Ultras und Polizei in einem Raum: Frust oder Annäherung?

Nach den jüngsten Krawallen spitzt sich der Konflikt zwischen den Ultras in Bremen und der Polizei zu. Wie kann der gelöst werden? Bei einer Debatte im Weserstadion trafen Polizei, Ultras, Verein und Fan-Experten aufeinander. Ein erster Schritt in die richtige Richtung?

Die Ostkurve des Weserstadions und mit Pyrotechnik zündelnde Fans in grünem Rauch.

Gut gefüllt war der VIP-Bereich der Ostkurve im Bremer Weser-Stadion und der Fanforscher Jonas Gabler überrascht: Vor 20 Leuten habe er einen Vortrag halten sollen, sei ihm gesagt worden. Etwa 100 waren gekommen, darunter viele Mitglieder unterschiedlicher Ultra-Gruppierungen in Bremen. Das Podium hochkarätig besetzt: Werder-Präsident und -Geschäftsführer Hubertus Hess-Grunewald und der neue Fußball-Einsatzleiter in Bremen Andreas Löwe sowie Michael Gabriel und Thomas Schneider, ausgewiesene Fan-Experten bei der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußballbund.

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Hooligans rund um die Bundesliga-Partie von Werder gegen Mainz im Dezember vergangenen Jahres war man gespannt, wie die Debatte laufen würde. Das Verhältnis von Ultras und Polizei in Bremen kann man als zerrüttet bezeichnen. Und so sahen erkennbar vor allem die Beteiligten im Podium die Veranstaltung als Chance, endlich ins Gespräch zu kommen. Dabei kristallisierte sich der Konflikt zwischen Ultras und der Polizei besonders heraus.

Fanforscher: Teil der Ultra-Szene hat sich radikalisiert

Kern der Ultra-Kultur sei der Wunsch, das eigene Team zu unterstützen, sagte Fanforscher Gabler einleitend. Doch in den vergangenen Jahren habe sich etwas verändert: Ein Teil der Szene habe sich radikalisiert, sei Gewalt gegenüber aufgeschlossener als früher, die Bereitschaft, das eigene Verhalten in Frage zu stellen, habe dagegen abgenommen.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion
Teilnehmer der Podiumsdiskussion am 24. Januar 2018 in Bremen.

Laut Gabler haben "Erwachsenen-Institutionen", wie er sie nennt, großen Anteil daran: Polizei, Politik, Verbände, Medien und teilweise auch Vereine. Vor allem bei der Debatte über Pyrotechnik in Fußballstadien vor gut sechs Jahren seien Ultras "wie Spinner dargestellt" worden, an Dialog sei niemand interessiert gewesen. Frust und Enttäuschung bei den Ultras seien eine verständliche Folge gewesen. Durch diesen Umgang habe sich die weitverbreitete Befürchtung verfestigt, diese Institutionen wollten die Ultra-Kultur verbieten oder zerschlagen – das präge das Handeln der bundesweiten Szene.

Die Bremer Ultra-Szene hebe sich durch Besonderheiten hervor, sagte Gabler auch. Weil sie sich in großen Teilen sehr stark gegen Diskriminierung wende, offen gegen Sexismus und Homophobie. Und auch, weil sie die Hooligan-Szene vor Jahrzehnten aus dem Stadion verdrängt habe, die eng mit rechtsextremen Haltungen verbunden ist.

Acht Ultra-Gruppierungen in Bremen

Die unterschiedlichen Strömungen der Ultra-Szene sieht auch Werder-Präsident Hess-Grunewald. Allein in Bremen gibt es acht Gruppierungen mit unterschiedlichen Ausrichtungen, wie er berichtete. Die Vielfalt der Fans sei dem Verein wichtig – auch unter den Ultras. "Wir brauchen die Unterstützung der Ultras", so Hess-Grunewald bestimmt. Doch er könne sich vorstellen, dass sich noch mehr Gruppierungen bilden werden, auch weitere, die den Diskurs mit der Polizei nicht wollen.

Die ist dazu nach eigenen Angaben sehr bereit, wie Einsatzleiter Löwe in der Debatte mehrfach betonte. Das Verhältnis zum Verein und zum Fanprojekt sei gut. So habe man mittelbar Kontakt mit den Fangruppen bekommen, aber keinen direkten Draht. "Da ist mir dran gelegen, ein Feedback zu bekommen, wie wir das besser hinbekommen."

Polizei auf dem rechten Hooligan-Auge blind?

