Ein Zeitzeuge berichtet von der Pogromnacht in Bremen

Martin Bialystock war zur Zeit der Pogromnacht 15 Jahre alt. Er ist einer der letzten, die noch Auskunft geben können, über das, was damals passierte.

Jährlich am 9. November wird an die Opfer der Pogromnacht gedacht. Der Tag gilt als der Auftakt für den staatlich organisierten Massenmord an den europäischen Juden. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden allein in Bremen fünf Menschen ermordet, die Synagoge ging in Flammen auf, die Kapelle auf dem israelitischen Friedhof in Hastedt wie viele andere jüdische Einrichtungen wurden zerstört, Gräber geschändet, zahlreiche Geschäfte verwüstet. 192 jüdische Männer wurden festgenommen, durch die Straßen getrieben, interniert und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.

Es ist somit alles in Ordnung. Nur in Bremen ist es zu einigen unliebsamen Exzessen gekommen. Aber die tauchen gänzlich unter in der Großaktion.

Joseph Goebbels, Reichspropagandaleiter schrieb diesen Satz am 11. November 1938 in seinem Tagebuch

Terror – Plünderungen – Mord

Als im ganzen Land der organisierte nationalsozialistische Mob den Befehlen Hitlers und Goebbels folgte, saß der 15-jährige Bremer Martin Bialystock in Todesangst in der Wohnung seiner Eltern in der Bremer Faulenstraße. Im Erdgeschoss klirrten die Scheiben des Herrenbekleidungsgeschäfts der Familie, wüteten die Plünderer der SA. Als wenige Tage später Bremer Jüdinnen auf den israelitischen Friedhof befohlen wurden, musste Martin gemeinsam mit einem anderen Jugendlichen zwei Gruben ausheben, in denen in der Terrornacht ermordete Menschen verscharrt wurden.

Als die Familie kurz darauf das Geschäft verkaufen musste, hatte der Nachbar C. & A. Brenninkmeyer großes Interesse. Weit unter Wert wechselte der Laden den Besitzer, wobei C. & A. einen Teil des Kaufpreises zurückhielt. Zunächst sollten die Bialystocks die zerbrochenen Scheiben ersetzen.

Flucht nach Palästina

Während Vater, Mutter und Tochter Bialystock in Antwerpen auf die Passage in die Vereinigten Staaten warteten, blieb Martin in den Niederlanden in der Obhut einer Tante. Dort bekam er Kontakt zu einer zionistischen Jugendgruppe. Der 15-jährige Bremer Junge floh – gegen den Widerstand der Eltern – nach Palästina. Seine Eltern und seine Schwester hofften indes vergebens auf ihre Ausreisegenehmigung. Die US-Regierung hatte ein Kontingent für die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Europa festgelegt.

Spätestens seit der internationalen Konferenz in Evian, die vom 6. Juli zum 15. Juli 1938 stattgefunden hatte, war klar, dass kaum Länder überhaupt bereit waren, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Heinrich, Miriam und Franja Bialystock wurden von den deutschen Besatzern deportiert und in Auschwitz ermordet.

Martin Bialystock
Martin Bialystock Bild: Radio Bremen

Martin Bialystock schlug sich in Palästina mit Gelegenheitsarbeiten durch, fälschte seine Papiere so, dass er trotz seiner Jugend in die britische Armee eintreten konnte, kämpfte in Nordafrika, nahm an der Landung in Italien teil. Als Besatzungssoldat lernte er seine spätere Frau kennen, eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz.

Er lebt heute in Tel Aviv, ist nun 90 Jahre alt. Bremen sei er immer noch verbunden, aber die Heimatgefühle für seine Vaterstadt wurden ihm gründlich ausgetrieben. "Heimat ist Israel", sagt er. Und doch freut er sich, wenn er gerade den jungen Bremern berichten kann, was damals in ihrer Stadt passiert ist. Wir haben Martin Bialystock in Tel Aviv besucht.

Die Pogromnacht in Bremen: Schicksal der Familie Bialystock

Bild: Staatsarchiv Bremen

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2013, 19:30 Uhr

Archivinhalt