Interview

Warum Intelligenz bei Gymnasial-Empfehlungen nicht alles ist

Bild: DPA | Siegfried Kuttig

Der Wechsel nach der 4. Klasse verunsichert Kinder oft, sagt der Bremer Bildungswissenschaftler Florian Schmidt-Borcherding. Wie groß der Druck ist, liege bei den Eltern.

Wer darf aufs Gymnasium und wer nicht? Über die Empfehlungen müssen Lehrerinnen und Lehrer in Bremen jetzt entscheiden. Wie wichtig diese Empfehlungen für eine erfolgreiche Schullaufbahn heute noch sind, erklärt Bildungsforscher Florian Schmidt-Borcherding von der Universität Bremen.

Jetzt stehen in den Grundschulen Zeugniskonferenzen an – dabei wird auch über die Empfehlungen für Gymnasien entschieden. Herr Schmidt-Borcherding, was ist die Basis für diese Empfehlungen?
Aus lernpsychologischer Sicht ist da zunächst die allgemeine Intelligenz. Sie ist das wichtigste Persönlichkeitsmerkmal in diesem Bereich. Noch wichtiger ist allerdings das tatsächlich im bisherigen Bildungsverlauf erworbene Wissen. Das heißt auch, dass mangelndes Wissen nicht durch Intelligenz kompensiert werden kann. Allerdings gibt es auch noch andere Faktoren – Motivation, Persönlichkeit und Umfeld – über die Schulen und Lehrkräfte aber nicht unbedingt gut informiert sind.
Professor Florian Schmidt-Borcherding lehrt an der Uni Bremen Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Pädagogische Psychologie.
Florian Schmidt-Borcherding ist Professor für Lehr-Lern-Forschung und Pädagogische Psychologie an der Universität Bremen. Bild: Florian Schmidt-Borcherding
Ist die 4. Klasse der richtige Zeitpunkt, um die Vorentscheidung über den möglichen Schulabschluss zu entscheiden?
Jede Vorhersage hat zwei Seiten, die Vergangenheit und die Zukunft: Wie viele Informationen aus der Vergangenheit liegen vor? Und wie weit in die Zukunft soll die Vorhersage reichen? In der Grundschulzeit befinden sich Kinder in einem dynamischen Entwicklungsprozess. Zum Beispiel lässt sich die Intelligenz eines Kindes bezogen auf seine Altersgruppe frühestens im Alter von acht bis neun Jahren vernünftig messen – einem Alter also, in dem bereits die Vorhersage getroffen werden soll.

Die Vorstellung, dass die mathematischen Kompetenzen im 4. Schuljahr bereits Aufschluss darüber geben sollen, ob jemand später erfolgreich einen Mathe-Leistungskurs absolviert, fällt schwer.

Florian Schmidt-Borcherding, Bildungswissenschaftler Universität Bremen
Das Problem scheint dann aber eher zu sein, dass die Entscheidung für die geeignetste Schule bereits gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Schulabschluss sein soll. Sprich, wenn eine Entscheidung, egal zu welchem Zeitpunkt, ohnehin fehlerbehaftet ist, dann sollte man für die Zukunft, auf die man schaut, ausreichend Flexibilität bereithalten.

Entwicklung der Plätze an Gymnasien in Bremen

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Setzt der Wunsch nach einer Gymnasial-Empfehlung Kinder schon früh unter Druck?
Ich würde davon ausgehen, dass der Wechsel aus der Grundschule an weiterführende Schulen für Kinder unabhängig von der Schulform mit Unsicherheit behaftet ist. Genau so, wie das schon beim Wechsel von Kita in die Grundschule der Fall ist. Hier könnte man sich also grundsätzlich fragen, ob es überhaupt nötig oder sinnvoll ist, den bekannten schulischen Lernrahmen bereits nach vier Jahren wieder zu verändern.

