Interview

Bremer Epidemiologe: Schulen schließen als Letztes – nicht als Erstes

Die Schule geht los, während die Zahl der Corona-Fälle massiv ansteigt. Wie passt das zusammen? Professor Hajo Zeeb berät das Bildungsressort. Auch für Eltern hat er Hinweise.

Video vom 26. Oktober 2020
Mehrere Abiturienten sitzen im Klassenraum mit Masken.
Bild: Radio Bremen

Die zweite Corona-Welle ist aktiv, die Zahl der Infizierten steigt aktuell stetig. Für Familien ist eine Öffnung der Schule wichtig, gleichzeitig muss abgewogen werden, was das Infektionsgeschehen zulässt. Der Professor der Universität Bremen, Hajo Zeeb, ist Epidemiologe und erforscht unter anderem, wie sich Krankheiten verbreiten. Er berät das Bildungsressort auf der Basis der aktuellen Corona-Forschung und den bisherigen Erfahrungen in Bremen und anderen Bundesländern. Zeeb hat buten un binnen erklärt, wie Entscheidungen getroffen werden.

Herr Zeeb, die Corona-Fälle nehmen zu, die Inzidenz in Bremen ist auf einem Hoch. Welche Rolle spielen Schulen bei dem aktuellen Infektionsgeschehen?
Schulen spielen grundsätzlich eine gewisse Rolle, ja, das kann man sagen. Aber nicht die zentrale Rolle. Es passieren Infektionen an Schulen, da finden notwendigerweise ja viele Kontakte statt. Aber es ist nicht so, dass Schulen die Kern-Antreiber der Infektionslage sind. Wir beobachten das so in Bremen und auch ganz ähnlich in anderen Bundesländern.
Die Sorge ist, dass es an Schulen und Kitas zu Corona-Ausbrüchen kommt. Ab wann spricht man denn von einem Ausbruch – das ist ja ein hartes Wort.
Das ist ein hartes Wort, ist aber sehr niedrigschwellig: Ein Ausbruch ist da, sobald mehr als eine Person infiziert ist. Zwei Personen bilden schon einen Ausbruch, weil dann eben eine Übertragung an diesem Ort von einer zur anderen Person stattgefunden hat – wenn man das nachweisen kann, dann ist es leider so, dass dort häufig auch noch mehr passiert. Deshalb wird ab zwei Personen von einem Ausbruch gesprochen
An wie vielen Schulen hat es in Bremen so einen Ausbruch gegeben?
In der Stadt Bremen gab es an zwei Grundschulen Ausbrüche, und es gab zehn Einzelfälle. Außerdem wurden an sieben weiterführenden Schulen Ausbrüche gemeldet, an 21 Schulen war nur ein einziger Schüler betroffen. Und bei den Berufsbildenden Schulen sind es fünf Ausbrüche und neun Einzelfälle. Also immer deutlich mehr Einzelfälle. Und jetzt ist nach den Ferien erst mal alles wieder kontrolliert auf niedrigem Niveau. Aber es wird wieder Einzelfälle und Ausbrüche geben.
Es gab ja schon Regeln, um zu verhindern, dass sich das Virus ausbreitet. Wieso kommt es trotzdem noch zu Ausbrüchen?
Einige Ausbrüche bundesweit liegen länger zurück und haben dazu geführt, noch mal über eine Maskenpflicht in Schulen nachzudenken. Aber trotz der Regelungen passen nicht alle immer so gut auf, und keine der Schutzmaßnahmen ist perfekt. Dann kann es trotzdem zu Infektionen kommen. Wenn eine Person dabei ist, die stark infektiös ist, dann kann eine Übertragung auch schnell passieren. Da reichen wenige Minuten. Vor allem, wenn die Person selbst kaum Symptome hat – dann macht sie sich vielleicht gar keine Gedanken, dass sie Corona hat. Dann ist niemand dem Virus auf der Spur – und dann passieren diese Ketten. Damit muss man auch in Zukunft rechnen.

