Ausgeklatscht? Bremens Pflegekräfte fühlen sich längst vergessen

Applaus bekamen sie zu Beginn der Corona-Pandemie. Jetzt gibt's nicht einmal für alle den angekündigten Bonus. Krankenpflegerinnen wie Hana und Jaqueline sind enttäuscht. War das alles?

Ausgeklatscht: Wann werden die Bedingungen in der Pflege besser?

Video vom 12. August 2020
Pflegerin Stefanie Lienemann, mit Mundschutz und Handschuhen, kümmert sich um eine Person im Rollstuhl.
Bild: Radio Bremen

Anfangs waren sie die Helden der Stunde. Als die Pandemie Deutschland erreichte und die Angst vor dem Ungewissen groß war, lobte man das Personal in den Krankenhäusern. Aus offenen Fenstern und von den Balkonen wurde es beklatscht. Politiker aller Couleur forderten eine Aufwertung der Pflegeberufe. Auch von einer finanziellen Anerkennung für Pflegekräfte war lange die Rede. Doch für manche ist es bislang bei der Dankbarkeit geblieben. Und die Enttäuschung sitzt tief.

So wie bei Hana B. und Jaqueline R. Sie arbeiten beide als Pflegefachkräfte in einem Bremer Krankenhaus. Ihre vollen Namen und den ihres Arbeitgebers möchten sie nicht in der Presse lesen, sie sind aber der Redaktion bekannt. Wenn sie reden, schwingt in ihren Stimmen die Enttäuschung mit. "Man fühlt sich veräppelt", sagt Hana.

Man wird anfangs gehypt und dann auf den Boden geschmissen. So fühlt man sich. Wie ein Kaugummi.

Hana B., Pflegefachkraft

Als Krankenpflegerinnen haben sie bislang keinen Bonus bekommen, Prämien oder ähnliche finanzielle Anerkennungen ebenso wenig. Sie machen aber nicht ihrem Arbeitgeber Vorwürfe, das betonen sie mehrfach. Enttäuscht sind sie eigentlich von der Politik, auf Bundes- sowie Landesebene. "Es wurde anfangs immer diskutiert und diskutiert und es hieß, dieser Bonus würde dann kommen. Und kurz danach erfährt man: 'Nee, doch nicht'", erläutert Jaqueline.

Nicht nur ein Bonus, sondern mehr Anerkennung

Hana und Jaqueline sind in ihrer Art sehr unterschiedlich. Die eine redet laut, die andere etwas leiser. Hana sitzt locker auf ihrem Stuhl, das Knie seitlich gebeugt, Jaqueline sitzt gerade, der Blick nach vorne gerichtet. Doch ihre Erzählung und ihre Empfindungen ähneln sich. Was sie ärgert ist nicht nur, dass sich der vom Bund zugesagte und teilweise von Bremen finanzierte Bonus in Höhe von bis zu 1.500 Euro am Ende nur an Altenpfleger richtet. Was ihnen Sorgen bereitet ist die fehlende Anerkennung ihrer Arbeit. "Der Beruf an sich, die Pflege, muss einfach mehr Anerkennung bekommen. Man darf nicht vergessen: Es geht um die Gesundheit der Menschen", sagt Hana. Die Verantwortung, die sie trügen, sei nicht geringer als in der Altenpflege.

Wir haben auch Anerkennung verdient. An der Front, wenn man es so nennen will, waren die Leute im Krankenhaus. Dazu gehören auch die Ärzte, die Reinigungskräfte, Therapeuten, die in der Zeit da waren. Die darf man auch nicht vergessen.

Hana B., Krankenpflegerin

Bremer Gesundheitsressort: Entscheidung kam vom Bund

Das Bremer Gesundheitsressort teilte mit, die Entscheidung, nur dem Altenpflegepersonal den Bonus auszuzahlen, sei auf Bundesebene getroffen worden.

Es bedarf selbstverständlich einer dauerhaft besseren Bezahlung von Pflegekräften, sowohl im Krankenhaus als auch in der Altenpflege. Eine solche kann nur von den Sozialpartnern vereinbart werden.

Lukas Fuhrmann
Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke)

Dass ein Bonus nicht ausreicht, um den Pflegeberufen ein besseres Image und einen höheren Stellenwert zu verleihen, ist den beiden Krankenpflegerinnen klar. Sie wünschen sich nicht nur eine insgesamt bessere Bezahlung, sondern auch eine adäquate personelle Besetzung.

Ähnliche Forderungen von der Gewerkschaft Verdi waren in den vergangenen Wochen laut geworden. Noch wichtiger als eine einmalige Prämie sei die Perspektive von dauerhaft guten Arbeitsbedingungen, sagte die Gewerkschaftssekretärin Annette Klausing buten un binnen.

