RAF-Anwalt und Kinderbücher: Das spannende Leben von Heinrich Hannover

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Hannover hat lange als Anwalt in Bremen gewirkt. Er ist Pazifist, verteidigte RAF-Terroristen und schrieb Kinderbücher: Wie passte das alles zusammen? Der 96-Jährige erzählt.

In 96 Jahren ist einiges an Büchern und Akten zusammengekommen. Sowohl in Heinrich Hannovers Haus in Worpswede als auch im Bremer Staatsarchiv. Denn seine Fälle sind keine gewöhnlichen Kriminalfälle. Sie erzählen die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit – aus Sicht eines linken Rechtsanwalts.

In aufgeheizten Zeiten kämpft er für das Recht – und seine Mandanten. "Er hat sich im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit sicher auch Gegner verschafft", so Bernhard Docke. "Aber das gereicht ihm zur Ehre." Heinrich Hannover ist ein unbequemer Rechtsanwalt.

Ich glaube, dass ich immer bemüht war, mich so zu verhalten, dass es dem Mandanten genützt hat. Obwohl es nicht immer nützlich für mich und mein Ansehen in der Öffentlichkeit war.

Heinrich Hannover

Der Weg zum Rechtsanwalt für politisch Linke

Heinrich Hannover als junger Soldat
Heinrich Hannover als junger Soldat Bild: Radio Bremen

Heinrich Hannover wird 1925 in Anklam in Pommern geboren. Das Elternhaus ist konservativ. Der Vater ist Arzt und wird schnell zu einem überzeugten Anhänger der Nationalsozialisten. Hannover erinnert sich: "Ich habe immer noch den Spruch meines Vaters im Ohr: 'Junge, das ist deine Zukunft.' So hat er das damals gesehen. Ich selber war kein begeisterter Hitlerjunge und habe mich vor dem Dienst in der Hitlerjugend so weit wie möglich gedrückt. Nicht aus politischen Gründen, das war einfach nicht meine Sache. Ich war interessiert an Literatur, an Musik, aber nicht am Marschieren und am Hitlergeist."

Mir wurde die Verteidigung eines Kommunisten zugewiesen und das machte mich in den Kreisen, aus denen ich eigentlich meine Klientel haben wollte, unbeliebt.

Heinrich Hannover

Nach dem Krieg studiert er Jura und kommt zum Referendariat nach Bremen. Hier erhofft er sich lukrative Mandate aus der Kaufmannschaft, es kam jedoch anders: "Mir wurde die Verteidigung eines Kommunisten zugewiesen und das machte mich in den Kreisen, aus denen ich eigentlich meine Klientel haben wollte, unbeliebt. Und so bin ich dann, ohne dass ich das wollte, ein Verteidiger von linken Leuten, von kleinen Leuten geworden, die mit der Adenauer-Regierung in Konflikt lagen."

1944 dann der Fronteinsatz. Der Krieg wird ihn für sein Leben prägen. Er habe im Krieg so schreckliche Dinge erlebt, so viele Kameraden sterben sehen, nicht nur Kameraden, sondern auch Feinde, dass er als Pazifist ins Leben gegangen sei und auch lebenslänglich blieb.

"Farbtupfer in der grauen Adenauer-Welt"

Der Rechtsanwalt Bernhard Docke bewundert Heinrich Hannover schon als Kind – die Familien Docke und Hannover sind Nachbarn: "Herr Hannover ist ein ganz besonderer Anwalt, er betritt den Gerichtssaal und hat eine ganz besondere Aura: Im Theater würde man sagen, eine ganz besondere Bühnenpräsenz. Er ist rhetorisch brilliant und hat eine intellektuelle Schärfe ganz besonderer Art."

Herrn Hannover habe er von frühester Kindheit an als einen "besonders coolen Erwachsenen" in Erinnerung. Ein bisschen anders, wie ein Farbtupfer in der grauen Adenauer-Welt: Jemand der unangepasst, witzig und unerschrocken war, der ein bisschen herausstach aus den anderen Erwachsenen, die er damals kennenlernte.

