichen. Denn Kurosh hat Angst.

Kurosh hat schwarze Augen und einen ruhigen Blick, hält die Hände vor sich verschränkt. Die dunklen Haare trägt er kurz, die Kleidung leger: Jeans und Hemd. Er ist im Iran geboren. Bis zum Jahr 2016 hat sich sein Leben hauptsächlich in Teheran abgespielt, der Neun-Millionen-Hauptstadt. Er sei als Muslim geboren worden, betont er. Und wer den muslimischen Glauben bei der Geburt geerbt hat, darf im Iran später kein Christ oder Atheist werden. Konvertierten und nicht-gläubigen Einheimischen droht die Todesstrafe.

Also betete Kurosh regelmäßig, fünf Mal am Tag – oder tat so als ob. Er lernte die Koransuren in der Schule und die heiligen Schriften, so wie die anderen Kinder. Als er erwachsen wurde, merkte er jedoch, dass dies nicht seine Religion war. Er schaute sich um, kam in Kontakt mit Christen. Die meisten wie er, geborene Muslime. Sie trafen sich abwechselnd in Privathäusern, sprachen über Jesus. Wer mehr Ahnung hatte als die anderen, erzählte. Im Verborgenen. Im Iran nennt man das "Hauskirchen".

Konversion ist im Iran strafbar

Eine Zeit lang lief das gut. Doch dann schlichen sich neue Menschen ein. Spitzel, sagt Kurosh heute. Und eines Tages kam auch die Polizei zum Bibelkreis. Vier, fünf Freunde wurden verhaftet, er konnte fliehen. Zunächst versteckte er sich, dann beschloss er, nach Deutschland zu flüchten. Ihm wurde Asyl gewährt. Hier wollte er seinen Weg weitergehen. "Ich wollte eine gute Religion finden", sagt er. Wobei hier "gute" nicht im Sinne von gut versus böse zu verstehen ist, sondern eher "frei" versus "erzwungen". Privat versus politisiert.

Er konnte in Bremen eine Gemeinde finden, in der er sich wohlfühlte. So, als würde er dazu gehören. Er ließ sich taufen und sagte, er sei in seinem neuen Glauben neu geboren. Doch dann passierte etwas, das seine Sicherheit in tausend Scherben zerspringen ließ. Er bekam eine Mitteilung von einer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Die Kopie eines solchen Schreibens liegt buten un binnen vor. In dem Brief standen viele Fragen. Fragen über sein Verhältnis zur Religion, Glaubensfragen. Wie oft er in die Kirche gehe, wie er im Alltag seinen Glauben praktiziere. Fragen zu den möglichen Folgen einer Rückkehr in den Iran.

Bis zu 25.000 Euro Strafe bei fehlender Antwort

Kurosh redet langsam, wählt die Wörter bedacht. Manchmal gestikuliert er, wenn er etwas hervorheben möchte. Er sagt: "Ich dachte, hier wären wir frei, es gäbe keinen Stress wegen der Religion", und wirkt dabei selbst verwirrt. In dem Brief habe gestanden, dass er die Fragen binnen 14 Tagen beantworten sollte. Sonst drohte eine Strafe von bis zu 25.000 Euro oder ersatzweise Gefängnis. Zudem brauchte er eine Bescheinigung vom Gemeindepastor über sein Engagement in der Gemeinde.

Kurosh erzählt, er habe alle Fragen beantwortet und die Dokumente vorgelegt. Seitdem hat er keinen Brief mehr bekommen. Doch er sagt, er habe Angst, dass das noch mal passiere. Dass er auf einmal alles verlieren könnte, was er sich in den vier Jahren in Deutschland aufgebaut hat. Dass er wieder im Iran sein Leben riskieren soll. Er fragt: "Ich möchte nur eins wissen: Wieso?"

Asylbescheide werden vom BAMF regelmäßig überprüft

Doch das "Wieso" ist leicht zu beantworten. Religion ist in Kuroshs Fall keine private Angelegenheit, sondern Teil eines bürokratischen Verfahrens. Da der Glaube an die christliche Religion eine der Fluchtursachen und ein Asylgrund ist, darf er in einem fest geregelten Abstand überprüft werden. Seit Dezember 2018 müssen die Betroffenen persönlich mitwirken – schriftlich oder mündlich. Dabei geht es nicht so sehr darum, ob jemand geschummelt hat. Sich fälschlicherweise als Christ ausgegeben hat, um Asyl zu erschleichen. Sondern eher um eine Kontrolle, ob die Fluchtursachen einige Jahre nach der Flucht weiter bestehen und das Asyl weiter gewährt wird – oder eben nicht. Widerrufs- oder Rücknahmeverfahren nennt sich das.

