Das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache – Ende einer Ära?

Seit 1973 setzt sich das Institut für niederdeutsche Sprache für Plattdeutsch ein. Doch mittlerweile gibt es eine neue Institution, die von der Politik finanziert wird. Ist das das Aus?

Schild des Instituts für niederdeutsche Sprache.
Wird in der jetzigen Form womöglich nicht mehr lange im Schnoor existieren: Das Institut für Niederdeutsche Sprache.

"Wi snackt platt" prangt in grünen Buchstaben auf dem Schild eines Eckhauses im Bremer Schnoorviertel. Wer dort schon ein paar mal entlangflaniert ist, kann den prägnanten Spruch direkt zuordnen: Er gehört zum INS, dem Institut für niederdeutsche Sprache. Und so wie der Spruch zum INS gehört, gehört das INS zum Schnoor – immerhin zog der Verein schon in den 70ern in das Haus. Der Auftrag in all dieser Zeit war jedoch immer der gleiche: Die Erhaltung des Plattdeutschen, und die Beantwortung jeglicher Fragen rund um den einzigartigen Dialekt.

Doch seit Dezember letzten Jahres gibt es einen Umbruch: Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg beschließen die Errichtung des "Länderzentrums für Niederdeutsch", das nicht nur einen ähnlichen Auftrag erhält, sondern auch gleich die insgesamt 271.000 Euro Budget, die bislang an das INS geflossen sind. Das bekommt seitdem nichts mehr.

"Halten uns durch Spenden und Ehrenamt über Wasser"

"Das ist eine Aufgabe, die eigentlich gar nicht zu stemmen ist. Wir kriegen es trotzdem irgendwie hin, nur sorgt diese Situation eben dafür, dass das gesamte Jahr 2018 bislang ein einziger großer anstrengender Umbruchsprozess ist", resümiert INS-Präsident Heiko Block die vergangenen Monate. Die meisten Mitarbeiter, die sich um die große Platt-Bibliothek und jegliche Anfragen kümmerten, habe man nicht halten können – mittlerweile beschäftigt das Institut direkt nur noch eine Bibliotheks-Aushilfe in halber Stelle.

Heiko Block
"Die letzten Monate waren ein einziger großer Umbruchsprozess", sagt Heiko Block, Präsident des INS.

Reinhard Goltz, ehemaliger Geschäftsführer des INS, und Vera Hansen, die auf Honorarbasis für das Institut für Deutsche Sprache arbeitet, sorgen zwar noch für Präsenz vor Ort und dafür, dass jemand an das Telefon geht, wenn es klingelt – tun das jedoch beide ehrenamtlich, neben ihren eigentlichen Tätigkeiten.

"Da ist es kaum verwunderlich und ärgerlich, dass einige Sachen nicht so zufriedenstellend bearbeitet werden können wie es eigentlich notwendig wäre", so Goltz. Denn neues Länderzentrum hin oder her: Die Anfragen jeder Art, mehr als 1000 im Jahr, würden nach wie vor im Schnoor landen. Das sich immer noch im Aufbau befindliche Länderzentrum könne diese nicht bewältigen. "Wir sehen also: Es besteht weiterhin Bedarf an dieser Arbeit, und darum machen wir diese Arbeit", erklärt Goltz. Doch langfristig sei es mit den derzeitigen Finanzen nicht zu schaffen.

Förderung durch das Land Bremen: Teils Eiszeit, teils Hoffnung

Den derzeitigen Notstand hat das INS bislang durch Spenden und Mitgliederbeiträge auffangen können. Auch der Bund halte das Institut weiterhin für förderungswürdig, so Block. Der Bund könne zwar nur subsidiär fördern, doch auf die Art und Weise seien immerhin zurzeit zwei Projekte in Planung, deren Finanzierung gesichert wären.

Doch beim großen Geldgeber, dem Land Bremen selbst, ist die Lage nach wie vor kompliziert. Denn schon bevor das Länderbudget von 271.000 Euro anfing, an das Länderzentrum für Niederdeutsch zu fließen, gab es Ärger um die Summe. Tatsächlich war sie Gegenstand eines Gerichtsverfahrens zwischen INS und dem Bremer Kulturressort, das stellvertretend für Bremen und die restlichen drei Länder agierte. Der Vorwurf: Ehemalige Mitarbeiter des INS hätten zu viel Geld erhalten, ergo sollten Zuwendungen gekürzt werden. Das INS wehrte sich, bekam am Ende teilweise Recht.

