Interview

Jüngster Stadtverordneter Bremerhavens: "Dinge für Junge voranbringen"

Ein junger Mann steht lachend und mit verschränkten Armen vor einer Wand.
Bild: Radio Bremen | Sabine Krüger

Der Kroate Marco Miholic ist mit 25 Jahren der aktuell jüngste Bremerhavener Stadtverordnete. So kam er zur Politik und das sind seine Themen.

Authentisch, aufgeregt, aber auch abgeklärt und angriffslustig – so wirkt der 25-jährige Stadtverordnete Marco Miholic im Gespräch mit Bremen Zwei. Warum er sich für die FDP entschieden hat, welche Rolle sein kroatischer Pass spielt und wo er Bremerhavens Potenziale sieht, berichtet er Moderatorin Britta Lumma.

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie aufgeregt waren Sie vor der ersten Sitzung?

Ich würde sagen so eine 8 von 10.

Ein junger Mann sitzt auf einem roten Sofa.
Marco Miholic vor der konstituierenden Sitzung der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung. Bild: Radio Bremen | Sabine Krüger

Sie sind schon eine Weile für die FDP aktiv, haben die Jungen Liberalen in Bremerhaven neu gegründet – warum gerade die FDP?

Der Bundestagswahlkampf 2017 hat mich sehr politisiert. Dieses Bild, das die FDP damals unter Christian Lindner abgegeben hat, von Modernität, Selbstbestimmung, jeder kann es schaffen, durch eigene Leistung – das hat mich angesprochen. Ich bin dann einfach mal dort im Büro vorbeigeschneit, wollte mir die Leute angucken, ob das denn überhaupt auch menschlich zusammenpasst.

Ich dachte mir, ich als junger Ausländer, vielleicht passt das ja nicht, so mit Berufspolitikern. Ich war überrascht, wie gut die mich aufgenommen haben. Die haben mich als Menschen einfach so akzeptiert und respektiert, wie ich halt bin. Das habe ich bei anderen nicht so ganz erlebt. Deswegen habe ich mich da direkt wohl gefühlt.

Jüngeren Menschen sagt man eine gewisse Politikverdrossenheit nach – warum hat es Sie in die Politik gezogen?

Ich bin ein totaler Lokalpatriot. Bremerhaven hat seine Ecken und Kanten. Um den Berliner Ex-Bürgermeister zu zitieren: arm, aber sexy. Das sehe ich auch so für uns.

Ich wollte, dass man in der Stadt für junge Leute ein paar Dinge voranbringt, die die Politik bisher nicht auf dem Schirm hatte.

Marco Miholic, Bremerhavener Stadtverordneter

Beispielsweise die autofreie "Alte Bürger", ein Sportplatz beim Zoo am Meer, ein Wohnheim für Studierende und Azubis. Es hat wirklich lange gedauert, aber nun steht das auch im Koalitionsvertrag drin. Und das macht mich gewissermaßen stolz. Dafür habe ich mich jahrelang eingesetzt. Und das zeigt auch jedem, dass jeder, der konstruktiv an Bremerhaven mitgestalten will, auch einen Platz am Tisch kriegen kann.

Sie haben einen kroatischen Pass, welche Rolle spielt das im Hinblick auf Ihr politisches Engagement?

Eigentlich gar keine. Ich muss auch zugeben, aus Respekt gegenüber der Stadtverordnetenversammlung und Deutschland, werde ich mir dann auch eine deutsche Staatsbürgerschaft zulegen. Irgendwie ist das in Bremerhaven, in einer Stadt mit – ich meine – über 15 Prozent Ausländeranteil, auch keine Seltenheit, wenn jemand keine deutsche Staatsbürgerschaft hat. Das hat in meinem politischen Wirken nie eine Rolle gespielt. Ich habe mich immer für Bremerhaven eingesetzt. Und da hat man nie darauf geachtet, wo man herkommt, sondern was man machen will.

Hohe Arbeitslosigkeit, soziale Probleme, das assoziiert man oft mit Bremerhaven – hat Ihre Stadt Potenzial, das es einfach noch zu entdecken gilt?

Ja, definitiv. Die Potenziale Bremerhavens liegen definitiv in der Zukunft: Wir haben eine aufstrebende Tourismus-Wirtschaft. Der Hafen ist weiterhin zukunftsträchtig. Die Lebensmitteltechnologie entwickelt sich weiter. Es werden neue Stadtteile gebaut. Es werden in den nächsten sieben Jahren über 100 Millionen Euro in Bildung ausgegeben. Also, ich bin mir sicher, dass Bremerhaven in zehn Jahren besser sein wird, als heute.

Was sagen eigentlich Ihre Eltern dazu, dass Sie es jetzt auf diese Politikbühne geschafft haben?

Mein Vater ist gestorben, da bin ich gerade 18 geworden. Der hatte eine lange Krebserkrankung. Ich bin mir sicher, dass er da ganz zufrieden mit wäre. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass die FDP auch in Kroatien ein Begriff ist, weil der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sehr früh Kroatiens Unabhängigkeit anerkannt hat, weswegen viele Straßen in Kroatien nach ihm benannt worden sind. Deswegen denke ich, dass mein Vater damit sicherlich zufrieden wäre.

Meine Mutter, die war immer etwas skeptisch. Sie meinte Junge, guck doch, dass du erstmal dein Studium fertigkriegst, dass du arbeitest. Aber jetzt, wo es geklappt hat, hat sie mir auch auf die Schulter geklopft.

Zunächst hatten wir geschrieben, Marco Miholic sei der jüngste Stadtverordnete aller Zeiten. Das war ein Missverständnis und ist korrigiert.

Das Gespräch führte Britta Lumma, aufgezeichnet von Joschka Schmitt.

Das ist die Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung

Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Britta Lumma
    Britta Lumma Moderatorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 4. Juli 2023, 10:13 Uhr