Infografik

Harter Entzug: Was der Verzicht auf Zucker mit uns macht

Täglich essen wir etwa viermal mehr Zucker als empfohlen. Wie es auch ohne geht, zeigt eine Kita in Bremen. Was passiert mit uns, wenn wir keinen Zucker mehr essen?

Viele Tüten mit Bonbons liegen nebeneinander
Auf dem Weihnachtsmarkt locken viele leckere Naschereien, die sehr viel Zucker enthalten. Bild: Radio Bremen

Hier ein Plätzchen, da ein Schokolädchen, und dann noch eine Tasse Kakao zwischendurch: Gerade in der Weihnachtszeit naschen wir gerne und viel von süßen Köstlichkeiten. Aber was diese erst so verführerisch macht, sollten wir eigentlich nur in Maßen genießen: den Zucker.

"Die Deutschen sind beim Zuckerkonsum in Europa mit Spitzenreiter", sagt Antje Hebestreit, Ernährungswissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Und das ist alles andere als gesund: "Wenn ich langfristig viel Zucker esse, kann das zu Stoffwechselstörungen, Übergewicht und Karies führen. Und letztendlich auch zu Typ II Diabetes", sagt Hebestreit.

Das passiert, wenn man auf Zucker verzichtet

Video vom 14. Dezember 2019
Grafik: Eine Person im Mittelpunkt, umringt von Eis, Bonbons, einem Lutscher und Kuchen.
Bild: Radio Bremen

Teufelskreis Zuckerkonsum

Deswegen sei es eigentlich am besten, gar keinen "freien", also künstlich zugesetzten Zucker zu essen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, nur 25 Gramm pro Tag zu sich zu nehmen. Das sind etwa sechs Teelöffel. Die meisten von uns essen aber um einiges mehr: Im Schnitt sind es etwa 24 Teelöffel pro Tag.

"Je häufiger ich einen Geschmack schmecke, umso stärker gewöhne ich mich daran. Und beim Zucker führt das dazu, dass ich immer mehr drauflege, um diesen Geschmack wiederzuhaben", sagt Antje Hebestreit. Und weil wir uns schon so daran gewöhnt haben, ist es gar nicht so einfach, wieder damit aufzuhören – auch, wenn der Zuckerverzicht für den Körper aus physiologischer Sicht eigentlich kein großes Problem ist. Der holt sich die Energie dann nämlich aus anderen Quellen. Und das wirkt wie ein Entzug.

Das ist ein Entwöhnen. Es bereitet mir Stress, von diesen eingefahrenen Strukturen wieder runter zu kommen.

Antje Hebestreit, Ernährungswissenschaftlerin

"Deswegen werden auch Personen, die darauf verzichten, knatschig: Sie können nicht mehr einfach zugreifen, wenn sie Lust auf etwas Süßes haben, sondern müssen sich etwas anderes suchen", sagt Hebestreit.

"Das Problem ist der Zeitaufwand"

Was aber für den Studenten Kolja Fach am schwierigsten am Zuckerverzicht war, war etwas anderes. Der 21-Jährige hat 14 Tage lang komplett auf zugesetzten Zucker verzichtet. "Entzugserscheinungen hatte ich nicht", sagt er. Doch vor allem der Aufwand sei ein Problem gewesen: Der bewusst zuckerfreie Einkauf und das Kochen nehme viel mehr Zeit in Anspruch, als sonst. Denn Lebensmittel ohne Zucker seien gar nicht so leicht zu finden – egal ob Tomatenmark, Frischkäse oder Marmelade. "Ich habe dann mein eigenes Brot gebacken, mein eigenes Pesto gemacht", erzählt Fach.

Doch trotz dieser Mühen habe er die Zeit genossen: "Süßigkeiten werden wieder zu einem Bonus. Man hat nicht mehr das Gefühl: 'Ich brauche jetzt unbedingt was Süßes'", sagt er.

Man gewinnt komplett die Kontrolle über seine Ernährung zurück, das ist ein gutes Gefühl.

Kolja Fach, hat auf Zucker verzichtet

Neben dem Wohlbefinden habe der Verzicht aber auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit, sagt Antje Hebestreit – vor allem, wenn man länger darauf verzichtet. "Das Risiko für Herzkreislauferkrankungen sinkt. Und es gibt sogar Studien, die sagen: Damit senkt man sein Sterblichkeitsrisiko", so die Ernährungswissenschaftlerin.

Kita in Gröpelingen verzichtet komplett auf Zucker

Mit Blick auf all diese positiven Aspekte hat auch die Kita am Lindenhof in Bremen-Gröpelingen einen drastischen Schritt getan: Seit der Eröffnung 2014 sind Süßigkeiten komplett tabu, egal ob zwischendurch oder zum Geburtstag. Zu Naschen gibt es dafür Obst. Auch Kuchen gibt es mal – nur eben ohne extra Zucker. "Statt Kristallzucker benutzen wir Honig. Das merkt man nicht", sagt Jennifer Gronwald, Köchin in der Kita am Lindenhof. Außerdem könne man zum Beispiel mit Früchten süßen.

"Es wäre toll, wenn das auch in die privaten Haushalte tröpfelt und von den Eltern kopiert und dann wenig nachgezuckert wird", sagt Antje Hebestreit. Die Kita Lindenhof ist sich zwar sicher, dass die Kinder zuhause noch Zucker bekommen. Aber die Aufmerksamkeit bei den Eltern sei insgesamt größer geworden.

Ein Blick in die zuckerfreie Kita:

Video vom 14. Dezember 2019
Kinder sitzen um einen Tisch und essen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Dezember 2019, 19:30 Uhr