Bremer Flüchtlingsvereine fordern Schließung zentraler Aufnahmestelle

Die Zustände in der Einrichtung sind in der Coronakrise gefährlich, sagen die Bewohner. Bei bis zu 700 Menschen sei "Abstand halten" kaum möglich.

Frau mit Tasche läuft über den Flur einer Flüchtlingsunterkunft (Archivbild)
In Flüchtlingsheimen und -unterkünften gelten wegen der Coronakrise besondere Regeln (Symbolbild). Bild: Imago | Klaus Haag

Tische, an denen Gruppen von Menschen relativ eng beieinander ihre Mahlzeit zu sich nehmen. Zimmer, in denen die Betten teilweise einen knappen halben Meter voneinander entfernt stehen. Die Aufnahmen des Alltags in der zentralen Aufnahmestelle an der Lindenstraße, die buten un binnen erreicht haben, zeigen angesichts der aktuellen Coronakrise besorgniserregende Zustände. Die von Bewohnern geschickten Aufnahmen, die der Redaktion vorliegen, decken sich mit den Berichten von Bremer Flüchtlingsvereinen.

"Es ist vor allem in dieser Zeit ein bedenklicher Zustand", sagt Gundula Oerter vom Flüchtlingsrat Bremen. Sie zählt eine Reihe von Problemen auf, die das Einhalten der Präventionsmaßnahmen gegen das Coronavirus erschweren. Dass mehrere Menschen an einem Tisch nebeneinander äßen, dass teilweise zwischen vier und acht Leuten in einem Schlafzimmer ohne 1,5-Meter-Abstand übernachten müssten und gemeinsame Toiletten benutzten.

Die Bedingungen sind kaum zu ertragen für die Menschen, weil sie ohne jegliche Privatsphäre leben müssen – oft über Wochen oder Monate. Es gibt keine Möglichkeit zum Social-Distancing. Das Recht, sich vor Corona zu schützen, wird dort nicht gewährt.

Gundula Oerter, Flüchtlingsrat Bremen

Sozialressort räumt Fehler in der Kommunikation ein

Diese Ansicht wird ebenfalls von einem Bewohner der Einrichtung geteilt, der anonym bleiben möchte. Auch er zeigt sich wegen der Coronakrise besonders besorgt. "Die Menschenmenge in der Einrichtung ist ein Problem. Etwa 700 Leute sollen hier in den verschiedenen Räumen wohnen, teilweise sind es sechs oder sieben in einem Zimmer. Das ist vor allem in der Corona-Zeit schädlich für die Gesundheit", sagt er.

Ich fühle mich nicht wohl, weil ich Angst habe, mich anzustecken. Alle haben Angst. Es ist wie in einer einzigen, großen Familie. Wir können uns einfach nicht voneinander distanzieren.

Anonymer Bewohner

Etwa 100 bis 200 Leute würden in einer Halle gemeinsam essen. Sie sollten in der Schlange vor der Essensausgabe zwar Abstand voneinander halten, doch an den Tischen befänden sich wieder alle zusammen. "Wir dürfen das Essen nicht mit auf die Zimmer nehmen", fügt er hinzu. Das Essen sei außerdem nicht in Folien eingeschweißt – im Gegensatz zu dem, was das Sozialressort kürzlich angekündigt hatte.

Der Sprecher der Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) teilt jetzt auf Nachfrage mit, es habe tatsächlich einen Fehler in der Kommunikation gegeben. Das Essen werde in der Einrichtung an der Lindenstraße nicht eingeschweißt serviert. Allerdings seien die Essenszeiten entzerrt worden. Es bestehe die Möglichkeit für die Bewohner, sich in dem Saal auseinander zu setzen.

Bewohner kritisiert Umgang mit Neuankömmlingen

Problematisch sei laut dem jungen Mann ebenfalls der Umgang mit den Neuankömmlingen. Sie würden zwar auf Corona getestet und bis zum Ergebnis in einem Sonderbereich untergebracht, allerdings könnten sie sich innerhalb der Einrichtung frei bewegen. Sie träfen auf die Alteingesessenen in den Fluren und eventuell den Zimmern.

Dazu sagt das Sozialressort: "Alle neuen Bewohner werden durch das Gesundheitsamt getestet und bis das Ergebnis vorliegt in gesonderten Räumlichkeiten untergebracht; sie haben gesonderte Essenszeiten in einem separaten Raum. Nach einem Tag sind in der Regel die Testergebnisse da. Darüber hinaus gelten die Neuankömmlinge nach RKI nicht als Risiko-Gruppen."

Bremer Flüchtlingsbündnis fordert Schließung

Berichte wie die des jungen Mannes haben auch die Aktivisten der Gruppe "Together we are Bremen" gesammelt.

