So lebt es sich in einem Mehrgenerationenhaus in Bremen-Nord

Video vom 18. August 2021
Eine Außenaufnahme vom Haus des Wohnprojekts Wolke 51 in der Überseestadt in Bremen. Auf den Balkonen stehen die Bewohner und winken zur Kamera.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Das Mehrgenerationenhaus Wolke 51 ist ein bemerkenswertes Bremer Wohnprojekt. Dort leben Menschen, die mehr wollen, als nur Nachbarn im gleichen Haus zu sein.

Wolke 51 – das Mehrgenerationenhaus im Tauwerkquartier in Bremen-Nord: 18 Erwachsene und zwei Kinder wohnen hier. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben zwar ihre eigenen Wohnungen, teilen sich aber einen Gemeinschaftsraum, einen gemeinsamen Garten und unternehmen viele Aktivitäten zusammen. Eine der Erwachsenen, die hier wohnt, ist Ilsa-Marie. Sie mag es mit Menschen zusammenzuwohnen.

Ich schnacke gerne und ich finde es klasse, dass wir uns gegenseitig helfen.

Ilsa-Marie, Bewohnerin
WOLKE 51 Mehrgenerationenhaus
Hier kümmern sich alle um alles: Auch die Gartenarbeit wird gemeinsam gemacht. Bild: Importer

Auch Sabine und Jens Bergmann wohnen im Mehrgenerationenhaus Wolke 51. Sie haben das Projekt mitinitiiert. Auch sie wollten nicht mehr alleine wohnen. "Bevor wir hier eingezogen sind, hatten wir ein großes, freistehendes Einfamilienhaus mit großem Garten und großem Schwimmteich. Unsere Kinder waren mittlerweile ausgezogen und es war keiner mehr da, der sich um irgendwas kümmern konnte, wenn wir im Urlaub waren. So ganz glücklich sind wir da auch nicht gewesen", erzählt Sabine Bergmann.

Gemeinsam mit Elvira und Detlef Saevecke entwickelten sie die Idee für das Mehrgenerationenhaus. Elvira und Detlef Saevecke haben keine Kinder und finden es ganz schön in der Gemeinschaft zu leben. "Weil man nicht so alleine, isoliert in der Wohnung lebt", sagt Elvira Saevecke. Man kenne alle aus dem Haus, man sei befreundet und man unternehme einiges zusammen, so Elvira Saevecke.

Doch der Weg des Projekts, von der Idee bis zum Einzug, war für alle Beteiligten mit sehr viel Arbeit verbunden. Rückblick auf das Frühjahr 2019: Damals bestand die Baugruppe nur aus sechs Parteien für die zwölf Wohnungen. Das Ziel war aber doppelt so viele Menschen für das Haus zu finden. Deshalb führte die Gruppe immer wieder Interessierte über die künftige Baustelle. Projektentwickler Joachim Böhm entdeckte das Grundstück in Bremen-Grohn und kaufte es. Heute weiß er, dass so ein Wohnprojekt wie die Wolke 51 vor allem viel Durchhaltevermögen braucht. "Dieser Schritt, sich zusammen zu tun bis zu dem Schritt in die eigene Wohnung ist in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt eben total lang und schwer. Es gibt wenige, die das anbieten und die das professionell machen", so Böhm.

Im Oktober 2019 wurde mit dem Ausbaggern der Baugrube begonnen. Es war ein großer Moment, denn jetzt musste die Gruppe das Projekt auch finanzieren. Die Lösung: Eine Firma, an der alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Gruppe Anteile erwerben konnten. Im Februar 2020 legte die Gemeinschaft dann den Grundstein für das 3-Millionen-Euro-Projekt. Die Baugruppe war guter Dinge, in anderthalb Jahren einziehen zu können.

Es ist einfach ein super nettes Quartier hier.

