Prostitutionsverbot wegen Corona: Rotlichtszene bangt um ihre Existenz

Wegen der Corona-Pandemie können Prostituierte zurzeit kein Geld verdienen. Eine Bremer Sexarbeiterin verrät, wie sie mit der Krise umgeht.

Eine Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kundschaft(Symbolbild)
Wegen der Corona-Pandemie dürfen Prostituierte derzeit nicht arbeiten. Eine Bremerin hat uns erzählt, wie sie die Situation bewältigt. (Symbolbild) Bild: DPA | Andreas Arnold

Täglich surrt Sinas Telefon. Es sind Sex-Anfragen. Eigentlich gut fürs Geschäft. Doch derzeit lautet ihre Antwort immer gleich: "Nein". Sina heißt in Wirklichkeit anders, möchte ihren Namen aber lieber für sich behalten. Die 32-Jährige ist gebürtige Bremerin und verdient seit sechs Jahren ihren Lebensunterhalt mit Sex.

Prostitution seit März verboten

Grund für die derzeitigen Absagen an ihre Kunden ist die Corona-Pandemie. Prostitution ist seit Mitte März verboten. Bordelle und Laufhäuser sind dicht. Auch in Sinas Apartment, in dem sie sonst Männer empfängt und das sie, wie sie sagt, ganz nach ihrem Geschmack selbst eingerichtet hat, ist es im Moment außergewöhnlich ruhig geworden.

Die Bremerin hat sich bereits vor dem Verbot entschieden, eine Pause einzulegen. Um sich selbst und damit auch Familienmitglieder, die zur Risikogruppe gehören, vor einer möglichen Infektion zu schützen.

Sexarbeit geht offenbar im Verborgenen weiter

Wenn die Bremerin über ihren Job spricht, klingt ihre Stimme wie in Honig getaucht. Das Timbre ist tief und warm. Sie redet offen über ihre Arbeit im Rotlichtmilieu und ist gut vernetzt. "Ich mache meinen Job freiwillig und nicht, weil ich nichts anderes kann oder finanzielle Nöte habe, sondern weil es mir Spaß macht", sagt sie. Dass das nicht für alle Kolleginnen in dem Gewerbe gilt, ist ihr klar.

Viele Frauen arbeiten noch. Das weiß ich. Sie arbeiten jetzt undercover. Die Werbung ist offline, aber viele haben Stammgäste.

Sina, Prostituierte

Wie viele Sexarbeiterinnen derzeit ihrem Gewerbe nachgehen, lässt sich schwer feststellen. Der Bremer Beratungsstelle für Prostituierte "Nitribitt" liegen dazu keine Informationen vor.

Die Adressen seien bekannt, man fahre dort einfach hin und klingele, sagt Sina. Fast so als gäbe es dieses für viele Menschen potenziell tödliche Virus nicht, dass sich wahrscheinlich sogar mittels Aerosole durch feuchte Aussprache und laute Gesänge verbreitet. Dass viele Prostituierte ihren Freiern trotz der Coronakrise Zutritt zu ihren Apartments gewähren, hat einen simplen Grund: Der Druck für viele Sexarbeiterinnen ist groß. Wer nicht arbeitet, hat kein Geld und gerät oftmals in existenzielle Nöte.

Existenzängste der Prostituierten

Hilfe finden Prostituierte bei der Beratungsstelle "Nitribitt". Seit Beginn des Shutdowns hätten etliche deutsche, aber auch Sexarbeiterinnen anderer Nationalitäten, dort Unterstützung gesucht, teilt der Verein mit. Viele Prostituierte sind auf die Einnahmen aus der Sexarbeit dringend angewiesen. Die Existenzängste betreffen nicht nur sie selbst, sondern auch deren Familienangehörige im Heimatland, die häufig durch monatliche Überweisungen finanziell unterstützt werden.

Sina lebt derzeit von Ersparnissen. Sie muss während der Zwangspause keine Miete für ihr Sex-Apartment zahlen. Laut "Nitribitt" haben einige Vermieter zu Beginn der Corona-Krise Wohnraum kostenlos oder vergünstigt zur Verfügung gestellt. Wie lange dieses Entgegenkommen noch anhalten wird, sei allerdings fraglich.

Absurde Diskussionen ums Sexverbot

Neben finanziellem Druck haben die Frauen auch mit dem Unverständnis vieler Freier zu kämpfen, berichtet Sina. Viele Kunden seien hartnäckig. Täglich diskutiere die 32-jährige Bremerin mit Gästen über das Prostitutionsverbot. Was sie dann zu hören bekommt, klingt absurd: "Tattoostudios dürfen doch auch wieder öffnen" oder "aber andere Prostituierte arbeiten ja auch". "Männer haben trotz Corona Bock auf Sex", erklärt sie sich die Reaktionen. Sina kann es sich erlauben, konsequent zu bleiben.

Übernachtungen in Bordellen ausnahmsweise erlaubt

Um die arbeitslosen Sexarbeiterinnen, die über keine ausreichenden Rücklagen verfügen vor Obdachlosigkeit zu schützen, hat die Politik eingriffen. Prostituierte dürfen jetzt da wohnen, wo sie sonst arbeiten. Das ist eigentlich laut Prostituierten-Schutzgesetz illegal. Doch das Verbot wurde nun in Bremen gelockert. Bisher anscheinend mit positiver Ergebnis, denn bis zum jetzigen Zeitpunkt habe sich noch keine Person wegen drohender Obdachlosigkeit an die Beraterinnen von "Nitribitt" gewendet. Das könnte sich laut Beratungsstelle allerdings ändern, wenn die Frauen ihre Unterkünfte verlieren.

 Zukunft ungewiss

Wie es für die Rotlichtszene weitergeht ist unklar. Wegen des hohen Infektionsrisikos sei zurzeit noch nicht absehbar, wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, heißt es auf Nachfrage von buten un binnen von der Bremer Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Europa.

Verein fordert staatlichen Notfall-Fonds

Auf die Schnelle einen Job abseits der Prostitution zu finden, sei aufgrund des schwachen Arbeitsmarkts derzeit schwierig. Mangelnde oder nicht ausreichende Sprachkenntnisse, fehlende Ausbildung und wenig Arbeitserfahrung in anderen Berufen, erschweren die Jobsuche zusätzlich, erklärt die Beratungsstelle "Nitribitt". Als mögliche Lösung sieht der Verein einen staatlichen Notfall-Fonds für Sexarbeiter, die keinen Anspruch auf Leistungen nach SGB II vom Jobcenter haben und sich somit in einer akuten Notlage befinden.

Sina befürchtet, dass durch die existentiellen Nöte vieler Kolleginnen, die Infektionszahlen wieder steigen könnten. Sobald das Arbeitsverbot gelockert oder gar aufgehoben würde, müssten die Frauen wieder arbeiten, um ihre Kosten decken zu können. Ein Hygienekonzept für das "älteste Gewerbe der Welt" scheint schwer vorstellbar. Denn ganz unabhängig vom Geschlechtsverkehr verrät Sina: "In Bremen läuft in diesem Job nichts ohne Küssen." Ihr bleibt nur zu hoffen, dass den Prostituierten die Existenzängste genommen werden, damit sie konsequent Sex-Anfragen ablehnen können, wenn Türklingel oder Telefon den nächsten Freier ankündigen.

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 14. Mai 2020, 23:30 Uhr