Gemeinschaftsräume sind geschlossen und es ist verboten in den Außenbereich beziehungsweise auf den Spielplatz zu gehen. Die in der Unterkunft lebenden Kinder haben aber natürlich einen Bewegungsdrang und leben den dann einfach drinnen aus, zum Beispiel auf den Fluren.

Stellungnahme von "Together we are Bremen"

Manche Bewohner erzählten, dass sie den Eindruck hätten, die Schutzmaßnahmen seien eher für die Mitarbeiter der Einrichtung gedacht und weniger für die Bewohner selbst. Dem widerspricht das Sozialressort. Die Maßnahmen dienten den Bewohnern sowie den Mitarbeitern.

Das Bündnis hat jedenfalls kürzlich eine Petition zur Schließung der Einrichtung gestartet.

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Nicht alle Flüchtlingsorgansationen teilen allerdings die Petition. Die Willkommensinitiative Vegesack schreibt in einer Pressemitteilung, sie halte ebenfalls die erzwungene Unterbringung von mehreren Hundert Menschen in einem Gebäudekomplex für problematisch. Doch sie befürchte, dass eine Schließung die Probleme eher verschärfen könnte. Zu prüfen sei eher, ob eine Quarantäne für Neuzugänge nicht außerhalb der Einrichtung durchgeführt werden könne und sollte.

Sozialressort: Keine Schließung, aber Umzug einiger Bewohner in eine zweite Einrichtung

Der Flüchtlingsrat hat hingegen schon seit einigen Tagen die Auflösung der zentralen Aufnahmestelle gefordert. Die Bewohner könnten dann in der Vorstellung des Vereins auf leere Hotels, Übergangswohnheime und Container verteilt werden. Doch das Sozialressort sagt, dass dies nicht möglich sei. Die Versorgung und Betreuung der Geflüchteten würde zudem darunter leiden.

Die Rechtslage lässt das in den meisten Fällen erst nach einer gewissen Aufenthaltsdauer zu. Eine Unterbringung in Übergangswohnheimen ist zudem aus Kapazitätsgründen nicht möglich, die Zahl der Plätze in den Einrichtungen ist dem erwarteten Bedarf entsprechend abgebaut worden. Bei einer dezentralen Unterbringung in Hotels ist die Betreuung nicht sicherzustellen, weder medizinisch noch hinsichtlich der Beratung.

Bernd Schneider
Bernd Schneider, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin

Darauf antwortet Oerter: "Wenn man das will, kann man das machen. Zur Evakuierung gibt es keine vernünftige Alternative. Besondere Situationen machen besondere Lösungen nötig und möglich – das haben wir in den vergangenen Tagen überall gesehen."

Das Sozialressort gibt zudem bekannt, dass am Freitag einige Bewohner in eine separate Unterkunft umgesiedelt werden. Bis Ende der kommenden Woche sollen 100 Menschen umziehen.

Bewohner fühlen sich nicht ausreichend informiert

Noch sei laut dem Verein unklar, was passieren wird, falls ein Corona-Fall im Heim auftritt. Das Sozialressort teilt mit, dass die Frage sich momentan noch nicht stelle, da es keinen positiven Fall in der Einrichtung bislang gegeben habe. Sollte es dazu kommen, werde sich die Behörde mit dem Gesundheitsamt absprechen und entsprechend handeln. Doch die Bewohner fühlen sich nicht ausreichend informiert, erläutert der Flüchtlingsrat. Das bestätigt der anonyme Mann: "Wir haben einen Flyer mit Informationen über die Symptome in mehreren Sprachen bekommen, aber es gibt Leute, die nicht lesen können." Das Sozialressort sieht das anders.

Seit Wochen arbeiten die Kollegen vor Ort mit Hochdruck daran, die Bewohner über Neuerungen zu informieren, im ganzen Haus sind Aushänge angebracht, in mehreren Sprachen und teilweise mit Piktogrammen. Infoblätter sind in mehreren Sprachen verteilt worden. Die Möglichkeiten, sich zu informieren, sind also vielfältig.

Bernd Schneider
Bernd Schneider, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin

An diesem Freitagnachmittag wollten mehrere Anwohner gegen die Situation in der Unterkunft protestieren. Geplant war ein Zug von der Aufnahmestelle bis zum Sedanplatz in Vegesack. Laut Ordnungsamt wurde der Anmeldung der Demonstration aber nicht stattgegeben. Grund seien Infektionsschutzmaßnahmen. Eine unangemeldete Spontanversammlung sei trotzdem möglich, auch in diesem Fall werde genau auf die Einhaltung der Corona-Auflagen geachtet.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 28. März 2020, 6 Uhr