Dazu gehört offenbar auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Dass man keine Angst haben muss, in seiner Freizeit aufs Handy zu schauen, weil jemand wieder umgefallen sein könnte, zum Beispiel. Oder Termine nicht immer wieder abgesagt werden müssen, weil man einspringen muss", fügt Stefanie Lienemann, Pflegefachkraft und Verdi-Mitglied, hinzu. "Die Bedingungen in der Pflege müssen sich ändern – sonst bleibt alles nur ein Tropfen auf dem heißen Stein."

Geno: "Finanzielle Anerkennung" ist noch nicht vom Tisch

Einige Arbeitgeber haben offenbar freiwillig Prämien zugesagt, doch bei vielen Arbeitnehmern bleibt die Unsicherheit. Der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) teilte auf Nachfrage mit, die Frage nach einer finanziellen Anerkennung sei noch nicht vom Tisch. Man wolle zunächst schauen, ob sich tariflich oder auf Bundesebene etwas tue. Noch sei es zu früh, um eine Bilanz zu ziehen, da man sich noch mitten in der Pandemie befinde, sagte Geno-Sprecher Rolf Schlüter. Außerdem müsse man aufpassen, dass keine Ungerechtigkeiten innerhalb des Krankenhauses entstünden. Es gebe schließlich Bereiche, beispielsweise in der Tuberkulose-Behandlung, in denen die Mitarbeiter regelmäßig mit hochansteckenden Krankheiten zu tun hätten.

Die Geno weist außerdem darauf hin, dass die Aufwertung der Pflegeberufe eines gesellschaftlichen und politischen Umdenkens bedarf. Und die Politik? Selten herrscht über alle politischen Farben hinweg so viel Konsens wie bei der Frage der Aufwertung von Pflegeberufen. Sowohl in der Regierungskoalition als auch der Opposition wird auf die Notwendigkeit einer besseren Tarifbezahlung hingewiesen – und damit wiederum an die Tarifparteien appelliert. So lobt der gesundheitspolitische Sprecher der Bremer CDU-Fraktion, Rainer Bensch, den Bonus als "bislang einzigartige finanzielle Wertschätzung einer wichtigen Berufsgruppe in der Geschichte unseres Landes", forderte aber gleichzeitig weitere Schritte bei den Tariflöhnen. Die FDP schlägt zudem vor, die Digitalisierung zu nutzen, um die Pflegenden zu entlasten. Auch höhere Kassenbeiträge seien notwendig.

Der Pflegebonus war ein richtiges Signal, aber auch nicht mehr. Es war falsch, ihn nicht auch den Menschen in der Krankenpflege zukommen zu lassen. Aber wie der Applaus verpufft auch das. Wir sehen es als nötig an, das Gehaltsniveau anzuheben und Pflegekräfte von schweren und Routinearbeiten weiter zu entlasten.

Magnus Buhlert der stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der FDP in Bremen im Interview
Magnus Buhlert, FDP-Fraktion

Pflegerinnen: Diskussion ist nicht genug

Auch die SPD fordert eine bessere Tarifbezahlung. "Die Altenpfleger stehen oft schlechter da, weil sie oft nicht tarifgebunden sind", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin Ute Reimers-Bruns. "Aber es ist unglücklich, wenn man überhaupt differenziert. Ich kann die Enttäuschung verstehen." Kritik am Bonus kommt auch von der Linkspartei in Bremerhaven: "Wenn es einen Bonus gibt, dann müssen alle daran partizipieren", so die Fraktionsvorsitzende Petra Brand. "Aber ein Bonus alleine reicht einfach nicht."

Für Pflegefachkräfte wie Lienemann, Hana und Jaqueline ist es allerdings nicht genug, dass Arbeitgeber, Politiker und Gewerkschaft darüber diskutieren. "Seit Anfang des Jahres gilt, dass sie darüber diskutieren", betont Jaqueline. Doch für sie sei die Arbeit nicht weniger gefährlich gewesen als in der Altenpflege. "Bei uns auf der Station waren anfangs auf einmal Patienten, die Covid-19-positiv waren", sagt Hana. Man habe soziale Kontakte vermieden, das Team sei in der Zeit zur Ersatzfamilie geworden. "Denn auch im familiären Umfeld hatte man Menschen, die etwas älter sind. Sie hatten Angst, sich anzustecken", so Jaqueline.

Anfangs sei die Schutzausrüstung ebenfalls knapp gewesen, Masken und Kleidung müssten länger getragen werden. Der Geruch vom Desinfektionsmittel habe Kopfschmerzen verursacht. Und die Gehälter, sagen die beiden jungen Krankenschwestern, seien in der Krankenpflege nicht immer höher als in der Altenpflege. Aber vor allem schmerzt sie eines: nach Ende der akuten Pandemie-Phase wieder vergessen zu werden.

Mehr Geld und Corona-Bonus: Das fordern Bremer Pflegekräfte

Video vom 12. Mai 2020
Mehrere Menschen demonstrieren, Mund und Nasenschutz tragend, für mehr Gerechtigkeit in Pflegeberufen.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. August 2020, 19:30 Uhr