Ab wann wird an Bremer Schulen in Halbgruppen unterrichtet?

Bei Schülern und Eltern wächst die Sorge vor einer Ansteckung mit Corona. Halbgruppen könnten das Risiko verringern. Eine Bremer Schule wagt nun einen ersten Vorstoß.

Video vom 6. November 2020
Eine Lehrerin mit Mund-Nasen-Bedeckung, die ihre Klasse unterrichtet.
Bild: Radio Bremen

Die Zahl an Corona-Neuinfektionen steigt weiter an. Aktuell liegt der 7-Tage-Inzidenz-Wert der Stadt Bremen bei mehr als 248. Laut einem tagesschau.de-Bericht infizieren sich mittlerweile deutschlandweit auch immer mehr Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte mit dem Virus. Auch in Bremer Schulen gab es seit Ende der Herbstferien mehr Corona-Fälle: "Es gab einen Anstieg in den Schulen, der verhält sich aber genauso wie der restliche Anstieg der Infektionszahlen in Bremen. Der Anstieg ist natürlich von Relevanz, er ist es aber in allen gesellschaftlichen Bereichen", sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts.

Darüber hinaus könne man sehen, dass sich Schülerinnen und Schüler zum großen Teil nicht an den Schulen anstecken würden, sondern im privaten Umfeld. "Wenn sie dann in die Schule kommen, greift das Kohorten-Prinzip. Deswegen ist das erst einmal nicht bedenklich, was dort passiert", so Fuhrmann.

Bei Bremer Eltern und Schülern wächst dennoch die Sorge, wie sicher die Schulen eigentlich sind. Eine Maßnahme, um das Infektionsrisiko zu senken, könnte der Unterricht in sogenannten Halbgruppen sein. Das bedeutet: Die Klassen werden halbiert, für eine Gruppe gilt Präsenzunterricht in der Schule, die andere Gruppe bleibt zuhause und wird digital unterrichtet. Im Tages- oder Wochenrhythmus wechseln sich die Gruppen mit Präsenz- und Distanzunterricht ab.

Das Halbgruppen-System sorgt dafür, dass weniger Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einem Raum sitzen, der Mindestabstand von 1,5 Metern könnte dann verlässlicher eingehalten werden. Bereits Mitte Oktober hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) den Unterricht in Halbgruppen empfohlen, wenn der Inzidenzwert von 50 überschritten wird. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremen, die die Interessen der Lehrkräfte vertritt, fordert die Halbierung der Klassen. Vergangene Woche hatten Mitglieder der GEW deshalb eine Petition mit 1.300 Unterschriften an Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) überreicht.

Eingeschränkter Regelbetrieb an Bremer Schulen

Denn aktuell gilt in Bremen weiterhin der eingeschränkte Regelbetrieb und damit der Präsenzunterricht. Besondere Schutzmaßnahmen wie das Kohorten-Prinzip und eine Maskenpflicht für die Oberstufe und an berufsbildenden Schulen soll das Infektionsrisiko verringern. Welche konkreten Maßnahmen an Bremer Schulen ergriffen werden, ist im Reaktionsstufenplan festgelegt, den die Bildungsbehörde Anfang September veröffentlicht hat. Der eingeschränkte Regelbetrieb fällt demnach unter die Reaktionsstufe 1.

Erst mit Erreichen der zweiten Reaktionsstufe, so legt es der Plan fest, ist der Unterricht in Halbgruppen vorgesehen. Wann diese zweite Stufe erreicht wird, richtet sich allerdings nicht nach einem bestimmten Inzidenzwert, sondern wird laut Plan "nach regionalem Infektionsgeschehen oder lokaler Situation der Schule in Abstimmung des örtlichen Gesundheitsamtes, der Senatorin für Kinder und Bildung beziehungsweise des Magistrats Bremerhaven und der jeweiligen Schulleitung" festgelegt.