Ein Flüchtling hört sich am 21.03.2016 die Übersetzung eines Pressegespräches zu christlichen Flüchtlingen und ihrer Unterbringung in der katholischen Kirche St. Elisabeth in Berlin, in Arabisch über Kopfhörer an.
In Bremen gibt es Gemeinden mit persischen Konvertierten, die Bibelkurse und Gottesdienste in Farsi anbieten. (Symbolbild) Bild: DPA | Gregor Fischer

Kurosh ist nicht der einzige Geflüchtete in Bremen, der ein solches Schreiben bekommen hat. Hamir*, 31 Jahre alt, hat eine ähnliche Geschichte hinter sich. Im Iran mit der christlichen Religion in Kontakt gekommen, durch Schlepper über die Türkei geflohen, 2016 in Deutschland angekommen. Im Bremer Flüchtlingsheim traf er auf christliche Missionare, die ihm zu radikal vorkamen, erläutert er. Sie hätten Dinge gesagt wie: "Jesus kam zu mir", über Wunder und Wunderheilungen gesprochen. Es habe ihn an den radikalen Islam erinnert. Also wandte er sich ab, suchte weiter. Er fand dann eine evangelische Gemeinde, in der er sich wohlfühlte und ließ sich taufen. Denn für Hamir bedeutet die Taufe, frei zu sein. Für ihn und Kurosh ist es daher kaum verständlich, dass Religion auch in Deutschland mit Politik zu tun haben soll.

Bremer Pastor schrieb bis zu 170 Gutachten

Auf die Nachfrage, in welchem Rahmen und Umfang die Überprüfungen stattgefunden haben, reagiert ein BAMF-Sprecher zunächst überrascht. Doch wenige Tage später schreibt ein weiterer Mitarbeiter: "Das BAMF ist verpflichtet, Bescheide, mit denen Asyl gewährt oder Flüchtlingsschutz zuerkannt wurde, innerhalb gesetzlicher Fristen zu überprüfen. Dabei wird geklärt, ob weiterhin Schutz notwendig ist oder aber Voraussetzungen für einen Widerruf oder eine Rücknahme der Asylberechtigung oder der Flüchtlingseigenschaft vorliegen. Dazu wurden betroffene Personen angeschrieben und um Stellungnahme gebeten." Mehr als 170.000 Entscheidungen sind deutschlandweit getroffen worden, in etwa 5.600 wurde die Asylberechtigung zurückgenommen.

Genauso wie bei der Bearbeitung von Erstanträgen muss daher auch bei der Widerrufsprüfung versucht werden, einen Eindruck von der religiösen Identität des Antragstellers zu gewinnen, der eine Einschätzung durch das Bundesamt erlaubt. Aus diesem Grund wurden die Antragsteller angeschrieben. Sie sind hierbei zur Mitwirkung verpflichtet.

Stefan von Borstel, Sprecher des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

Wie viele Menschen im Land Bremen angeschrieben wurden, ist unklar. Bernd Klingbeil-Jahr, Pastor der Friedensgemeinde in Bremen, sagt, er alleine hätte zwischen 130 und 170 Gutachten in einem halben Jahr geschrieben, teilweise bis zu viermal für dieselbe Person. Er steht dem Vorgang sehr kritisch gegenüber. "Das war wie eine Bombe", sagt er. "Wir haben versucht, ruhig zu bleiben, aber die Angst unter den Menschen war greifbar." Manchmal sei den Konvertierten offenbar geraten worden, sich im Fall einer Rückkehr nicht als Christen auszugeben, erzählt er.

Pastor: "Entscheidung steht der Kirche zu, nicht dem Staat"

Der Pastor kritisiert auch die Überprüfung an sich. "Die Entscheidung über die Konversion steht der Kirche zu. Die Bescheinigung darüber sollte dem Staat reichen", führt er aus. Teilweise ist es nicht bei den Briefen geblieben, die Pastoren sind zu Anhörungen vor Gericht geladen worden. Das bestätigen mehrere Geistliche.

Man muss es sich vorstellen: Jemand lebt hier erst seit zwei, drei Jahren und muss Fragen beantworten wie: 'Wie bereiten Sie sich auf das Osterfest vor?' oder 'Wie stehen Sie zum Auferstehungsglauben?'.

Bernd Klingbeil-Jahr, Pastor der Friedensgemeinde in Bremen

Kritisch äußert sich auch die Bremische Evangelische Kirche. Es "fällt auf, dass sich die Behörden einen Glaubens-Check anmaßen, der ihnen nicht zusteht und für den sie keine Expertise haben", sagt dazu die Sprecherin, Sabine Hatscher. Das BAMF sieht das anders. "Das Bundesamt zweifelt den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel nicht an. Es wird generell unterstellt, dass eine sorgfältige Taufbegleitung von Seiten der christlichen Gemeinden erfolgt ist", sagt der Sprecher. Geschieht die Konversion in Deutschland, gilt sie jedoch als "Nachfluchttatbestand". Deshalb prüfe die Behörde, ob dies "Ausdruck und Fortsetzung einer bereits im Herkunftsland bestehenden Überzeugung" ist.

