Infografik

Diese Bremer und Bremerhavener Straßennamen zeugen von kolonialem Erbe

Straßenschild der Lüderitzstraße mit Zusatzschild der geschichtlichen Kontextualisierung
Dem Straßenschild der Lüderitzstraße in Bremen-Schwachhausen ist eine Legende zum kolonialen Kontext beigefügt. Bild: Radio Bremen

In Bremen gibt es einige Straßen, deren Namen auf die Kolonialzeit zurückgehen. Was dahintersteckt und warum die Lage in der einstigen Kolonie Bremerhaven anders ist.

Straßennamen spiegeln die Geschichte einer Stadt und ehren Personen und Orte. So beschreibt der Bremer Antikolonialverein "Der Elefant" diese besondere Bedeutung – als kollektives Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner. Mit der Zeit können sich Sichtweisen auf Namensgeber jedoch ändern. Gerade im Bereich des kolonialen Erbes gibt es zunehmend kritische Auseinandersetzungen. Bremen war in der deutschen Kolonialgeschichte zwischen 1884 und 1919 unter anderem durch den Überseehandel mit ehemaligen Kolonien verflochten. Davon zeugen noch immer etliche Straßennamen. In Bremerhaven hingegen zeigt sich ein anderes Bild.

"In Bremerhaven sticht das nicht so ins Auge", sagt die Leiterin des Stadtarchivs, Julia Kahleiß. "Bremerhaven war selbst eine Kolonie von Bremen, da wurden die Straßen anders benannt." Der Direktor des Historischen Museums in Bremerhaven, Kai Kähler, will nicht ausschließen, dass es koloniale Bezüge bei Straßennamen gibt. Jedoch sei dies in der Seestadt weniger ein Thema. "Bremerhaven ist in seiner heutigen Form erst 1947 aus drei Städten zusammen gemeindet worden", sagt Kähler. "Da gab es eher ganz normale Straßen, wie Bahnhof- oder Poststraße." Und Historikerin Kahleiß hat eine weitere Erklärung: "Ich vermute, dass die, die vom Kolonialismus profitiert haben, eher in Bremen gesessen haben, wenn man dabei zum Beispiel an die großen Reedereien denkt."

Kritische Auseinandersetzung mit kolonialem Erbe

In den Bremer Stadtteilen Walle und Schwachhausen gibt es jeweils gleich mehrere Straßennamen mit kolonialem Hintergrund. Die Initiativen "Walle entkolonialisieren" strebt dort eine Umbenennung an. Und auch der Schwachhauser Beirat hat sich bereits mit Umbenennungen beschäftigt. Dort wurden den Straßenschildern Legenden mit einem geschichtlichen Hintergrund beigefügt. "Eine Umbenennung ist komplex, wenn ein Straßenname Jahrzehnte oder Jahrhunderte galt", sagt Werner Wick, Sprecher des Bremer Kulturressorts. "Außerdem hängen oft mehrere Hundert Haushalte daran." Hilfreich seien da Werkzeuge wie die Kontextualisierung oder Umwidmung.

Folgende Beispiele machen koloniales Erbe in Bremen und Bremerhaven sichtbar. Doch es gibt noch mehr: Allein für Bremen zählt die Webseite der Wanderausstellung "Freedom Roads" 18 Namen auf. Zum Beispiel die Waterbergstraße in den Industriehäfen, die nach dem Ort benannt ist, an dem am 11. August 1904 der Völkermord gegen die Herero und Nama seinen Anfang nahm. Die Masterarbeit "Straßennamen in kolonialen Kontexten" der Studentin Anna Wolter von der Uni Bremen nennt insgesamt sogar 54 Straßennamen, darunter auch ehemalige. Die Arbeit wird auf der Webseite des Bremer Kultursenators als Informationsmaterial geführt und liefert Erklärungen für die folgenden Beispiele.