Dazu zählt unter anderem auch die jeweilige Raumsituation sowie das aktuelle Infektionsgeschehen im Stadtteil. Die Situation soll also für jede Schule individuell betrachtet werden. Angesichts steigender Infektionszahlen kann das laut Bildungssenatorin Bogedan aktuell bedeuten, dass verstärkt Hybrid-Unterricht, also eine Mischung aus Präsenz- und Distanzunterricht, angeboten werden wird. Dabei sei es wichtig, in eine echte hybride Form einzutreten: "Vor den Sommerferien hatten wir ja eine sehr statische Form", so die Bildungssenatorin.

Ich glaube, dass wir heute weiter sind, dass man jetzt eventuell eine ganze Lerngruppe für bestimmte Unterrichtseinheiten zuhause unterrichten könnte, um die räumliche Situation vor Ort zu entzerren.

Portrait der lächelnden Claudia Bogedan
Claudia Bogenda, Bildungssenatorin (SPD)

Schule denkt konkret über Halbgruppen nach

Zu sehen ist das Bremer Gymnasium Hamburger Straße.
Am Wochenende entscheidet sich möglicherweise, ob das Gymnasium Hamburger Straße Halbgruppen einführt. Bild: Radio Bremen

Am Bremer Gymnasium Hamburger Straße in der östlichen Vorstadt gilt bislang noch der eingeschränkte Regelbetrieb: "Das heißt, alle Schülerinnen und Schüler sind in der Schule", sagt Schulleiterin Claudia Dreyer. Die Einführung von sogenannten Halbgruppen wird hier aber bereits konkret diskutiert. Denn: "Die Ängste sind zum Teil groß, bei Lehrern, Eltern und Kindern", sagt Dreyer. Den Unterricht in Halbgruppen, zumindest für einzelne Jahrgänge, kann sie sich an ihrer Schule gut vorstellen. "Man kann dann Abstand halten und die Schule wird an Menschen entlastet."

Am vergangenen Montag haben Schulleitung und Elternvertreter gemeinsam beschlossen, eine Umfrage am Gymnasium durchzuführen. "Über die Klassen- und Elternsprecher wollen wir alle 920 Kinder und ihre Eltern erreichen und uns so ein Stimmungsbild einholen, ob die Einführung von Halbgruppen gewünscht ist", sagt Michaela Nühring vom Elternbeirat, der die Umfrage organisiert. Am Wochenende wolle man alles auswerten, nächste Woche soll es dann laut Nühring ein Ergebnis geben.

Claudia Dreyer
Schulleiterin Claudia Dreyer kann sich den Unterricht in Halbgruppen für bestimmte Jahrgänge gut vorstellen. Bild: Claudia Dreyer

Innerhalb der Elternschaft, sagt Nühring, seien die Positionen zu dem Thema unterschiedlich: "Jeder hat da eine andere Meinung." Sie selbst würde den Unterricht in Halbgruppen vorziehen. "Meine Tochter ist schon älter und gut organisiert", so die Schulelternsprecherin. Sinn machen würden die Halbgruppen ihrer Meinung nach auch, weil es mittlerweile ein zerfasertes Bild in den Klassen gebe: "Manche sind in Quarantäne oder gehören zur Risiko-Gruppe. Andere sind nicht da, weil sie eine Erkältung haben." Insgesamt nehme sie wahr, dass sich die Eltern zunehmend Sorgen machen.

Und es gibt eine große Verunsicherung, was jetzt aktuell der beste Weg ist. Zum einen geht es um die Frage des Gesundheitsschutzes, zum anderen um die Garantie auf schulische Bildung.

Michaela Nühring, Elternbeirat Gymnasium Hamburger Straße

Denn ein erfolgreicher Unterricht in Halbgruppen setzt voraus, dass es mit der digitalen Beschulung von zuhause aus klappt. Schulelternsprecherin Nühring ist da zuversichtlich: "Im Vergleich zu der Zeit vor den Sommerferien, wo wir ja bereits Halbgruppen hatten, ist das Konzept jetzt noch einmal verbessert worden", sagt Nühring. So habe es für Lehrkräfte Fortbildungen zum digitalen Unterricht gegeben. Zudem habe sie den Eindruck, dass das Gymnasium im Vergleich zu anderen Bremer Schulen bei dem Thema insgesamt gut aufgestellt sei.