Den Wunsch nach einer Gymnasialempfehlung verspüren aber ja meistens die Eltern und nicht die Kinder. Damit liegt es im Zweifel auch an den Eltern, ob sie diesen Druck an ihre Kinder weiter geben oder nicht. Die Kinder beschäftigt das ansonsten eher deswegen, weil sie da hin wollen, wo ihre Freundinnen und Freunde auch sind.
Wie oft liegen Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Empfehlungen oder Nicht-Empfehlungen falsch?
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Qualität von Lehrerurteilen in diesem Bereich sind durchaus ernüchternd. Das liegt aber nicht unbedingt an den Lehrkräften, sondern an der Komplexität des Lernens und der Schwierigkeit, die entsprechenden Faktoren zu messen.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler für ein Gymnasium geeignet wäre und wir anhand von Urteilen der Lehrkräfte auch genau die Hälfte auswählen, sind diese Entscheidung in einem Drittel der Fälle falsch. Gymnasialeignung ist aber nicht biologisch, genetisch oder sonstwie festgelegt. Es geht letztlich darum, die Lernumgebung für jeden einzelnen Lernenden zu optimieren.
Wenn die Empfehlungen doch nicht richtig waren: Ist das Schulsystem flexibel genug, dass die Schüler noch auf die für sie passende Schule wechseln können?
Wenn die Vorhersagequalität nicht ausreichend ist, dann muss diese Flexibilität gegeben sein oder hergestellt werden. Wenn Sie nur kurz zum Bäcker vor die Tür gehen, dann schauen Sie kurz im Regenradar, ob Sie einen Schirm brauchen. Wenn Sie eine 14-tägige Fahrradtour planen, packen Sie Klamotten für jede erwartbare Wetterlage ein.

Diese Flexibilität muss ein Schulsystem haben, wenn es über acht bis neun Jahre Lernprozesse optimieren möchte. Leider attestiert die OECD (Anm. d. Red. Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, welche jährlich eine Bildungsstudie herausgibt) dem deutschen Bildungssystem meines Wissens immer noch und immer wieder, dass genau diese Durchlässigkeit zwischen unterschiedlichen Schulformen nicht gegeben ist. Unabhängig von der Durchlässigkeit wäre es mindestens genau so zielführend, die Anpassungen der Lernumgebung an die individuellen Unterschiede der Lernenden innerhalb der Schule, der Klasse und des Unterrichts vorzunehmen.
Früher waren die Gymnasien der Flaschenhals für höhere Schulabschlüsse. Dieses Alleinstellungsmerkmal ist längst weggefallen. Warum ist die Empfehlung vielen heute immer noch so wichtig?
Weil die Existenz der Gymnasien zusammen mit den Entscheidungskriterien, wer dort hin darf und wer nicht, Auswirkungen auf die Schülerschaft in den Schulen hat. Das heißt, es werden Personen mit besonders guten Lernvoraussetzungen aus der Gesamtpopulation herausgenommen und einer besonderen Beschulung zugeführt. Damit entstehen in den Gymnasien allein durch die Selektion möglicherweise bessere, auf jeden Fall aber andere Lern- und Unterrichtsbedingungen.

Lernpsychologisch frustrierend an dieser Praxis ist, dass die passende Gestaltung der Lernumgebung an die Lernenden um so wichtiger wird, je ungünstiger die Lernvoraussetzungen sind. Das heißt Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialempfehlung sind vermutlich die Letzten, die eine besondere Behandlung benötigen.

Florian Schmidt-Borcherding, Bildungswissenschaftler Universität Bremen
Halten Sie es grundsätzlich für richtig, das Schulsystem nach der 4. Klasse aufzuteilen – und die Kinder mit den besten Leistungen gesondert auf Gymnasien zu schicken?
Es gibt lernpsychologische Argumente, warum eine spätere Aufteilung besser sein könnte und warum man bei der Anpassung von Lernumgebungen nicht "oben", also bei der Auswahl für das Gymnasium anfangen sollte. So gesehen also: zwei Mal nein. Bildungspolitische Entscheidungen müssen aber auf einer anderen, auch wissenschaftlich breiteren Grundlage getroffen werden.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Januar 2023, 19:30 Uhr