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Eltern sind in einem Dilemma: Sie machen sich Sorgen um Infektionen, aber auch darum, dass die Schulen wieder schließen. Dann können sie nicht arbeiten gehen – da hängt viel für sie dran. Was können Sie den Eltern direkt sagen?
Eltern machen sich natürlich Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Aber sie sollten daran denken: Wir wissen, Kinder haben leichte Krankheitsverläufe in den absolut überwiegenden Fällen. Das ist die erste wichtige Nachricht. Und man muss auch mit den Kindern drüber sprechen und vor allem den Jugendliche sagen: "Ihr müsst auch mitmachen!" Vor allem außerhalb der Schule. Also vielleicht nicht in den Kernzeiten mit Bus und Bahn zur Schule fahren. Sie sollten sich individuell überlegen, außerhalb der Schule Begegnungen mit vielen Menschen zu vermeiden.
Kinder tragen das Virus in sich. Laut Robert Koch Institut (RKI) haben sie die gleiche Viruslast im Rachen wie Erwachsene. Wie ansteckend sind sie nach der aktuellen Forschungslage?
Ja, infizierte Kinder tragen die Viruslast im Rachen, im Hals. Und Kinder können alle anderen Menschen anstecken. Zurzeit passiert das aber hauptsächlich unter Gleichaltrigen. Das ist dann weniger dramatisch, weil wir wissen, dass Kinder und Jugendliche von der Krankheit nicht so schwer betroffen sind. Was wir zurzeit nicht beobachten, ist, dass Kinder Ältere in großem Maße anstecken. Wahrscheinlich, weil die Kontakte stark eingeschränkt waren, was wiederum nicht schön ist für Großeltern, es ist traurig. Aber wenn ein infektiöses Kind mit Älteren in Kontakt kommt, kann es diese genauso anstecken.
Was heißt das für Lehrer? Die sind ja auch nicht alle jung.
Deshalb müssen die Maßnahmen in Schulen unbedingt eingehalten werden. Das ist wichtig für Lehrerinnen und Lehrer, die möglicherweise auch zur Risikogruppe gehören. Damit die Lehrkräfte mit Schülern arbeiten können – das wollen die ja auch, das ist ihr Job – muss ihnen gezeigt werden, wie sie das trotz Corona machen können. Das müssen wir noch stärker herausarbeiten. Und gerade über den Winter wird es selbst bei Lehrern vorkommen, die alles für ihre Schüler geben und auch Risiken eingehen, dass sie sagen, "das ist mir zu heikel“ und sich mit ärztlicher Bescheinigung krankmelden. Dass sie das Risiko bei steigenden Fallzahlen noch mal anders bewerten, oder auch einfach mit Erkältungskrankheiten ausfallen. Dann werden Schulen zwar nicht faktisch geschlossen, aber der Unterricht wird deutlich erschwert.
Das RKI empfiehlt, nur halbe Klassen im Wechsel zu unterrichten, wenn der Grenzwert von 50 überschritten ist. Das fordert unter anderem auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremen. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine Empfehlung von vielen des RKI. Die Aufteilung von Klassen vermindert Kontakte und wirkt damit präventiv. Die wöchentliche Aufteilung erfordert aber gute Rahmenbedingungen des digitalen Unterrichts, das sollte dabei bedacht werden. Es bleibt eine weitere Handlungsmöglichkeit für Schulen.
Die Erkältungssaison hat begonnen. Wann wissen Eltern, ob sie ihr Kind zur Schule schicken können oder nicht?
Das ist eine schwierige Entscheidung. Das ist schon immer so gewesen. Jetzt kommt Corona dazu. Da gibt es nicht den einen Weg, da muss man insgesamt noch vorsichtiger sein. Das führt dazu, dass Kinder zu Hause bleiben, die in anderen Jahren wohl noch zur Schule gegangen wären. Da hoffe ich auf Schnelltests in nächster Zeit, damit das mit kleinerem Aufwand abläuft, um Fragen wie diese zu klären.
Bremen will ja Schnelltests einführen, aber vor allem in der Pflege. Wäre das also auch für Schulen sinnvoll?
Es gibt unterschiedliche Schnelltests, die Qualität wird noch erforscht. Sie sind nicht so sensitiv wie PCR-Tests. Aber die Schnelltests finden vermutlich die Menschen, die infektiös sind. Das kann hilfreich sein, auch für Lehrer, wenn sie unsicher sind. Vielleicht kommen wir ja auch dahin, dass wir Lehrer alle ein bis zwei Wochen testen. Aber offen ist natürlich, wie die Tests überhaupt in die Schulen kommen. Da geht es auch darum, wie viele Tests überhaupt zur Verfügung stehen und wer sie bezahlt.
Dass die Schule startet, ist gut für die Kinder und für die Familien. Manche verstehen aber das Vorgehen nicht. Ein Beispiel: Restaurants und Kneipen haben jetzt eine Sperrstunde und würden im Zweifel ganz geschlossen. Schule ist und bleibt aber auf. Wie geht das zusammen?
Es ist nicht so, dass Schulen einfach so aufmachen und die Gastro einfach so zumacht. Beide Seiten müssen mit Beschränkungen arbeiten. In den Schulen gibt es ja auch keinen normalen Präsenzunterricht. Es gibt Konzepte, das heißt, die Schüler müssen sich in Kohorten aufhalten, zum Teil gibt es eine Maskenpflicht – auch in den Schulen ist ein besonderes Leben.

Die Abwägung ist getroffen worden, zu sagen: Kinder selbst bekommen die Infektion, könne sie auch weitergeben, sind aber persönlich nicht schwer betroffen von der Krankheit. Und die Schulen sind auch nicht die Kerntreiber der Infektionsausbreitung. Angesichts der negativen Auswirkungen, die Schulschließungen auch haben, ist inzwischen doch Konsens, dass Schulen eher als Letztes und nicht als Erstes geschlossen werden sollen.
Können Sie das Eltern beruhigend mit auf den Weg geben?
Ich kann den Eltern mitgeben, dass Schulschließungen zurzeit nicht auf der Agenda stehen. Wir hatten Schließungen während der ersten Welle, und wir haben da gesehen, wie schwierig das ist. Und solche Schritte werden sehr genau geprüft. Sowohl die wissenschaftlichen als auch politischen Hinweise werden genau angeschaut. Das ist eine gute Nachricht. Die Hoffnung, dass Schulen aufbleiben, bis zu einem gewissen Grad, die ist gerechtfertigt.

Wie geht es für Schüler, Lehrkräfte und Eltern nach den Ferien weiter?

Video vom 23. Oktober 2020
Grüe Stühle eines Klassenzimmers, die auf den Tischen aufgereiht sind.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23.Oktober 2020, 19:30 Uhr