Interview

Polarstern bricht zur größten Arktis-Expedition aller Zeiten auf

Die Forscher lassen sich im Eis einfrieren. Wie gefährlich die Mosaic-Expedition ist, erklärt Expeditionsleiter Markus Rex.

Ein Mann steht auf der Brücke des Forschungsschiffes "Polarstern".
Markus Rex leitet die Expedition. Bild: Radio Bremen | Sonja Klanke

Es geht los: Die Polarstern startet an diesem Samstag in Bremerhaven zuerst zu einer kleinen Arktis-Expedition in ihren "Hausgarten", einer Langzeit-Forschungsstation in der arktischen Tiefsee. Von dort aus startet dann am 20. September die große Mosaic-Expedition. Sie ist die größte Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten und wird vom Alfred Wegener Institut geleitet. Über die Hälfte des Budgets von mehr als 140 Millionen Euro wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung getragen, der Rest kommt von anderen teilnehmenden Nationen. Start der Mosaic-Mission ist im im norwegischen Tromsø. Expeditionsleiter Markus Rex, Atmosphärenphysiker am Alfred-Wegener-Institut, erzählt im Interview mit buten un binnen, was die Forscher herausfinden wollen und wie gefährlich die Expedition ist.

Was ist das Ziel der Expedition?
Wir wollen zum ersten Mal einen modernen Forschungseisbrecher ganzjährig, einschließlich auch des Winterhalbjahres, in die zentrale Arktis bringen, in die direkte Umgebung des Nordpols. Da kommt man normalerweise nicht hin, da das Eis im Winter zu dick ist. Daher gibt es keine Daten. Wir interessieren uns für die komplexen Prozesse, die sich zwischen Eis, Ozean und Atmosphäre abspielen.
Welche Forschungsergebnisse erhoffen Sie sich?
Die Arktis ist das Epizentrum des globalen Klimawandels. Nirgendwo anders auf diesem Planeten wird es so schnell und so massiv wärmer wie in der Arktis. Die Veränderungen sind jetzt schon dramatisch. Die Erwärmungsraten sind mehr als doppelt so groß wie im Rest der Welt. Und im Winter sind sie sogar noch deutlich ausgeprägter. Die Arktis ist schon jetzt eine andere Welt. Wenn ich früher in die Arktis gereist bin, gab es da im Winter nur Schnee und Eis. Wenn ich an die gleiche Stelle heutzutage im Winter komme, plätschert mir das flüssige Wasser vor den Füßen herum. Das Problem ist, die Arktis ist auch der Bereich, in dem wir das Klimasystem am schlechtesten verstehen. Die ganzen wesentlichen Prozesse im Klimasystem haben wir noch nie ganzjährig beobachten können, im Winter noch gar nicht. Wir müssen da hin, um robuste Prognosen zu kriegen. Wir füllen wirklich einen weißen Fleck auf der Landkarte der Klimaforschung. Und deswegen lohnt sich auch dieser wahnsinnige Aufwand.
Friert die Polarstern wirklich im Eis fest?
Ja, dort ist das Eis im Winter selbst für einen Eisbrecher zu dick. Aber im Sommer ist das so dünn, dass wir mit unserem Eisbrecher da reinkommen. Auf diese Weise arbeiten wir uns vor, bis wir gut 500 Kilometer vom Nordpol weg sind. Und dann versetzen wir die Schrauben in Leerlauf. Das Eis wird dann immer dicker und dann sind wir massiv eingefroren in diese Eisdecke. Wir treiben dann mit der Eisscholle weiter. Die Drift des Eises bestimmt die Route. So wie es der Forscher Fridtjof Nansen mit seinem hölzernen Segelschiff "Fram" von 1893 bis 1896 vorgemacht hat. Er hat sich in das arktische Meereis einfrieren lassen und ist mit dieser Eiskappe über den Nordpol Richtung Atlantik gedriftet. Damit hat er gezeigt, dass das geht.
Grafik: Die Mosaic-Expedition mit der Polarstern in Zahlen. Mosaic-Expedition KLICK AUF DIE PIKTOGRAMME Strecke: Über 200 Kilometer ist die Polarstern bislang voran - gekommen. Durch die starke Strömung beträgt die tatsächlich zurückgelegte Strecke 720 Kilometer. Eisbärsichtungen: An 9 Expeditionstagen kam es zu Eisbärsichtungen, darunter einzelne Bären sowie Bärenmütter mit ein oder zwei Jungtieren. Datensammlung: Es wurden circa 20 Terrabyte Daten gesammelt. Messsysteme: 125 Bojen, die als autonome Messsysteme Daten direkt per Satellit verschicken, wurden ausgebracht. Temperaturen: Die Temperaturen fielen bis auf minus 32 Grad Celsius, der Ozean hat aktuell noch -1,5 °C an der Oberfläche. Lebensmittelverbrauch: 12,7 Tonnen Lebensmittel wurden verbraucht.
Bild: Radio Bremen / Alfred-Wegener-Institut
