Meinungsmelder

Befragung: So hoch sollte der Mindestlohn in Bremen sein

Wie viel sollten Arbeitnehmer verdienen? Sicherlich mehr als den aktuellen Mindestlohn, findet die Mehrheit der Radio Bremen Meinungsmelder.

Es werden vier 20€ Scheine und ein 10€ Schein in die Kamera gehalten.

Ist der aktuelle Mindestlohn zu niedrig, um davon sorgenfrei leben zu können? Die Antwort der Radio Bremen Meinungsmelder ist eindeutig: Ja. Sogar der Landesmindestlohn von 11,13 Euro brutto pro Stunde reicht für die Mehrheit der Befragten nicht aus, um die eigenen Rechnungen zu bezahlen und sich auch mal etwas leisten zu können. Vor allem Menschen, die weniger als 2.000 Euro netto im Monat verdienen, sind der Meinung, dass der ab Juli geltende Bremer Mindestlohn zu niedrig sei.

Dabei gilt der Bremer Mindestlohn nur für Beschäftigte in öffentlichen Unternehmen und Einrichtungen oder Betriebe, die Aufträge oder Zuwendungen der Stadt erhalten. Für die anderen Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft gilt weiterhin der gesetzliche Mindestlohn von 9,19 Euro brutto pro Stunde.

Reicht der aktuelle Landesmindestlohn aus?

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Mehrere Befragte nahmen in ihren Kommentaren Bezug auf die aktuellen Mietpreise und den Bremer Wohnungsmarkt. So schrieb eine 72-jährige Teilnehmerin: "Es kommt darauf an, wie hoch die Mieten sind und momentan sind Mietpreise auch in Bremen unzumutbar!"

Wenn für ausreichend günstigen Wohnraum gesorgt ist, sind 11,13 Euro ausreichend. Bei der derzeitigen Wohnungssituation sind 11,13 Euro nicht ausreichend.

57-jähriger Meinungsmelder

Ein Viertel der Befragten: Mindestlohn auf 15 Euro erhöhen

Doch wie hoch sollte dann ein gesetzlicher Mindestlohn sein? Der Durchschnittswert der gesamten Ergebnisse liegt bei 13,41 Euro brutto. Ein Viertel aller Befragten ist sogar der Meinung, dass er 15 Euro pro Stunde betragen sollte.  

Wie hoch sollte der Mindestlohn sein? 

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Dass der Mindestlohn erhöht werden sollte, davon ist offenbar auch die aktuelle Wirtschaftssenatorin überzeugt. "Wir würden uns wünschen, dass der Landesmindestlohn perspektivisch erhöht wird", teilte ein Sprecher auf Nachfrage mit.

Aus Sicht des Wirtschaftsressorts schätzen wir es so ein, dass die damals anvisierte Lohnhöhe von 11,13 Euro zwar zur Existenzsicherung einer derzeit Vollzeit tätigen alleinstehenden Person ausreicht, jedoch eine grundsicherungsfreie Alterssicherung zur Zeit nicht gewährleistet.

Kai Stührenberg, Sprecher der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa

Anders sieht es der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Bremen, Cornelius Neumann-Redlin. Es sei zwar verständlich, dass manche Menschen meinen, der Mindestlohn müsste höher sein. Aber mit einem Mindestlohn, der zu hoch sei, greife man zu tief in die Tarifverträge ein. Deshalb wende sich der Verband gegen eine Erhöhung, die über den Vorschlag der Bundeskommission hinausgehe.

Wir können nicht auf der einen Seite sagen: 'Wir müssen Tarifverträge unterstützen und uns dafür einsetzen, dass die Tarifbindung in Deutschland hoch bleibt' und auf der anderen Seite Tarifverträge kaputt schießen, indem wir einen Mindestlohn einziehen, der die unteren Gruppen eines Tarifvertrages faktisch eliminiert.

Cornelius Neumann-Redlin spricht über Tarifflucht.
Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Bremen

Vor allem im Niedriglohnsektor Verstöße gegen den Mindestlohn

Immer wieder werden Fälle von Firmen bekannt, die den Mindestlohn umgehen. Eine Sonderkommission hat in den vergangenen zwei Jahren 13 Verstöße gegen das Mindestlohngesetz im Bundesland Bremen aufgedeckt. Das Problem ist auch der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bekannt, bestätigt Gewerkschaftssekretär Moritz Steinberger. "Es gibt auch in unseren Branchen immer wieder Firmen, die den Mindestlohn unterlaufen. Vor allem im Hotel- und Gaststättegewerbe sowie in der Fast-Food-Gastronomie."

Dabei würde es sich oft um Beschäftigte im Niedriglohnsektor handeln, die länger als die offiziellen Arbeitsstunden am Arbeitsplatz bleiben müssten. "Wenn man schon den Mindestlohn bekommt, unterschreitet man mit jeder zusätzlichen, unbezahlten Minute den Mindestlohn", erläutert er. Kritisch äußert sich auch Annette Düring vom Deutschen Gewerkschaftsbund Bremen: "Der Mindestlohn ist die untere Haltelinie. Das kann und darf auch nur die untere Haltelinie sein."

Berufe in der Gesundheit und Pflege als unterbezahlt wahrgenommen

Nicht alle Umfrageteilnehmer sind jedoch der Meinung, dass der Mindestlohn an sich sinnvoll ist. So sagt ein 67-jähriger Bremer: "Ich bin gegen einen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, allerdings soll und muss die Entlohnung für die Grundbedürfnisse angemessen sein." Für einen anderen Teilnehmer ist ein gesetzlich vorgeschriebener Mindestlohn sogar schädlich, denn in manchen Berufen würden die Beschäftigten dann lediglich den Mindestlohn verdienen.

Mindestlohn, so ein Quatsch. Eine Raumpflegerin mit acht Stunden hat über 15 Euro zu verdienen, und zwar pro Stunde. Unsere Politik hat den Arbeitgebern viele Schlupflöcher zugelassen. Eine Putzfrau leistet doch genauso viel wie ein Beamter, eine Kindergärtnerin, eine Krankenschwester oder ein Schlosser.

53-jähriger Meinungsmelder  

Vor allem Berufe in der Gesundheit und Pflege sollten laut Meinungsmeldern besser entlohnt werden. Es sei "schlicht skandalös", dass Menschen, die sich um kranke Menschen kümmern, von Personen schlecht bezahlt würden, die sich in erster Linie ihren Bilanzen und gegebenenfalls Aktionären verpflichtet fühlten, schreibt ein 58-jähriger Bremer.

Welche Berufe sollten besser vergütet werden?

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Doch wie viel ist genug, um gut davon leben zu können? Hier gehen die Meinungen der Meinungsmelder auseinander. Etwas mehr als ein Drittel der Befragten finden ein monatliches Gehalt zwischen 2.000 und 3.000 netto angemessen, etwas weniger als ein Drittel gibt sich schon mit zwischen 1.500 und 2.000 Euro zufrieden. Entsprechend empfinden nur die meisten der Mehrverdiener (ab 2.000 Euro netto im Monat) ihre aktuelle Bezahlung als gerecht.

Die Ergebnisse der Befragung im Überblick

Mehr zum Thema:

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Oktober 2019, 19:30 Uhr