Die Kommunikation mit dem Bremer Kulturressort war in den vergangenen Monaten mehr oder weniger null.

Heiko Block, INS-Präsident

Die Folgen? "Dieses Gerichtsverfahren hat das Verhältnis sicherlich nachhaltig belastet; die Kommunikation seitdem war mehr oder weniger null", so Block. Immerhin 80.000 Euro hatte der Kultursenator zuvor immer mit in den Budgettopf gegeben, der jetzt an das LZN geht.

Ein kleiner Lichtblick für das Institut im Schnoor: Die Gespräche mit Bremen auf der Ebene Wissenschaft. Zusammen mit dem entsprechenden Staatsrat und dem Institut für Deutsche Sprache habe man bislang regelmäßigen Kontakt gehabt, es bestehe die Überlegung einer Kooperation. Zwei wissenschaftliche Stellen würden dann dauerhaft nach Bremen gehen, mitfinanziert vom Staatsrat für Wissenschaft. Abgeschlossen seien die Gespräche noch nicht. Sollten sie aber erfolgreich sein, würde das bedeuten, dass das INS sich künftig fast nur noch auf die sprachwissenschaftliche Arbeit konzentrieren würde.

INS und LZN: Wer macht eigentlich was?

Die Internetseite des Länderzentrums für Niederdeutsch
Wer nach einem Internetauftritt des seit Ende 2017 existierenden LZN sucht, findet noch nicht viel: Die Seite sei "noch im Aufbau."

Etwas, was dem neuen Länderzentrum wohl zugute kommen würde; denn "rein formal ist es schon so, dass es eine wesentliche Überschneidung der Aufgaben von LZN und INS gibt", so Block. Er habe es schon immer für einen Fehler gehalten, dass es allein in Bremen gleich zwei Adressen für das Plattdeutsche gebe. "Aber zu einer Art Konkurrenzsituation ist es bislang allein schon deswegen nicht gekommen, weil wir die meisten Handlungsfelder aufgrund unserer Kapazitäten schlichtweg gar nicht mehr bedienen können."

Daher nun: Der Fokus auf Wissenschaft und Forschung. Mit dem LZN habe man bislang unregelmäßigen Kontakt gehabt, ein Projekt zu Plattdeutsch in der Altenpflege wolle man im nächsten Jahr zusammen mit dem Bundesrat für Niederdeutsch angehen. Aber eine Verabredung für ein dauerhaftes, gemeinsames Tun und Handeln; "das ist bislang nicht zustande gekommen", sagt Block. Das damalige Angebot, das neue Institut doch vielleicht im Schnoor anzusiedeln, hatte man ausgeschlagen.

Häuser im Schnoor müssen saniert werden

Bücherregal in der Bibliothek des Instituts für Niederdeutsche Sprache
Die weltgrößte Plattdeutsch-Bibliothek wird in den nächsten Jahren umziehen müssen. Wie und wohin, das steht noch in den Sternen.

Grund dafür: Der Bibliotheksbestand sei für die praktische Arbeit des LZN nicht allzu relevant, die Barrierefreiheit nicht gegeben. Und womöglich auch der Zustand der Häuser: "Die sind nun mal alt, und auf kurz oder lang müssen wir sie sanieren", so Block. Das bahne sich schon seit einigen Jahren an, die Notwendigkeit rücke näher. Sowohl von oben als auch von unten habe es bereits Wasserschäden gegeben; "für eine Präsensbibliothek beziehungsweise ein Archiv nicht die besten Voraussetzungen."

Für eine Sanierung müsste man die aus rund 35.000 Medieneinheiten bestehende Bibliothek an einen anderen Ort verlagern. Damit einhergehend steht die Entscheidung an, was künftig aus ihr werden soll: Bibliothek, Teilbibliothek oder komplettes Archiv, das der Öffentlichkeit nur noch durch gezielte Anfragen zugänglich wäre. Angesichts des wissenschaftlichen Schwerpunkts, den das INS einnehmen muss, wenn es überleben will, erscheint letzteres nicht unwahrscheinlich. Sicher ist eines: In seiner jetzigen Form wird es das Institut für niederdeutsche Sprache nicht mehr lange geben.

  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: Bremen Ein, Der Tag, 30. November 2018, 23:30 Uhr