Interview

Arbeitsplatz am Hauptbahnhof: Wie stoppen wir den Tod durch Drogen?

Rosen, symbolische Grabkreuze, Kerzen und Zettel mit persönlichen Botschaften haben Freunde und Angehörige von Verstorbenen anlässlich des "Bundesweiten Gedenktages für verstorbene DrogengebraucherInnen" niedergelegt
Der Trauer um die Toten durch Drogen wird am Gedenktag Ausdruck verliehen. Bild: DPA | Boris Roessler

Jährlich wird am 21. Juli der Drogentoten gedacht. Die Bremer Sozialarbeiterin Paulina Schade erzählt von ihrer Arbeit im Drogenraum und wie sie mit der Belastung umgeht.

Es ist die höchste Zahl seit 20 Jahren: 1.826 Menschen starben 2021 im Zusammenhang mit ihrem Drogenkonsum in Deutschland. 25 davon in Bremen. Wie jedes Jahr wird ihrer am 21. Juli mit Redebeiträgen und Kranzniederlegungen gedacht. Die Bremer Sozialarbeiterin Paulina Schade erzählt von ihrer Arbeit in einem Drogenkonsumraum und davon, was den Betroffenen wirklich helfen könnte.

Frau Schade, Sie arbeiten in der Drogenhilfe am Hautbahnhof, wie belastend ist so eine Arbeit?
Es geht auf jeden Fall nicht spurlos an einem vorbei und ist häufig sehr traurig. Der Substanzmissbrauch ist ja oft nur ein Versuch, etwas anderes zu bewältigen, und die Personen sind vom Schicksal fies getroffen. Missbrauchserfahrungen in der Kindheit, Traumata und Schicksalsschläge stecken oft dahinter. Für manche ist da der Substanzgebrauch der einzige Weg, mit diesen Erfahrungen umgehen zu können. Für mich persönlich ist es aber oft besonders schlimm, wenn ich diese Hilflosigkeit spüre, weil es an Angeboten fehlt. Ich habe vielleicht dann fünf oder sechs Angebote, die ich machen kann und da dauert es dann vielleicht noch Monate, bis es einen Platz gibt. Und ich weiß, dass die Personen nicht ein halbes oder ein ganzes Jahr auf einen Therapieplatz warten können.
Besonders schlimm ist es sicher auch dann, wenn die Menschen tatsächlich versterben.
Ja, es fällt insbesondere dann schwer, Abschied zu nehmen, wenn der Tod durch Mangel an Angeboten entstanden ist. Zum 25. Mal findet der Gedenktag inzwischen statt. Ursprünglich war er von einer Angehörigen eines Verstorbenen initiiert worden. Allerdings muss man auch bei der Zahl der Verstorbenen bedenken, dass dabei nur eine spezifische Personengruppe darunter fällt. Suizide zum Beispiel, die oft durch die Perspektivlosigkeit und auch durch fehlende Hilfsangebote entstehen, fallen nicht unter die Zahl der Drogentoten.
Wie genau sieht Ihre Arbeit denn überhaupt aus?
Ich habe bereits an verschiedenen Stellen gearbeitet. Bis vor kurzem beispielsweise in einem Drogenkonsumraum am Bahnhof. Mein Arbeitgeber "comeback" ist in Bremen für große Teile der "niedrigschwelligen Angebote" zuständig.
Ein Grabstein mit der Aufschrift Bremer Drogenstein
Am Ziegenmarkt in Bremen steht dieser Gedenkstein, an dem einmal im Jahr der Drogentoten gedacht wird. Bild: yes Bremen/ comeback
Das bedeutet?
Eine gewisse Personengruppe, die Drogen konsumiert – bei weitem nicht alle – erreicht man nur über bestimmte Hilfsangebote. Das heißt, es braucht einen leichten Zugang, ein Setting mit einer ungezwungenen Atmosphäre, keine Terminvorgaben und die Angebote sind nicht Abstinenz orientiert. Das ist dann eben so etwas wie Street Work.
Wie kann man sich die Arbeit in einem Drogenkonsumraum denn vorstellen?
In dem Drogenkonsumraum dürfen die betroffenen Menschen ihre Substanzen konsumieren. Die Hauptaufgabe ist es, den Substanzgebrauch zu begleiten. Das heißt, in Notfällen da zu sein und Fragen zu beantworten. Wir bieten dann dazu Beratungen für "saferuse", also einen risikoärmeren Gebrauch, an – allerdings ohne Zwang. Außerdem stellen wir hygienische Utensilien bereit oder reden mit den Personen auch einfach mal über was anderes– das kommt bei den Drogenkonsumenten nämlich oft zu kurz. Es ist wichtig, auch einfach mal nur da zu sein und zu fragen: "Wie geht es dir denn? Du siehst anders aus als vor zwei Monaten. Was ist aus deinen Plänen geworden?"
Der Drogenkonsumraum, bei dem Sie gearbeitet haben, ist ja am Hauptbahnhof. Hier wird durch den Aktionsplan des Senats in letzter Zeit mit Polizeikontrollen, aber auch mehr Hilfsangeboten versucht, eine "sicherere" Umgebung zu schaffen. Wie bewerten Sie die derzeitigen Entwicklungen?
Erstmal freue ich mich natürlich darüber, dass dieser Aktionsplan auch Hilfsangebote umfasst. Ich persönlich hab aber die Einschätzung, dass es zu kurz gegriffen ist, wenn man sich nur an der Situation am Hauptbahnhof aufhängt und nicht schaut, wie diese Menschen dort überhaupt gestrandet sind. Die Hilfen, die dort eingesetzt wurden, sind ja überwiegend Streetwork, Hilfen vor Ort. Streetwork hat ja vor allem auch das Ziel, zu vermitteln – und da braucht es Orte, an die vermittelt werden kann. Wohnraum, Arbeitsplätze – es gibt verschiedene Stellschrauben, an denen gedreht werden muss.

