Durch Corona lernen: Wie sieht die Schule der Zukunft in Bremen aus?

Nach den Sommerferien sollen die Schulen wieder "normal" im Klassenzimmer unterrichten. Doch was ist, wenn eine zweite Pandemie-Welle kommt? Das sind die Ideen.

Ein Lehrer vor einer fünften Klasse in der Oberschule Habenhausen.
Corona erforderte smarte Lösungen, damit alle Kinder gut unterrichtet werden. Die Oberschule Habenhausen hat Ideen. Bild: Oberschule Habenhausen | Hanna Carmienke

Corona hat alles umgeworfen: Der Unterricht im Klassenzimmer fiel aus, und das Lernen wurde nach Hause verlegt. Seitdem befinden sich die Schulen im digitalen Krisenmodus. Jetzt, so die Hoffnung, können die Schulen nach den Sommerferien wieder in den Regelbetrieb übergehen. Doch mit den Lockerungen steigt auch die Gefahr, dass erneut Infektionen auftreten und Schulen zeitweise wieder geschlossen werden müssen, so wie jüngst in Nordrhein-Westfalen passiert. Also worauf sollten sich Schulen in Zukunft einstellen? Und wie können sie das managen?

Bremens Bildungssenatorin Bogedan stellt heute Eckpunkte vor, wie der Schulunterricht künftig unter Pandemiebedingungen stattfinden kann. Das Papier will sie der Bildungsdeputation am Nachmittag vorstellen.

Pläne für alle Fälle in der Schublade

Am Gymnasium an der Hamburger Straße entwirft Schulleiterin Claudia Dreyer gerade Pläne für die Fälle A, B und C.

  • Plan A: Die Schule öffnet ganz normal mit dem Regelbetrieb und voller Schüler- und Stundenzahl.
  • Plan B: Es ist nur eingeschränkter Unterricht in den Klassenräumen möglich und die Schülerinnen und Schüler müssen auch zu Hause lernen.
  • Plan C: Ihre Schule wird geschlossen, wegen eines Covid-19-Ausbruches.

Angesichts dieser aktuell unklaren Lage würden ihre Lehrkräfte am liebsten nach den Sommerferien mit Plan B starten, beschreibt sie die Stimmung an der Schule. Sie könnte sich vorstellen, dass die Schüler jeden zweiten Tag in die Schule kommen. An den anderen Tagen wird zu Hause mit entsprechenden Aufgaben gelernt und für den Unterricht in der Klasse vorbereitet. So blieben Schüler und Lehrkräfte regelmäßig und in direktem Kontakt miteinander.

Wird ein Lehrer-Traum wahr?

Sogenannte hybride Formen des Unterrichtens haben Schüler und Lehrer schon in den vergangenen Wochen erlebt: Mal wird zu Hause und mal im Klassenzimmer gelernt. Ein Modell der Zukunft? Angesichts von Corona liegt es nahe, mehr als bisher Konzepte für das Lernen zu Hause zu entwickeln. Und das geht heutzutage am besten mit digitalen Medien. Lehrer und Schüler haben in den vergangenen Wochen zwangsweise viel darüber lernen müssen. So auch in der Oberschule Habenhausen. Aber für Schulleiter André Sonnenburg ist das auch eine Chance. Denn im Grunde könnte endlich der Traum eines jeden Lehrers in Erfüllung gehen

Das, was man im Prinzip schon immer wollte: Zu Hause wird vorbereitet, zu Hause wird geforscht, wird gelernt. Und in der Schule wird dann konkret darüber gesprochen und sich ausgetauscht.

André Sonnenburg, Schulleiter Oberschule Habenhausen

Das ist eine Idealvorstellung, die viel Disziplin von den Schülerinnen und Schülern erfordert. Sie müssen motiviert werden, selbstständig zu lernen und in gewisser Weise sich selbst dabei zu kontrollieren.

