Tod nach Festnahme: Wie starb der junge Delmenhorster?

Anfang März verstarb ein 19-Jähriger, nachdem er in Polizeigewahrsam kollabiert war. Die Todesursache ist noch unklar. Viele Delmenhorster wühlt der Fall auf.

Video vom 17. März 2021
Gedenken im Delmenhorster Wollepark an den 19-Jährigen Jungen.
Bild: Radio Bremen

Was ist am Abend des 5. März im Wollepark in Delmenhorst passiert? Diese Frage stellen sich die Anwälte der Familie des Verstorbenen. Denn sie haben Zweifel an den Berichten der Polizei. Laut Polizei wurde der 19-Jährige zusammen mit einem Freund beim vermeintlichen Drogenkonsumieren im Wollepark kontrolliert.

Die Polizei schildert den weiteren Ablauf der Ereignisse so: Der junge Mann sei direkt weggerannt. Als einer der Beamten ihn eingeholt hatte, soll es zu einer Auseinandersetzung gekommen sein. Der junge Mann habe den Polizisten mit der Faust auf den Kopf geschlagen. Der Polizist setzte demnach Pfefferspray ein. Wegen des Einsatzes von Pfefferspray hätten die Beamten routinemäßig Rettungskräfte hinzugerufen. Von diesen habe sich der 19-Jährige nicht behandeln lassen wollen und sei dann auf das Polizeirevier Delmenhorst gebracht worden. Auf richterliche Anordnung sollte ihm Blut abgenommen werden. Bis zum Eintreffen des Arztes sei er deswegen in Polizeigewahrsam genommen worden. Dort sei er dann kollabiert und in ein Krankenhaus gebracht worden, wo er am Tag darauf verstarb.

Widersprüchliche Aussagen

Die Anwälte der Familie bezweifeln, dass der Polizeieinsatz so abgelaufen ist.

Es gibt ja eine Zeitspanne, bevor der junge Mann dann auf die Polizeiwache gebracht worden sein soll und hinsichtlich dieser Zeitspanne gibt es eben auch eine Zeugenaussage.

Lea Voigt, Anwältin der Familie

Diese Aussage unterscheide sich von den Darstellungen der Polizei, so Voigt. "Die Frage ist: Was ist da überhaupt abgelaufen? Wer war daran beteiligt? Welche polizeilichen Maßnahmen sind ergriffen worden? Wie lief das ab? Warum sind vielleicht bestimmte Behandlungsmaßnahmen nicht erfolgt? Warum ist er nicht frühzeitig in ärztliche Behandlung oder in ärztliche Überwachung gekommen? All das muss geklärt werden", fordert die Anwältin. Damit den Hinweisen nachgegangen wird, wurde von der Familie Strafanzeige erstattet. Nun müsse die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermitteln.

Familie und Staatsanwaltschaft äußern sich vorerst nicht

Die Staatsanwaltschaft äußert sich weiterhin nicht zu dem Fall. Bereits Anfang vergangener Woche teilte sie mit, dass Gewalteinwirkung von außen als Todesursache nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis ausgeschlossen werden könne. Die Ergebnisse eines toxikologischen Gutachtens stehen noch aus.

Die Familie des Verstorbenen hat eine weitere private Obduktion in Auftrag gegeben. Das schriftliche Ergebnis liege auch hier noch nicht vor. Erst dann wolle man sich dazu äußern – heißt es von den Anwälten.

Öffentliche Trauerfeier am Mittwoch

Unterdessen haben am Mittwoch rund 250 Menschen an einer öffentlichen Trauerfeier dem jungen Verstorbenen im Wollepark gedacht.

Menschen stehen am Abend auf einer Wiese
Gedenkaktion für den Delmenhorster im Wollepark. Bild: Radio Bremen/Maren Schubart

Initiiert wurde das Gedenken vom Flüchtlingsrat Bremen. Man wolle so den Schmerz und die Fassungslosigkeit über den Tod des jungen Mannes zeigen, hieß es in einer Mitteilung. Freunde des Verstorbenen, Nachbarn aus dem Wollepark waren zu der Veranstaltung gekommen. Im Vorfeld hatten linke Gruppen aus Bremen für die Veranstaltung mobilisiert.

Familie distanziert sich von Aktion

Die Familie des Verstorbenen hatte sich im Vorfeld von der Trauerfeier distanziert. Sie wolle keine Gedenkationen, Protestmärsche oder Aufrufe im Namen ihres Kindes, teilte sie über die jesidische Jugendorganisation Oldenburg bei Facebook mit.

Bereits kurz nach dem Tod des jungen Mannes waren in den sozialen Netzwerken Vorwürfe gegen die Delmenhorster Polizei erhoben worden, sie habe seinen Tod zu verantworten. Auch bei der Trauerfeier ging es um Rassismus und Polizeigewalt.

Ich bin mir sicher, hätte er anders ausgesehen, dann wäre er heute noch hier.

Nazanin Ghafouri, Moderatorin der Trauerfeier

Schwere Vorwürfe gegen Polizisten

Auf einem Transparent war zu lesen "Mord bleibt Mord. Trotz Uniform". Es sind schwere Vorwürfe mit denen die Delmenhorster Polizei konfrontiert ist. Schon wenige Tage nach dem Tod des jungen Mannes erklärte der Präsident der Polizeidirektion Oldenburg: "Dieser tragische Unglücksfall darf (…) nicht dazu benutzt werden, völlig unberechtigt Hass und Hetze gegen die Polizei zu verbreiten."

Bei der Trauerfeier hielt sich die Polizei im Hintergrund. Es wurden Lieblingslieder des Verstorbenen gespielt, Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet.

Auch anderthalb Wochen nach dem Tod des 19-Jährigen haben die Angehörigen, Anwälte und Freunde viele offene Fragen – und sie erwarten Antworten, so schnell wie möglich.

Video vom 17. März 2021
Gedenken im Delmenhorster Wollepark an den 19-Jährigen Jungen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. März 2021, 19.30 Uhr