Kindesmisshandlung: Das können Sie als Außenstehende tun

In Bremerhaven steht ein Paar vor Gericht. Vorwurf: Schwere Kindesmisshandlung. In Bremen ist das kein Einzelfall. Wie können aber Außenstehende helfen?

Angeklagter eines Prozesses um Kindesmissbrauch neben seinen Anwälten

Am Dienstag sollte der Prozess eigentlich starten. Die Angeklagten: Ein Elternpaar aus Bremerhaven. Vor etwa zweieinhalb Jahren sollen sie ihren damals vier Jahre alten Sohn absichtlich mit kochendem Wasser übergossen haben. Da die Mutter jedoch nicht zum Gerichtstermin erschienen ist, verschiebt sich der Prozess zunächst auf den 30. Januar. Der Junge, der damals an mehreren Stellen Verbrennungen zweiten Grades erlitt, ist mittlerweile in einer Pflegefamilie außerhalb von Bremen untergebracht, so ein Sprecher des Bremer Landesgerichts.

Ein Extremfall der Kindesmisshandlung, jedoch kein Einzelfall. 39 Misshandlungsfälle bei Kindern wurden im Jahr 2016 gemeldet, bei sexuellem Missbrauch sind die Zahlen noch ein gutes Stück höher. Gleiches dürfte auch für die Dunkelziffern hinter den offiziellen Werten gelten. Dagegen ansteuern kann im Grunde jeder Bürger: Sei es als Nachbar oder Passant auf der Straße. Wie aber erkennt man mögliche Misshandlungen an Kindern? Und wie verhält man sich am besten, wenn man helfen möchte? Jana Rump ist Psychologin im örtlichen Schutzzentrum des deutschen Kinderschutzbunds (DKSB) und hat buten un binnen diese Fragen beantwortet.

Zahlen der Kinder in Bremen, die 2016 zu Opfern von Gewalt wurden
Quelle: Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik, 30. Januar 2017
Frau Rump, Misshandlung von Kindern ist als Nachbar schwierig zu erkennen. Was sind Indizien, nach denen man sich richten kann?
Da sollte man sich in erster Linie nach dem eigenen Bauchgefühl richten. Wenn man aufmerksam ist und bei Kindern in der Nachbarschaft irgendwie ein ungutes Gefühl hat, sollte man sich zumindest weiterhin damit befassen, anstatt es abzutun und zu ignorieren. Es gilt auf Verschiedenes zu achten, auch auf ganz simple Dinge. Zum Beispiel: Sehe ich die Familie und die Kinder häufig außerhalb ihrer eigenen vier Wände? Wie begegnen sie mir? Sind die Kinder agil und springen rum? Von außen sichtbare Blessuren können natürlich ebenfalls ein Zeichen sein.
Wenn Leute jetzt ein solches 'Bauchgefühl' haben, ist die Hemmschwelle natürlich groß. Man will ja nicht sofort das Schlimmste vermuten und den Nachbarn Jugendamt oder Polizei auf den Hals hetzen. Wie geht man also vor?
Am besten möglichst früh an uns oder an das Jugendamt wenden. Wichtig ist es da zu wissen: Man stellt die Leute damit keinesfalls direkt an den Pranger! Man kann sowohl auf seine eigene Anonymität bestehen als auch auf die der betroffenen Leute. Nicht selten kommt es ja auch vor, dass man die Familie oder die Nachbarn eigentlich sehr gern hat. Man hat aber eben auch einen Verdacht. Im Gespräch kann man daher ruhig die Beobachtungen schildern, ohne Namen zu nennen. Wir können dann dabei helfen, das einzuordnen und Handlungsalternativen durchzuspielen. Es kommt auch vor, dass uns Eltern anrufen, die handgreiflich geworden sind, weil sie nicht mehr weiterwissen.
Jana Rump vom Deutscher Kinderschutzbund in Bremen
Jana Rump von der DKSB in Bremen. Bild: Deutscher Kinderschutzbund Landesverband Bremen e. V.
Wechseln wir mal den Schauplatz: Ich sehe in der Öffentlichkeit etwas, sagen wir auf der Straße oder in der Bahn. Was tue ich?
Das kommt natürlich weit seltener vor. Das meiste an Gewalt gegen Kinder spielt sich – leider Gottes – zwischen den eigenen vier Wänden ab. Sollte man aber etwas in der Öffentlichkeit beobachten können, gilt es da natürlich auch erstmal zu differenzieren. Die Grenze ist da, wo es physisch wird. Wenn wirklich die geballte Faust zum Einsatz kommt, dann ist der Fall meistens klar. Ansonsten schauen: War das gerade ein Klaps oder wirklich eher ein Schlag? Und sich dann die Frage stellen: Trau ich mir das zu, die Person jetzt darauf anzusprechen?
Und was sage ich dann? Hole ich mir Hilfe von anderen?
Nein, das sollte man in den allermeisten Fällen möglichst vermeiden. Das bringt nur noch viel mehr Druck in die Situation, und man möchte ja deeskalieren. Die meisten Eltern werden auch nicht aus reiner Bösartigkeit handgreiflich, sondern aus einem Gefühl der Verzweiflung oder der Hilflosigkeit. Daher lieber alleine hingehen und unauffällig ansprechen. Man kann dann beispielsweise sagen "Entschuldigung, ich habe das gerade beobachtet, und ein Kind zu schlagen, ist in Deutschland gesetzlich verboten. Ich würde Sie bitten, das zu lassen." Das klingt zwar jetzt erst einmal anmaßend, und es wäre utopisch, wenn das sofort funktionieren würde, aber viele sind tatsächlich erst einmal irritiert, und es öffnet den Dialog.
Wenn sich Eltern dann aber uneinsichtig zeigen, vielleicht sogar aggressiv werden, wie verhält man sich dann am besten?
Dann verhält man sich am besten so wie bei einem anderen Verbrechen, Diebstahl etwa. An erster Stelle kommen Selbstschutz und eigene Sicherheit. Und dann versucht man einfach, sich die Gesichter und möglichst viele Details der Personen zu merken, und wendet sich danach mit einer genauen Schilderung an die Polizei. Oder man ruft sie direkt an. Auch das Kinder- und Jugendschutztelefon ist rund um die Uhr erreichbar (Nummer: 0421 6991133). Die Eltern zum Beispiel festzuhalten, ist nicht zu empfehlen. Denn dann ist besonders das Kind wieder Leidtragender: Es liebt seine Eltern ja meist trotzdem, egal wie sie mit ihm umgehen, und sie dann im Streit mit einer Gruppe Fremder zu sehen, verursacht sehr viel Stress.

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  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Januar 2018, 19:30 Uhr