Digitale Hilfen

Ein Lehrer vor einer fünften Klasse in der Oberschule Habenhausen am Laptop.
Ein Teil der Schüler sitzt im Klassenzimmer, die anderen zu Hause – diese erreicht der Lehrer über digitale Kanäle. Bild: Oberschule Habenhausen | Hanna Carmienke

Die in Bremen eingesetzte Lernplattform "itslearning" könnte dabei helfen. Dort stellten die Lehrer in den vergangenen Corona-Wochen Unterrichtsmaterial und Hausaufgaben rein, chatteten mit den Schülern, wenn es Probleme gab. Der Vorteil: Das Material ist jederzeit abrufbar für die Schüler. Sie können ihre Lernzeiten selbst bestimmen, ob morgens, mittags oder abends.

Allerdings sei das Design und der Aufbau von itslearning für Kinder zu kompliziert, kritisiert Simon Ennulat, Englischlehrer an der Oberschule Habenhausen. Die Kinder müssten oft viele Klicks machen, bis sie dahin kommen, wo sie hin müssen. Und die Sprache sei auch nicht gerade kindgerecht. Die Lernplattform habe in den vergangenen Wochen zwar vieles erleichtert, aber sie müsse für die Zukunft weiter entwickelt werden, so sein bisheriges Fazit. Auch die darin eingebetteten Links wie für den "Sofatutor" mit Lernvideos und "Bettermarks" mit interaktiven Hausaufgaben für Mathematik seien schon gut, aber Ennulat will noch mehr und andere digitale Tools im Unterricht einsetzen.

Virtuelle Belohnung zur Motivation

Der 36-jährige Lehrer kennt nämlich den Reiz mobiler Geräte für Kinder und nutzt deshalb im Unterricht zusätzlich Apps, die bisher nicht im Lernplan stehen, um ihnen das Lernen schmackhaft zu machen. Kinder sammeln gerne Belohnungspunkte und das fördert den Ehrgeiz. Ennulat arbeitet zum Beispiel mit der Sprachlernapp "Duolingo". Wenn die Kinder eine Übung erfolgreich gemacht haben, erhalten sie virtuelle Diamanten als Erfolgspunkte. Das spornt viele Kinder an. Und der Lehrer sieht an der Zahl der gesammelten Diamanten wie weit die Kinder in ihrem Lernstand sind.

Wie Ennulat holen sich Lehrer immer öfter solche digitalen Hilfen aus dem Netz. Auf Twitter findet unter den Hashtags  #hbedu und #twitterlehrerzimmer seit Corona ein reger Austausch über solche Angebote statt. Einen offiziellen Pool für digitale Angebote dieser Art gibt es in Bremen noch nicht, würde sich Ennulat aber wünschen.

Neues Schulfach: Digitales Lernen

Doch trotz der spielerischen Apps gehen auch in Ennulats Klasse die meisten Schüler derzeit noch lieber in die Schule, um zu lernen. So wie der 11-jährige Salal: "Manche haben zu Hause Probleme, so wie ich, ich kenne mich mit der Technik nicht so gut aus." Die meisten Kinder haben zwar Handys und vielleicht sogar Tablets, aber wissen oft nicht, wie die Geräte und die Programme funktionieren. Deshalb will die Oberschule Habenhausen im nächsten Schuljahr das Fach "Digitales Lernen" einführen. Mit ganz praktischen Tipps für mobile Endgeräte und das Nutzen von Software. Und wenn die Kinder auch bei der Auswahl des Unterrichtsthemas mitbestimmen dürfen, dann motiviere das auch, zu Hause zu lernen, ist André Sonnenburg, Schulleiter an der Oberschule Habenhausen, überzeugt.

Geräte dringend gebraucht

Um zu Hause lernen zu können, braucht es Geräte. Der Bund und die Länder haben dafür zusätzlich zum Digital-Pakt ein Sofortprogramm aufgesetzt. Bremen erhält knapp fünf Millionen aus diesem Topf. Doch das reicht nicht. Das Land wird aus dem geplanten Bremen Fonds weiteres Geld für die Anschaffung der Geräte dazugeben müssen, meint Rainer Ballnus, Leiter des Zentrums für Medien am Bremer Landesinstitut für Schule. Und es sei sinnvoll, dass alle – Schüler und Lehrer – die gleichen Geräte und Softwareanwendungen sowie Apps nutzen. Nur so könnten die Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht wirklich steuern. 