Der Unterricht als digitaler Live-Stream

"Mit dem digitalen Unterricht haben wir Erfahrung", sagt Schulleiterin Claudia Dreyer. Für Schülerinnen und Schüler, die aktuell zum Beispiel aus Quarantänegründen, nicht in die Schule kommen können, finde ein aufgabenbasiertes Home Schooling statt. "Die Kinder werden dabei aber nicht alleine gelassen, sondern die Lehrerinnen und Lehrer begleiten sie über eine Chatfunktion", so Dreyer. In Zukunft könnte es auch vermehrt Live-Streams aus dem Unterricht geben: "Bislang machen wir das eher selten, weil nicht alle Schülerinnen und Schüler entsprechende Endgeräte haben", so Dreyer. Die Bildungsbehörde habe ihr allerdings zugesagt, dass zumindest die Oberstufe sehr bald mit Tablets ausgestattet werden soll.

Deshalb sei es auch sinnvoll, das Halbgruppen-Modell in der Oberstufe einzuführen. Hinzu komme, dass die Schülerinnen und Schüler dort schon älter und selbstständiger sei. Das sieht auch die Bremer Bildungsbehörde so: "Ältere Schülerinnen und Schüler kann man leichter in der Distanz beschulen. Bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern würden wir davon im Moment noch Abstand nehmen. Für die Grundschulen ergeben sich im Moment noch gar keine Handlungsmöglichkeiten", sagt Senatorin Bogedan. Geht es nach Schulleiterin Dreyer, bietet sich der Halbgruppen-Unterricht aber auch für die angehenden Abiturienten eher nicht an: "Denn bei ihnen beginnt jetzt bald die heiße Phase der Abiturvorbereitungen."

Marie Graffstedt ist Abiturientin – und spricht sich trotzdem für den Unterricht in Halbgruppen aus. So wie ihre gesamte Jahrgangsstufe, sagt sie.

Momentan hat man im Unterricht schon ein mulmiges Gefühl. Ich glaube, wir würden uns alle sicherer und wohler fühlen, wenn wir in den Halbgruppen-Unterricht gehen würden.

Marie Graffstedt, Abiturientin am Gymnasium Hamburger Straße

Ob der Unterricht in Halbgruppen am Gymnasium Hamburger Straße eingeführt wird, hängst zunächst einmal vom Ergebnis der Umfrage ab. Sollte die Mehrheit der Lehrkräfte, der Eltern sowie der Schülerinnen und Schüler das Modell befürworten, will Schulleiterin Dreyer einen entsprechenden Antrag bei der Schulaufsicht stellen. Und der könnte Aussicht auf Erfolg haben.

Generell sollten Bremer Schulen die Möglichkeit haben, einen solchen Antrag zu stellen, "wenn das Infektionsgeschehen in ihrem Umfeld so ist, dass es notwendig wird, eine Form von hybridem Unterricht einzuführen", sagt Bildungssenatorin Claudia Bogedan. Der Antrag solle dann – nach Kriterien wie Raummenge und Situation im Stadtteil geleitet – von der Schulaufsicht genehmigt werden, so Bogedan.

Die große Aufgabe bestehe für sie darin, den Einzelfall zu betrachten und zu respektieren, dass nicht jede Schule vom Infektionsgeschehen gleichermaßen betroffen ist. "Und gleichzeitig die Sorge dafür zu tragen, dass die Schülerinnen und Schüler alle den gleichen Anspruch auf Bildung erfüllt bekommen."

Wie geht es für Schüler, Lehrkräfte und Eltern nach den Ferien weiter?

Video vom 23. Oktober 2020
Grüe Stühle eines Klassenzimmers, die auf den Tischen aufgereiht sind.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. November 2020, 19:30 Uhr