Im Kampf gegen den anhaltenden nationalsozialistischen Geist

Demonstranten halten Plakat: Nicht knüppeln sondern verhandeln
Demonstranten bei den Staßenbahnunruhen 1968 Bild: Staatsarchiv Bremen

Auch Hannovers Fälle stechen heraus. Die Akten erzählen, wie gnadenlos der Staat damals Jagd auf Kommunisten macht. Willy Meyer-Buer, ein angesehener Bremer Kaufmann und Bürgerschaftsabgeordneter, gerät ins Visier der Justiz. Weil er sich als unabhängiger Kommunist zur Wahl stellt, wird er angeklagt – wegen Unterstützung der verbotenen KPD. Die Nazis hatten Meyer-Buer ins KZ gebracht, weil er Kommunist war. 1963 wird er vom Landgericht Bremen wieder verurteilt, weil er Kommunist ist.

Von einer Entnazifizierung der Justiz konnte keine Rede sein: "Die Macht der alten Nazis war ungebrochen, ob das nun in der Verwaltung war, in der Politik, der Justiz. Man begegnete überall dem Geist der unter Hitler geherrscht hatte", erzählt Hannover. 1968 ändert sich dieser Geist. In Bremen gehen Schüler auf die Straße, Heinrich Hannover verteidigt viele, die nach den Staßenbahnunruhen vor Gericht landen. Und in Berlin formiert sich die außerparlamentarische Opposition. "Es war ein wichtiges Erlebnis für mich, dass in der jungen Generation Widerstand gegen die ältere Generation aufkam. Und dass plötzlich ein neuer Geist wach wurde, dem ich mich auch verbunden fühlte."

Hannover der "Terroristenanwalt" – Briefwechsel mit Meinhof

Sie hat den unglücklichen Weg gewählt, in den Untergrund zu gehen und sich mit der Gewalt zu verbinden. Da konnte ich ihr nicht mehr folgen.

Heinrich Hannover über RAF-Terroristin Ulrike Meinhof

Bald wird Heinrich Hannover bundesweit bekannt, durch seine prominenteste Mandantin Ulrike Meinhof. Hannover kannte und schätzte sie als Journalistin der Zeitschrift "konkret", doch ihre Geister sollten sich bald scheiden: "Ihre Erkenntnis war, dass es nicht genügt zu protestieren, sondern man auch Widerstand leisten müsse. Aber wie man Widerstand leisten musste, das war durchaus unterschiedlich zu beantworten. Und sie hat den unglücklichen Weg gewählt, in den Untergrund zu gehen und sich mit der Gewalt zu verbinden. Da konnte ich ihr nicht mehr folgen."

Nach monatelanger Fahndung wird Ulrike Meinhof 1972 in Hannover festgenommen und in Köln inhaftiert. Es beginnt ein intensiver Briefwechsel zwischen dem Pazifisten Hannover und der Terroristin Meinhof, der heute im Bremer Staatsarchiv lagert. "Nach meiner Erinnerung bewegte sich unser Briefwechsel sich auf dem Niveau des Widerspruchs. Ich habe ihr widersprochen und habe auch gemerkt, wie unmöglich es war, ihr Bewusstsein zu verändern."

Doch in der bundesdeutschen Öffentlichkeit gilt Hannover nun als Terroristenanwalt. Die Drohschreiben füllen einen ganzen Aktenordner. Das vergiftete Klima dieser Zeit bekommt seine Familie zu spüren, auch seine Tochter Almut Hannover.

Ich erinnere mich an einen Anruf, wo gesagt wurde, wir kommen heute Nacht vorbei und schlagen die Fensterscheiben ein, da war ich natürlich total geschockt. Das haben wir schon als Bedrohung empfunden.

Almut Hannover

Ausgleich in düsteren Zeiten: Pferd Huppdiwupp und Mücke Pieks

Während dieser düsteren Zeit schaffte sich Heinrich Hannover einen Ausgleich: Er schrieb Kinderbücher. Die Geschichten vom "Pferd Huppidiwupp" oder "Der Mücke Pieks" verkauften sich hunderttausendfach – dabei waren sie zunächst nur für seine sechs Kinder gedacht.