Maike Baumheier, wohnt mit ihrer Familie im Haus Wolke 51
WOLKE 51 Mehrgenerationenhaus
Eine eigene Wohnung im Mehrgenerationenhaus hat für die junge Familie mit Kind viele Vorteile, vor allem aber: Babysitter an Bord. Bild: Radio Bremen

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie traf sich die Gruppe vis-a-vis, im vergangenen Jahr – coronabedingt – meistens nur virtuell. Es ging um viele Entscheidungen: Welche Farbe für das Haus, wie sehen die Fliesen aus, welcher Putz wird verwendet. Dabei offenbarten sich auch Konflikte in der Gruppe. Deshalb entschieden sich die Mitglieder für eine Supervision, eine Beratung durch einen externen Coach. Im Juli 2020 feierte die Gruppe Richtfest. Der Rohbau war fertig, so langsam bekamen alle eine Vorstellung davon, wie das Haus mal aussehen wird. Und noch immer waren zwei Wohnungen nicht vergeben, gesucht wurden Familien mit Kindern. Ende des Jahres kam Familie Baumheier dazu. Sie sind die Jüngsten in der Gruppe. Die Entscheidung zum Umzug trafen sie relativ spontan. "Es ist einfach ein super nettes Quartier. Meine Schwägerin wohnt hier. Deswegen waren wir mal zu Besuch und dachten: Wir würden hier auch gerne wohnen und dann fiel unser Blick auf das Schild: Wir suchen noch eine junge Familie und dann haben wir uns mal informiert", so Maike Baumheier.

Anfang dieses Jahres war das Haus im Endausbau. Jens Bergmann machte als gelernter Installateur vieles in seiner Wohnung selbst. Die Frage, die er und alle anderen sich stellten: Kann der Einzugstermin gehalten werden? Auch Architekt Ronald Kirsch hat an manchen Tagen sehr gelitten. Nicht nur wegen der Bauverzögerungen, sondern auch weil die Gruppe mehrfach Entscheidungen nach einer Videokonferenz einfach wieder umwarf. "Spätestens wenn wir die Videokonferenzen abgeschlossen hatten, ging es dann am nächsten Tag wieder los: Das geht so nicht: Die Farbe, der Putz, das Holz. Das nehmen wir alles zurück. Das müssen wir anders machen."

Trotzdem waren im März die ersten Wohnungen bezugsfertig. Nach und nach rollten die Umzugslaster vor. Inzwischen gibt es auch Interessenten für die letzte freie Wohnung. Eine junge Familie aus Buxtehude will demnächst einziehen. Marie und Sebastian mit Sohn Henrik planen schon den Umzug in die erste Etage des Hauses. Das Alter im Mehrgenerationenhaus reicht jetzt von neun Monaten bis 71 Jahre.

Dass wir, die Älteren, vielleicht etwas den Jüngeren geben können und umgekehrt, wir etwas von ihnen bekommen können, sodass eine gelebte Gemeinschaft entsteht.

Dieter Lehmann, einer der ältesten Bewohner

Angela und Dietmar Lehmann sind mit 70 die Ältesten im Projekt. Auch sie wollten vor allem mehr Nähe zu anderen Menschen haben. "Der Altersunterschied von fast 50 Jahren spielt gar keine große Rolle. Es geht darum, dass wir alle den gleichen Gedanken haben. Wir wollen gemeinsam etwas machen", so Angela Lehmann. "Dass wir, die Älteren vielleicht etwas den Jüngeren geben können und umgekehrt, wir etwas von ihnen bekommen können, sodass eine gelebte Gemeinschaft entsteht“, ergänzt Dieter Lehmann.

WOLKE 51 Mehrgenerationenhaus
Alle Bewohnerinnen und Bewohner finden vor allem die Gemeinschaft im Mehrgenerationenhaus gut: Gemeinsame Küche, gemeinsamer Garten, gemeinsame Aktivitäten. Bild: Radio Bremen

Zwischenbilanz nach vier Monaten: Die Lehmanns leben jetzt nur noch auf 80 Quadratmetern. Aber die Gemeinschaft ist ihnen wichtiger als ein großes Haus. Sie wollten vor allem mit Menschen zusammen sein, mit denen sie sich unterhalten können. "Wo wir früher gewohnt haben, haben wir zwar einen Nachbarn links und einen Nachbarn rechts gehabt, aber da war Spontanität nicht Normalität, sondern man hat sich längerfristig verabredet. Hier herrscht Spontanität, man kommt locker zusammen und das ist genau das, was wir uns gewünscht haben", so Dieter Lehmann.

Auch die Baumheiers, die jungen Bewohner, ziehen ein positives Fazit. Bisher konnten sie immer Probleme lösen. "Wenn ich meine Nachbarn nicht kenne, dann ärgere ich mich vielleicht über die Waschmaschine, die ich noch um 10 Uhr höre und dann spreche ich es nicht an. Aber hier, weil wir uns alle kennen, würde ich das Thema am nächsten Morgen im Flur kurz beschnacken", sagt Maike Baumheier.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. August 2021, 19:30 Uhr