Warum Ärzte Bremer Kinder zum Toben bringen wollen

Springen, Hüpfen, Klettern – Kinder haben einen angeborenen Bewegungsdrang. Trotzdem bewegen sich zwei Drittel von ihnen zu wenig. Wie kann das sein?

Zwei Kinderfüße balancieren auf einer roten Linie.

Stefan Trapp aus Bremen ist seit zwei Jahrzehnten Kinderarzt. Und er ist besorgt. "Immer mehr Kinder schaffen die einfachsten Aufgaben nicht mehr", sagt er. Aufgaben wie einen Ball fangen oder auf einer geraden Linie balancieren. Der Grund dafür sei Bewegungsmangel.

Wir würden uns wünschen, dass jedes Kind 60 Minuten am Tag ins Schwitzen kommt.

Stefan Trapp, Sprecher der Kinderärzte in Bremen

Kleine Kinder bewegen sich häufig, sagt Trapp. "Aber wir wissen, dass das im Grundschulalter zurückgeht." Und im Jugendalter werde die notwendige Bewegung dann nur noch von einem ganz kleinen Teil der Kinder erfüllt.

Was Trapp in seiner Praxis in Bremen-Huchting beobachtet, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Nur noch ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren bewegt sich der aktuellen KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge ausreichend. Dabei sei Bewegung wichtig für die Gesundheit und Psyche, sagt Mirko Brandes vom Bremer Leibniz Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie.

So steht es um die motorischen Fähigkeiten von Kindern

Grafische Darstellung von spielenden Kindern mit Ball

Zivilisationskrankheiten, die früher erst in einem höheren Erwachsenenalter aufgetreten sind, fangen jetzt deutlich früher an.

Mirko Brandes, Bremer Leibniz Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

So würden auch die Kosten für unser Gesundheitssystem steigen. "Ganz abgesehen davon, dass sich natürlich auch die Lebensqualität von diesen Personen reduziert", sagt Brandes. Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Übergewicht entstünden auch durch Bewegungsmangel.

Und tatsächlich sind der KiGGS-Studie zufolge bereits 15 Prozent der Kinder übergewichtig, 6 Prozent leiden sogar an krankhafter Fettleibigkeit. Und es gibt weitere Auffälligkeiten: Je älter die Kinder werden, desto weniger bewegen sie sich. Mädchen bewegen sich zudem deutlich weniger als Jungen.

Soziale Herkunft spielt eine Rolle

Auch die soziale Herkunft spielt eine große Rolle, sagt Kinderarzt Trapp: "Statistisch kann man sagen, dass mehr Defizite auftauchen bei ökonomisch schlecht gestellten Haushalten und bei bildungsfernen Haushalten." Umso wichtiger sei es, dass in schlechter gestellten Stadtteilen tolle Angebote gemacht würden.

Denn Fehler, die in der Kindheit gemacht werden, seien später nicht oder nur noch unter hohem Aufwand zu korrigieren, mahnt der Kinderarzt: "Jemand, der als Kind nicht gelernt hat sich zu bewegen, da lernt das Gehirn Bewegungsmuster, der kann das als Erwachsener kaum wieder aufholen."

Gute Nachrichten der Uni Bremen

Zu wenige Fahrradwege, zu wenige Spielplätze, Sportunterricht der ausfällt. Eltern, die ihre Kinder vorm Fernseher parken oder schon früh ein Handy in die Hand drücken. Das Überangebot von Zucker. Experten sind sich einig: Die Gründe für den Bewegungsmangel sind vielschichtig. "Genauso vielschichtig sollten daher die Maßnahmen sein, die ihm entgegenwirken", sagt Präventionsforscher Mirko Brandes.

Dabei gibt es im Übrigen nicht nur schlechte Nachrichten. So zeigt eine Untersuchung der Universität Bremen, dass jedes zehnte Kind motorisch sogar weit überdurchschnittliche Leistungen erbringt.

  • Hanna Möllers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. September 2019, 19:30 Uhr