Kinderbuch von Heinrich Hannover "Das Pferd Huppdiwupp"
"Das Pferd Huppdiwupp" Kinderbuch von Heinrich Hannover Bild: Radio Bremen

Almut Hannover erinnert sich daran, wie ihr Vater damals seine Geschichten erzählte: "Er war ein Vater für besondere Stunden, im Alltag war er eigentlich nicht da. Er war oft beruflich abwesend und sehr viel auf Reisen. Deshalb haben wir ihn vor allem in den Abendstunden für uns gehabt, wenn er dann diese berühmten Kindergeschichten erzählte." Die Kinder hat Heinrich Hannover an der Entstehung der Geschichten beteiligt: "Ich habe gefragt: 'Was soll denn in der Geschichte vorkommen?' Wenn dann beispielweise vorgeschlagen wurde: 'Ein Pferd und ein Haus und eine Großmutter', dann habe ich mich gefragt: 'Wie kann man daraus eine Geschichte machen?' Und meist haben die Kinder dann auch vorgeschlagen, wie es weitergehen sollte."

Dass Figuren wie der "müde Polizist" dabei nicht immer ganz ernst genommen werden, ist typisch Heinrich Hannover. "Er hatte immer schon die Tendenz gewisse Autoritäten zu veralbern", erzählt Almut Hannover. "Das Militär zum Beispiel, aber das kann er in einer Kindergeschichte nicht unterbringen. Ein Polizist kann dafür jedoch auch herhalten." Das sei wohl eher aus Versehen passiert, sagt Heinreich Hannover, er habe nie die Absicht gehabt, pädagogisch oder belehrend zu wirken. Aber seine Geschichten hätten natürlich etwas mit seiner geistigen Haltung zu tun.

Pazifist Hannover trennt sich von Meinhof

Währenddessen sitzt seine Mandantin Ulrike Meinhof im sogenannten "Toten Trakt" der JVA Köln-Ossendorf in strenger Isolationshaft. Bedingungen, die der Anwalt juristisch vor dem Bundesverfassungsgericht angreift – jedoch erfolglos. Heinrich Hannover spricht sich deutlich gegen derartige Haftbedingungen aus: "Wenn der Mensch keinerlei Ansprechpartner mehr hat, wenn aus der Zelle alle Blickpunkte für die Augen entfernt werden, das erträgt kein Mensch. Da muss man verrückt werden. Und sie ist auch gewissermaßen verrückt geworden."

Das spiegelt sich auch in den Briefen wieder. Der Ton zwischen den beiden wird rauer. Bei Besuchen kommt es immer wieder zu lautstarken Streits. Hannover legt schließlich das Mandat nieder. Beim Prozess in Stammheim wird Ulrike Meinhof von anderen Anwälten vertreten. Das Gewaltkonzept, dass Meinhof vertrat, sei unvereinbar mit Hannovers Pazifismus gewesen.

Heinrich Hannover bleibt dennoch ein Anwalt der linken Szene. Er vertritt weitere mutmaßliche Terroristen, wenn er von deren Unschuld überzeugt ist, so etwa Astrid Proll. Andere Prominente Mandaten sind Günther Wallraff oder der ehemalige DDR-Funktionär Hans Modrow.

Ein Anwalt für die kleinen Leute

Und dennoch ist Hannover alles andere als ein Promi-Anwalt. Ebenso wichtig sind ihm die kleinen Leute: Vor allem solche, die seine pazifistische Grundhaltung teilen. Kriegsdeinstverweigerer habe er mit Herzblut als Anwalt betreut.

Heute wird die Kanzlei Hannover von seinem Freund und Kollegen Bernhard Docke weitergeführt. Auch er hat sich immer wieder unbequemer Fälle angenommen. Docke ist überzeugt: "Jeder Tatverdächtige verdient eine ordnungsgemäße Verteidigung, egal, was ihm vorgeworfen wird. Da muss man unerschrocken rangehen und darf keine Angst haben, auch nicht davor, dass man scheitert oder dass die Medien einen verdammen. Dieses Risiko muss man eingehen."

Heinrich Hannover ist auch im hohen Alter mit vielem nicht einverstanden. Dass Deutschland Kriege in Afghanistan und anderswo geführt hat, hält er für falsch. Und doch ist die Gesellschaft in den letzten 70 Jahren eine andere geworden – auch durch ihn.

Ich bin einer von vielen, die an der Justiz etwas zu verbessern versucht haben. Und ein bisschen was haben wir wohl auch verbessert.

Heinrich Hannover

Autor

  • Steffen Hudemann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Oktober 2021, 19:30 Uhr