Was in Männergruppen wirklich passiert

Männer wollen unter sich bleiben. Aber warum? Kurz vor dem Bremer Männertag durfte unsere Autorin Serena Bilanceri dabei sein. Das hat sie erlebt.

Zwei Männer sitzen nebeneinander. Sie sind Teil eines Stuhlkreises und blicken in die gleiche Richtung.
In Männergruppen können sich Männer ganz fallen lassen – ohne die Konsequenzen, die es haben könnte, wenn sie sich Freunden oder Verwandten anvertrauen würden (Symbolbild). Bild: Imago | Science Photo Library

Ein Teelicht flackert in der Mitte des Raums, New-Age-Musik spielt leise im Hintergrund. Fünf Männer sitzen im Kreis auf sanften, weißen Wolldecken und blutroten Kissen. In der Mitte liegt ein knotiger Holzstock. Jeder, der später das Wort ergreifen wird, wird sich auch den Stab nehmen. Der Stab schafft Ordnung, reguliert den Austausch, verleiht Sprachrecht. "Die Gedanken sind wie Wolken. Lasst sie weiterziehen", sagt der Leiter der Männergruppe mit ruhiger Stimme. Bei der Meditation im Sitzen hält jeder den Nachbar an der Hand, die Augen geschlossen.

Ralf*, Lukas*, Andreas*, Niko* und Gruppenleiter Volker Nietfeld sind Mitglieder im Bremer Männerrat. Einige von ihnen treffen sich bereits seit Jahren regelmäßig, andere sind zum ersten Mal dabei. Dass eine Frau dabei sein darf, ist keine Selbstverständlichkeit, ganz im Gegenteil: Es ist eine Ausnahme. Ein rarer Einblick in eine Welt, die sonst normalerweise verschlossen bleibt.

Alltägliche Situationen und Konflikte

Wieso aber? Was müssen Männer besprechen, das so geheim bleiben sollte? Bei den Treffen gehe es vor allem darum, dass sich die Teilnehmer frei fühlten, ihre Erfahrungen auszutauschen, sagt Nietfeld. Dazu dient auch die Meditation. "Der Ablauf ist je nach Gruppe etwas anders", führt er fort.

Vor allem sollen die Menschen die Möglichkeit haben, Fragen zu besprechen, die ihnen am Herzen liegen. Ohne die Konsequenzen, die sie hätten, wenn sie sich Freunden oder Verwandten mitteilten. Und ohne Ratschläge von anderen Teilnehmern.

Die Themen werden von der jeweiligen Person angesprochen, die anderen enthalten sich Urteile oder Empfehlungen.

Volker Nietfeld, Gruppenleiter und Pädagoge

Es gehe darum, die jeweilige Situation und die verschiedenen Aspekte zu begreifen – eine Lösung solle dann jeder für sich eventuell entdecken.

Hände eines Mannes
Bei dem Treffen dieser Männergruppe spielt auch Bewegung eine große Rolle.

Und die Themen, die die Männer ansprechen, sind recht unterschiedlich, das wird schon in der Vorstellungsrunde klar. Niko, 50, Lehrer, roter Pullover, Jeans und kurzer Bart, hatte kürzlich ein Problem mit einer Vorgesetzten. Einige Kollegen seien mit seinen Bewertungen nicht einverstanden gewesen, sagt er und blickt kurz ins Leere. "Das hat natürlich eine gewisse Angst ausgelöst." Doch er habe gelernt, mit der Unsicherheit umzugehen. Bei den nächsten Prüfungen sei er souverän geblieben. "Das hat sich professionell angefühlt", sagt er. Fast beiläufig erwähnt er anschließend, dass sich seine Mutter auf das Sterben vorbereite, und übergibt den Stab dem nächsten Mitglied. Schwierige Lebenssituationen dürfen, müssen aber nicht im Mittelpunkt stehen. Daher wird auch nicht nachgefragt, wie es einem dabei gehe, ob er nicht vielleicht über Angst oder Verlust reden möchte.

"Ich habe erst nach der Krankheit gelernt, Prioritäten zu setzen"

Mit derselben Selbstverständlichkeit, die wie Respekt anmutet, wird die Rede von Andreas aufgenommen. Er ist 67 und zum ersten Mal dabei, erzählt, wie nach einer bösartigen, doch überwundenen Krankheit die Angst vor dem Tod ihn noch hin und wieder überfalle. "Was, wenn die Krankheit zurückkommt?", fragt er. Er seufzt kurz, blickt für einen Moment etwas traurig über die Brille hinweg, reibt den Stab langsam gegen die Hose, auf den gekreuzten Beinen. Die grauen Haare streifen seinen Hemdkragen. Er habe gelernt, Prioritäten zu setzen. Was man loslassen und was man behalten möchte. Was wichtig sei und was wichtiger hätte sein sollen.

Rote Kissen und weiße Decken liegen im Kreis auf dem Boden
Im Kreis berichten die Teilnehmer über ihre aktuelle Situation und das, was sie momentan beschäftigt.

Doch nicht alle Geschichten müssen lebensverändernd sein. So erzählt ein weiterer Teilnehmer, er habe bei einem schönen Spaziergang durch Schneereste überlegt, wie er eine bessere Balance zwischen Arbeit und Erholung finden könne. Ein anderer noch, der wie ein Krieger mit einem Knie auf dem Boden sitzt, scherzt, er habe der Faulheit den Kampf angesagt. Zwar habe er den Umfang seiner sportlichen Aktivitäten reduziert, dafür aber mit dem Rauchen angefangen. Ein gelassenes Lachen hallt im Raum.  