Kann sich das Schiff noch bewegen?
Kurskorrekturen sind nicht vorgesehen. Das wollen wir ja gar nicht. Wir lassen uns da lang tragen, wo das Eis hindriftet. Wir sind dem Eis ausgeliefert. Welchen Kurs das Eis nimmt, ist ja gerade die Frage.
Kann das Schiff vom Eis zerdrückt werden?
Alle Expeditionen vor Fridtjof Nansen sind katastrophal gescheitert. Da sind die Schiffe vor der Küste Sibiriens zerdrückt worden und die Trümmerteile dieser Expeditionen hat Nansen vor Grönland wiedergefunden. Er selber hat dann zum ersten Mal ein Schiff konstruiert, welches nicht vom Eis zerdrückt wird, sondern nach oben rausgedrückt wird. Der Rumpf war so geformt, dass das Schiff die Eisdrift übersteht. Und das hat alles gut funktioniert. Er hat alle heile zurückgebracht. Unsere Polarstern ist so gebaut, dass sie einfach stabil genug ist. Wir haben ausgerechnet, welchem Eisdruck wir dort ausgesetzt sein werden. Wir werden ganz sicher nicht zerdrückt werden und auch nicht untergehen.
Wie wird die Polarstern versorgt?
Wir sind ein ganzes Jahr in der Zentralarktis, das haben wir noch nie gemacht. Das ist eine riesige logistische Herausforderung. Der Treibstoff kann am Anfang und am Ende einfach mit einem anderen Eisbrecher geliefert werden. Dazu haben wir vier weitere Partnereisbrecher, die uns versorgen. Und in der Mitte, wenn das Eis zu dick ist, dann bauen wir eine Landebahn auf das Eis, sodass da Flugzeuge Nachschub bringen, nicht nur Treibstoff, sondern auch Lebensmittel. Und so können wir auch wissenschaftliches Personal und die Besatzung austauschen, damit nicht jeder ein ganzes Jahr an Bord bleiben muss. Wir haben Treibstoffdepots auf Inseln vor der sibirischen Küste als eine Art Basisstationen, von denen aus die Polarstern per Hubschrauber erreichbar ist, auch für medizinische Notfälle. Weitere Stationen gibt es dann im 50-Kilometer-Radius rund um die Polarstern, die werden regelmäßig mit Hubschrauber angeflogen.
Was passiert bei Notfällen?
Wir haben einen Arzt und eine Krankenschwester an Bord. Und wir haben alles getan, um auch bei medizinischen Notfällen hoffentlich in der Lage zu sein, jemanden ausfliegen zu können. Da wir nicht genau wissen, wo wir langtreiben werden, wissen wir nicht genau, ob wir auch in der Reichweite unserer Treibstoffdepots bleiben werden. Wenn wir zu weit wegtreiben, wird es komplex. Dann stellen wir ein weiteres Treibstoffdepot auf das Eis. Dann müssen wir dahinfliegen, nachtanken und von da aus dann zur Polarstern vorstoßen. Aber das sind komplizierte Operationen, die viele Wochen dauern können, und wo man auch bestes Wetter braucht, um das durchführen zu können.
Was ist das Schlimmste, das passieren könnte?
Man darf da nicht überheblich sein. Letztendlich ist auch die Polarstern ein Schiff, das aus Stahl gebaut wurde und schwimmt, weil Luft drin ist. Wenn da ein Loch reinkommt, dann geht es unter. Man muss natürlich auch für solche Situationen Konzepte in der Schublade haben. Und es kann wie jedes andere Schiff auch abbrennen. Das sind die schlimmsten Katastrophen, die bei jedem Schiff vorkommen können, und für die wir Pläne haben müssen.
Wann endet die Expedition?
Fridtjof Nansen musste warten, bis er im Atlantik aus dem Eis wieder ausgespuckt wurde. Wir haben einen Eisbrecher, das heißt im Sommer sind wir in der Lage, das Eis zu durchbrechen. Ende September 2020 schalten wir unsere Maschinen wieder ein und werden uns so langsam freirütteln aus dem Eis. Wir haben sehr sorgfältige Analysen gemacht, wo wir langdriften werden. Wir werden den Punkt, wo wir uns einfrieren lassen, so auswählen, dass wir am Ende auch wieder herauskommen. Den ganz genauen Zielort können wir nicht voraussagen, aber wir möchten irgendwo nördlich von Spitzbergen und Grönland ankommen. Das ist das Gebiet nördlich der Framstraße, benannt nach dem Expeditionsschiff von Fridtjof Nansen. Und genau da wollen wir hin, wo Nansen auch aus dem Eis herausgekommen ist.

Polarstern-Kapitän Thomas Wunderlich freut sich auf das Abenteuer:

Video vom 10. August 2019
Reporter János Kereszti, der neben dem Kapitän der Polarstern sitzt und ihn interviewt.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. August 2019, 19:30 Uhr

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