Die Überschrift, die über dem Ganzen steht, ist außerdem, dass es sich um ein Sicherheits- und Sauberkeitsproblem handelt. Das ist es aus meiner Perspektive nicht. Wir haben da ein Sicherheitsproblem, aber insbesondere für andere Personengruppen, als die, über die gesprochen wird . Es ist eine reale lebensbedrohliche Situation am Hauptbahnhof für viele Menschen, die Drogen konsumieren- das zeigt auch der Gedenktag. Bei Maßnahmen wie Platzverweisen – ohne die Option für die Personen, woanders anzukommen, hat man die Situation an einer anderen Stelle wieder. Wenn man diese Menschen dort nicht haben will, sollte man sich Gedanken machen, warum diese Menschen dort sind. Ich kenne niemanden, der da zufrieden ist und sich denkt: "So habe ich mir mein Leben vorgestellt."
Was müsste denn stattdessen gemacht werden?
Fehlender Wohnraum, Armut, fehlende medizinische Versorgung und aufenthaltsrechtliche Bestimmungen – all das sind Gründe, warum die Menschen am Bahnhof sind und es ist wichtig, die zu verändern, wenn man möchte, dass sich die Situation wirklich verbessert. Es beginnt damit, Kinder- und Jugendhilfe auszubauen, Betätigungen zu schaffen, damit die Personen wieder Teil der Gesellschaft sind, medizinische Versorgung, wie zum Beispiel in Hamburg die Vergabe von Substitutionsmitteln, also Ersatzmittel für Heroin, Diamorphin. Auch die Möglichkeit, schnell in eine Entgiftung zu kommen, in Krankenhäusern schnell substituiert zu werden und dort bleiben zu können. Aber auch weniger Stigmatisierung: Was den Leuten entgegenschlägt, wenn sie auf der Straße betteln, da schlucke ich nicht selten, wenn sie mir davon erzählen. Wenn die Situation verbessert werden soll, muss man eben die betroffenen Personen fragen, wo sie eigentlich hinmöchten und dementsprechend Angebote schaffen.

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Bild: DPA | Carmen Jaspersen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Juni 2022, 19:30 Uhr