1 Lloydstraße in Bremerhaven

Die Lloydstraße in Bremerhaven-Mitte geht laut der Leiterin des Bremerhavener Stadtarchivs, Julia Kahleiß, auf den Norddeutschen Lloyd (NDL) zurück – eine der größten Reedereien des Deutschen Kaiserreichs. Der NDL spielt eine wichtige Rolle im Ausstellungs- und Forschungsprogramm des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM), das am Beispiel seiner Sammlung zu dessen Rolle im Kolonialismus forscht. Demnach haben europäische Militärs, Wissenschaftler und Kaufleute ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diverse Kultur- und Alltagsobjekte aus damaligen Kolonien in ihre Heimatländer verbracht. Wie sie in welche Institutionen gelangten, wird demnach inzwischen weltweit kritisch hinterfragt. Laut DSM avancierte der NDL während der Hochzeit des Imperialismus zu einer der größten Reedereien der Welt und beförderte Güter aus fernen Ländern in europäische Häfen.

Beispiele aus Bremen-Schwachhausen

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2 Vogelsangstraße

Benannt ist die Vogelsangstraße nach dem Bremer Heinrich Vogelsang (1862-1914). Er schloss im Auftrag des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz sogenannte Schutzverträge ab, die zur Gründung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika führten. Die Straße in Bremen-Schwachhausen ist mit einem Erklärtext versehen.

3 Lüderitzstraße

Die Straße trägt den Namen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz (1834-1886), der sich im afrikanischen Namibia 1883 durch einen Betrug ein großes Stück Land sicherte. Der Tabakwarenhändler wollte dem Stamm der Nama über seinen Bevollmächtigten Heinrich Vogelsang Land abkaufen. Dabei ließen die Kaufleute den Vertragspartner im Glauben, es handele sich um englische Meilen, etwa 1,6 Kilometer. Tatsächlich legten sie preußische Meilen von etwa 7,4 Kilometern zugrunde. Dies ging als "Meilenschwindel" in die Geschichte ein. Ein Jahr später erklärt das Deutsche Reich dieses Land zu einem "Schutzgebiet": die erste deutsche Kolonie, Deutsch-Südwestafrika.

Porträt von Lüderitz
Der Bremer Kaufmann und Kolonialist Adolf Lüderitz. Bild: Staatsarchiv Bremen

Versuche, die Straße umzubenennen, scheiterten bislang. Im Beirat und von Seiten der Anwohner gab es Widerstand. Dafür einigte man sich im Beirat Schwachhausen auf folgende Beschreibung, die am Straßenschild lesbar ist: "Adolf Lüderitz (1834–1886), Bremer Kaufmann, legte mit betrügerischem Landerwerb und geschäftlichen Unternehmungen im heutigen Namibia die Grundlage für die spätere gewalttätige Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika (1884–1915)".

4 Hedwig-Heyl-Straße

Die Straße in Bremen-Schwachhausen trägt den Namen der gebürtigen Bremerin Hedwig Heyl (1850-1934), Tochter des ersten Direktors des Norddeutschen Lloyd. Sie war Gründerin und Vorsitzende des Deutsch-Kolonialen Frauenbundes. Das Straßenschild in Schwachhausen trägt ebenfalls einen Erklärtext. In der Legende heißt es: Hedwig Heyl war "Vorsitzende des rassistischen 'Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft' (1910-1920). Heyl stand im Alter dem Nationalsozialismus nahe".

Beispiele aus Bremen-Walle

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5 Leutweinstraße

Die Leutweinstraße in Walle ist nach Theodor Leutwein (1848-1921) benannt, einem Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika. Er hielt mit seiner Truppe die sich widersetzende Bevölkerung gewaltsam in Schach und zwang sie unter sogenannte Schutzverträge. In Walle gibt es ebenfalls einen Leutweinplatz.

6 Nachtigalstraße

Gustav Nachtigal (1834-1885) ist Namensgeber der Nachtigalstraße in Walle. Er sorgte für die Erschließung von Schutzgebieten im späteren Deutsch-Südwestafrika. Er wirkte außerdem in Togo und Kamerun.

7 Karl-Peters-Straße

Die Karl-Peters-Straße ist nach dem Kolonialisten Karl Peters (1856-1918) benannt, der sich den Beinamen "Hänge-Peters" verdiente, nachdem er sein Dienstmädchen und einen Diener wegen einer Beziehung im heutigen Tansania hängen und ihre Heimatdörfer verwüsten ließ. Außerdem schloss er Protektoratsverträge ab, aus denen die Kolonie Deutsch-Ostafrika hervorging. Die Straße wurde mittlerweile umgewidmet und erinnert nun an einen Strafrechtsreformer gleichen Namens.

Ungeliebte Straßennamen mit NS- und kolonialer Vergangenheit

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. April, 19:30 Uhr