Wie groß die Hürden sind, die dafür überwunden werden müssen, machten die wenigen Wortmeldungen aus den Reihen der Ultras deutlich. Deren Vorwürfe sind nicht neu, der Stachel sitzt schon lange tief: Sie fühlen sich gegängelt und schikaniert. Seit drei Jahren zum Beispiel hindert die Hamburger Polizei Bremer Ultras an der Anreise zum Nord-Derby ins Stadion. Die Begründung zuletzt im vergangenen Oktober: Die Ultras seien "konspirativ angereist" und wollten möglicherweise Straftaten begehen. Bei der Durchsuchung von 31 Fahrzeugen hatten die Einsatzkräfte ein Messer, Pfefferspray und "andere gefährliche Gegenstände" gefunden; rund 170 Ultras wurden zurück nach Bremen geschickt. "Sie hatten die Verhältnismäßigkeit nicht vor Augen", hieß es dazu wütend aus den Reihen der Diskussionsteilnehmer.

Auch mit Blick auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen nach dem Spiel gegen Mainz im Bremer Viertel sehen sich die Ultras nicht richtig wahrgenommen. Laut einer ersten Polizeimeldung an dem Abend hatten linke Ultras eine Kneipe angegriffen. Erst später wurde klar, dass es um eine politisch motivierte Auseinandersetzung mit rechten Hooligans ging, die sich dort offenbar aufgehalten hatten. Die Brisanz der Lage hätte der Polizei schon vorher klar sein müssen, weil es schon im Stadion Streit zwischen beiden Seiten gegeben hatte, kritisierte ein Gast: "Sie wussten doch, dass Nazi-Hooligans da waren: Kümmern Sie sich doch um die Hooligans, das machen Sie bei den Ultras doch auch." Und: "Mit dem rechten Auge gucken sie weg."

Beigetragen zu dieser Meinung hat wohl auch der Angriff von rechten Hooligans auf Ultras bei einer Feier im Ostkurvensaal 2007 und die glimpflichen Geldstrafen für die geständigen Täter vier Jahre später.

Fanforscher sieht Polizei in der Pflicht

In diesen Punkten kamen sich Ultras und Polizei nicht näher an diesem Abend. Bei möglichen Straftaten müsse man handeln, Hinweise auf Eskalationen nach dem Mainz-Spiel habe es nicht gegeben, wiederholte Löwe die bekannten Argumente. Das fehlende Vertrauen wurde umso offenbarer: Der Einsatzleiter hätte sich im Vorfeld der Ausschreitungen einen Hinweis von den Ultras auf die Hooligans in der Kneipe erhofft, und er kritisierte: "Die Ultras wussten das wohl und haben das nicht weitergetragen. Das hätte nicht sein müssen beim Mainz-Spiel. Der Angriff war überflüssig."

Und so erwarten offenbar beide Seiten Verständnis und Unterstützung vom jeweils anderen. Nur wer wagt einen entscheidenden Schritt? Für Fanforscher Gabler muss das die Polizei sein. Diese trage als "Erwachsenen-Institution" die Verantwortung für die Kommunikation mit den jungen Ultras. Weil die Gesprächsgrundlage in den letzten Jahren aber zerstört worden sei, müsse man "über Bande spielen". Ultras und Polizei sollten also nicht direkt, sondern über den Verein und Fanprojekte ins Gespräch kommen.

Ultras sollen Haltung schärfen

Gabler hat weitere Empfehlungen: Die Polizei müsse lernen, Aggressor und Opfer klarer zu erkennen – oft seien Hooligans die Aggressoren und Ultras die Opfer. Weniger Polizeipräsenz bei Nicht-Risikospielen würde den Fans zudem mehr Freiraum geben. Auch Politik und Medien sollten ihren Anteil an der Entwicklung erkennen. Druck und Verbote führten nicht zu einer friedlicheren Ultraszene. Und die ihrerseits trage auch Verantwortung: "Sie muss sich klar werden, wofür sie in erster Linie stehen will: Für Rivalität, Radikalität und Auseinandersetzung oder für Unterstützung, Engagement und Kreativität."

Glaubt man Fanforscher Gabler, müssen sich alle Beteiligten hinterfragen. Ob und wie weit die Debatte schon in die richtige Richtung an diesem Abend geführt hat, ist offen. Ein Indiz lässt Gabler hoffen: "Dass so viele Ultras gekommen sind, obwohl ein Polizist im Raum war."

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  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Januar 2018, 19:30 Uhr