Als Frau fühlt man sich dabei nicht fremd oder fehl am Platz, ganz im Gegenteil. Es sind Erzählungen, die unter Freunden beider Geschlechter besprochen werden könnten. Was bringt dann junge und weniger junge Männer dazu, Zeit und Geld in eine Männergruppe zu investieren? Was ist der Mehrwert? Ist es Teil einer Krise des Mannes?  Ralf, der seit etwa sieben Jahren dabei ist, sagt: "Für mich waren Magenbeschwerden der Anlass: Eine homöopathische Ärztin hat mir empfohlen, an einer Männergruppe teilzunehmen. Am Anfang wollte ich das nicht." Dann habe er am Tag der offenen Türen vorbeigeschaut, seine Meinung geändert.

Der Tanz, die Bewegung... Das ist etwas, das Kraft gibt. Man muss sich einfach darauf einlassen können, ohne zu denken.

Ralf*, Teilnehmer

Aufmerksamkeit und Respekt als wichtige Aspekte

Auch für Niko war eine Erfahrung bei einem Männertag besonders prägend. "Etwa 60 Männer standen vor einer Bühne, schweigend, und warteten, dass der Teilnehmer auf dem Podium etwas erzählt – oder auch nicht." Die Bühne sei für alle und alles frei gewesen, allen würde mit demselben Respekt begegnet. "Diese Stille, als die anderen Männer geschwiegen haben, war sehr eindrucksvoll." Wo bekomme man sonst so viel Aufmerksamkeit, ohne etwas leisten zu müssen?

Musik mit orientalischen Tönen wabert im Raum. Eine Palme ragt in einer Ecke aus einer Vase heraus, in der anderen steht eine schlichte Holzfigur: ein Mann und eine Frau, die einander umschlingen. Die Jalousien sind heruntergelassen, die weißen Vorhänge zugezogen, das Licht gedimmt.

44-jähriger Mann, lächelnd
Volker Nietfeld leitet die Männergruppe "Männerrat" in Bremen. Bild: Volker Nietfeld

Die fünf Männer stellen sich im Kreis auf. Sie fangen an, sich mit geschlossenen Augen zu bewegen. Jeder unterschiedlich, manche fließend wie die Noten, die aus der Stereoanlage diskret herausströmen, andere noch zögernd. Jemand ruft ein lautes "I" in den Himmel, immer wieder. Einige heben die Hände hoch, die Innenflächen in Richtung Dach. Die Musik spielt noch leise im Hintergrund, doch je mehr die Zeit verstreicht, desto drängender, tiefer werden die Töne. Dschungelgeräusche ersetzen die arabische Melodie, ein Tam-Tam von afrikanischen Djemben setzt ein. Das Trommeln wird lauter, die Bewegungen hektischer. Einige Männer schütteln sich, andere begießen sich mit unsichtbarem Wasser, jemand ruft ein schallendes, gutturales "O". Es ist wie eine musikalische Explosion, die Gefühle tauchen auf, als könnten die Teilnehmer sie anfassen, mit Gesten beschreiben.

Draußen, außerhalb dieses abgeschirmten Raums, schlendern herausgeputzte Menschen in Scharen durch die eleganten Geschäfte, nippen an ihrem Espresso und Latte Macchiato, shoppen am Samstagnachmittag in der Innenstadt. Drinnen, im Raum, scheint die Zeit hingegen zu ihrem Ursprung zurückzufließen. Es ist wie ein Urschrei, der sich in dem schlichten Zimmer ausbreitet.

"Ich fühle mich als Teil von etwas Größerem"

Die Männer tanzen jetzt auf einer melancholischen Melodie. Einige schwanken langsam, hin und her, folgen den Lauten der Geigen. Sie wirken in sich selbst versunken, als wäre die Welt weit weg. Dann endet die Musik. Die Teilnehmer der Männergruppe, in Hemden und weißen Unterhemden, schauen einander mit entspanntem Ausdruck. "Das war die Atemmeditation. Schaut nun die anderen an, die mit euch diese Reise gemacht haben", sagt Nietfeld. Im Laufe des Nachmittags gibt es auch einen freien Tanzraum mit Rockmusik. Dann wird das Dilemma von Andreas durch eine sogenannte Aufstellungsarbeit visualisiert: eine psychologische Methode, die einen Laien ein wenig wie ein Rollenspiel anmutet. Denn Andreas kann sich nicht entscheiden, ob er eine Beziehung weiterführen sollte – oder eben nicht.

Und tatsächlich geht es vielleicht bei diesem Treffen genau darum: Die Ruhe zu finden, die im Alltag oft fehlt, über sich selbst nachzudenken. Und dann jeden Gedanken loszulassen. In einem sicheren Raum, in dem Erwartungen, Aggression und Druck keinen Platz finden. Ein Raum wie abgetrennt vom Rest der Welt. Rein Erfahrungsaustausch unter Männern. Habe ich als Frau diesen sicheren Rahmen gesprengt, irgendwie gestört? Nein, sagt Niko bei der Feedback-Runde am Ende. "Ich habe Sie komplett ausgeblendet." Die Männer sitzen jetzt wieder auf den roten Kissen und den weißen Decken. Andreas* sagt, die Atemmeditation gebe ihm Energie, Kraft, man fühle sich wacher als zuvor. Alle nicken. Niko fügt hinzu: "Ich fühle mich als Teil von etwas Größerem. Als wäre man im Alltag in einem Traum und würde erst dann wieder aufwachen. Jetzt bin ich in dieser Welt zu Hause."

*Namen von der Redaktion geändert. 

Zu sehen ist die Ken Barbie-Puppe im Anzug.

Mehr zum Thema:

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. März 2019, 19:30 Uhr