Die Schulen brauchen mehr IT-Unterstützung

Mit der Geräteausstattung muss auch der technische Support an die Schulen kommen, fordert Thorsten Maaß von der Schulleitungsvereinigung und selbst Schulleiter an der Surheider Grundschule in Bremerhaven. Und dies sollten Fachleute sein und keine Lehrer, die das nebenbei mit erledigen müssen, ergänzt Oberschullehrer Ennulat. Die Schulen brauchen Techniker direkt vor Ort, um die Geräte verlässlich und regelmäßig zu warten. Eine Person, die sich aus der Ferne auf den Bildschirm einloggt, reiche nicht, macht Maaß deutlich.

Die Lehrerinnen und Lehrer müssten schon jetzt und mindestens zwei- bis dreimal mal pro Woche von digitalen Fachkräften unterstützt und begleitet werden, fordert Maaß stellvertretend für viele Schulleitungen. Dabei gehe es nicht nur um die Instandhaltung oder Reparatur der Hardware. Vielmehr müsste der Support die Schulen auch bei der Umsetzung ihrer Medienpläne beraten, Software und Handhabung von Endgeräten für Kollegien einführen sowie die vielen kleinen und großen Zuarbeiten bei der digitalen Entwicklung an jeder Schule koordinieren. Nur so kann ein Digitalpakt auch über fünf Jahre hinaus gelingen, ist Maaß überzeugt.

Bremerhaven setzt auf den Bremen Fonds

Rainer Ballnus vom Zentrum für Medien bewertet die Lage ähnlich. Die Hersteller von mobilen Endgeräten empfehlen, sagt Ballnus, dass es pro 3.000 Tablets mindestens einen Techniker braucht. Davon aber ist Bremen noch weit entfernt. Wenn in Zukunft in Bremen und Bremerhaven alle rund 90.000 Schüler und etwa 8.000 Lehrer an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen ein Gerät haben sollen, entstehen enorme Kosten, die der Senat jetzt mit bedenken müsse. Genauso wie das Personal für Beratung, Begleitung und Qualifizierung der Lehrer.

Michael Frost (SPD), Dezernent für Schule in Bremerhaven, hofft hierfür auf den Bremen-Fonds: "Lehrkräfte und Schüler*innen benötigen Kompetenzen zur Gestaltung und Nutzung digitaler Lernumgebungen. Hierfür hat das Schulamt Maßnahmen konzipiert, deren Finanzierung über den Corona Fonds beantragt wurden", so Frost auf Anfrage von buten un binnen.

Mehr digitale Kompetenz in der Ausbildung

"Medienpädagogische Kompetenz ist zwar in der Ausbildung für das Lehramt an der Uni bereits eingeführt. Aber es ist noch ein zartes Pflänzchen", beschreibt Andreas Breiter die aktuelle Situation. Er ist Leiter des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen, das auch einen Blog rund um den Medieneinsatz in Schulen betreibt. "Wir können nicht davon ausgehen, dass bei den Lehrern einfach ein Schalter umgelegt werden kann. Es fehlen Weiterbildungsangebote – analog und virtuell, und es fehlt das Personal, um die Angebote zu machen und die Lehrkräfte vor Ort pädagogisch zu unterstützen."

Dies steht so auch bereits in den aktuellen Medienentwicklungsplänen für Bremen und Bremerhaven. Vieles rund um die digitale Zukunft der Schulen und des Lernens ist also bereits bekannt. Jetzt muss es nur noch umgesetzt werden.

Wie digital wurde der Unterricht durch Corona?

Video vom 19. Juni 2020
Zwei Mädchen sitzen am Esstisch und machen ihre Hausaufgaben mithilfe eines Laptops.

Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 1. Juli 2020, 12 Uhr