Für Befragungen in der Anhörung zur Konversion gilt, dass sie nicht auf ein Glaubensexamen hinauslaufen dürfen. Vielmehr geht es um die Person: Wie hat sie ihren bisherigen Glauben praktiziert? Warum hat sie ihren Glauben gewechselt? (…) Aus der Gesamtschau heraus ist schlussendlich eine Entscheidung über die Ernsthaftigkeit des Engagements für den neuen Glauben zu treffen.

Stefan von Borstel, BAMF-Sprecher

Ähnliche Erfahrungen in anderen Gemeinden

St.-Markus-Gemeinde in Bremen, Sonntag, 11:30 Uhr. Das Kirchenschiff ist gut gefüllt, die Stühle größtenteils belegt. Es riecht nach frisch geschnittenen Blumen. Ein Projektor wirft die Silhouette eines Mannes vor einem Wasserspiegel an die Leinwand, darauf fließen die deutschen Zeilen des Vaterunsers. Weiter unten befindet sich eine Reihe von anderen Zeichen. Es ist eine Übersetzung in Farsi, die persische Sprache. Eine junge Frau mit langen, schwarzen Wellen, dem Rücken zum Publikum gedreht, übersetzt singend den deutschen Gesang. "Wir vertrauen auf dich." Heute ist ein besonderer Tag, denn der deutsche und der persische Gottesdienst finden parallel statt. 

Der Pastor der Gemeinde, Andreas Hamburg, hat ähnliche Erfahrungen wie sein Kollege aus der Friedensgemeinde gemacht. Er sagt, er könne es von der behördlichen Seite schon verstehen. Aber eine solche Überprüfung vor Gericht kann er nicht nachvollziehen.

Für mich ist es wie eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es wäre undenkbar, dass ein Deutscher befragt wird.

Andreas Hamburg, Pastor der St.-Markus-Gemeinde

Ähnlich klingt ein weiterer Pastor, der anonym bleiben möchte. Glaube sei schließlich schwer überprüfbar. "Erst recht von einer Behörde", fügt er hinzu. "Sie machen es oft anhand der Zahl der Veranstaltungen fest, an denen die Person teilgenommen hat. Sie können aber nicht wissen, was im Inneren eines Menschen vorgeht."

Kirchen: vorgetäuschte Konversionen kein großes Phänomen

Gibt es dann viele Geflüchtete, die konvertieren, ohne es ernst zu meinen? Genaue Zahlen sind schwer zu finden. "Aus den Gemeinden habe ich bislang nicht gehört, dass sie Probleme mit Geflüchteten hätten, denen es mit dem christlichen Glauben nicht ernst ist", sagt die Sprecherin der Evangelischen Kirche. Vereinzelte Fälle dürfte es gegeben haben, das bestätigen die meisten Ansprechpartner. "In wenigen Einzelfällen habe ich auch mal die eine oder andere Taufe abgelehnt. Stets gehen wir sehr sorgsam mit dem Taufbegehren um – in jeglicher Hinsicht", sagt Klingbeil-Jahr. Die Entscheidung, ob getauft werde oder nicht, treffe am Ende der Geistliche.

Es gibt derzeit kein allgemeines Verfahren für die Taufvorbereitung bei der evangelischen Kirche. Viele Gemeinden organisieren allerdings Kurse – ebenfalls in Farsi oder mit Dolmetschern – die mehrere Monate andauern. "Möchte ein in Bremen aufgewachsener Deutscher sich taufen lassen, wird er getauft. Er muss nicht monatelang einen Bibelkurs besuchen. Die Iraner aber baten selbst darum. Sie ahnten, dass das wichtig sein könnte", sagt der Pastor.

Pastor: Fürs Asyl Glauben zu wechseln, lohnt sich nicht

Nur fürs Asyl zu konvertieren, lohne sich nicht, fügt er hinzu. Die Asylsuchenden könnten dann nicht mehr ins Heimatland zurückkehren und brächten ihre Familien dort in Gefahr. Ein unbedachter Post in den sozialen Netzwerken mit Hinweisen auf eine Konversion reicht offenbar schon aus. Die Katholische Kirche in Bremen teilte ihrerseits mit, in den vergangenen drei Jahren hätten keine Geflüchteten an den Taufkursen teilgenommen.

Nach der Briefwelle der Asylbehörde hat Klingbeil-Jahr einen Protest angefangen: Jedem Brief fügte er einen Zettel bei, in dem er das Vorgehen der Behörden kritisiert. In den vergangenen Monaten hat er keine Post mehr bekommen – was allerdings damit zusammenhängen könnte, dass die Überprüfung vom Jahr 2019 zu Ende ist. Ob und wie es in diesem Jahr weitergehen wird, darüber macht das BAMF keine konkreten Angaben. Auf seiner Webseite teilt das Bundesamt jedoch mit, dass bis Ende des Jahres 2021 noch gut 480.000 Asylverfahren bundesweit überprüft werden müssen.

*    Der Name wurde zum Schutz des Interviewpartners von der Redaktion geändert.

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 14. Februar 2020, 23:30 Uhr