"Ich habe jeden Tag geweint – das Mädchenhaus gab mir Hoffnung"

Ein paar Frauen gründeten in Bremen vor 30 Jahren ein Haus für Mädchen in Not. Die Ratsherren waren skeptisch. Doch ehemalige Bewohnerinnen erzählen, wie es ihnen half.

Ein gelber Banner, auf dem mit blauer Farbe das Wort Mädchenhaus geschrieben wurde.

Vor 30 Jahren taten sich ein paar Frauen zusammen, um ein Mädchenhaus in Bremen zu gründen. Feministisch sollte es sein und auch unbürokratisch, damit Mädchen in Not schnell geholfen werden konnte. Skeptisch seien die Ratsherren in Bremen damals gewesen, erinnert sich Geschäftsführerin Heike Ohlebusch. Inhaltlich habe das Konzept des Mädchenhauses gut ausgesehen. "Uns war klar, es muss was geben, wo die Mädchen geschützt werden", so Ohlebusch. "Wo wir ihnen glauben, was sie sagen, auch wenn sie vielleicht lügen."

Eine Kollegin hat mal gesagt, man muss die Not hinter der Lüge erkennen. Also das war unser Ziel. Zu sagen: So wir sind da und wir helfen diesen Mädchen.

Heike Ohlebusch

Ob dieser Haufen von Frauen aber kompetent genug war, das Projekt auch umzusetzen, das mussten sie erst beweisen. Heute, 30 Jahre später, sind alle Zweifel ausgeräumt.  Vor allem bei den ehemaligen Bewohnerinnen, wie Ketjana. "Die haben wirklich mehr als mehr getan. Wenn ich jetzt Sterne geben müsste, von eins bis fünf Sterne, ich würde fünf geben."

Ketjana lebte viele Jahre im Mädchenhaus. Geboren ist sie in Albanien. Ihre Eltern gingen ohne sie nach Deutschland, sie wuchs bei ihrem Großvater auf. Als sie 14 Jahre alt war, kam sie zur ihrer Mutter. "Leider kannten wir uns nicht wirklich", sagt Ketjana. "Sie hat dann eine andere Familie gegründet. Sie hat andere Kinder, einen anderen Mann – grob gesagt: Es hat einfach nicht geklappt zu Hause. Ich war eine Zeit lang dann depressiv und hab gedacht, ok, jetzt geht alles den Bach runter."

Mädchen haben Gewalt- und manchmal Fluchterfahrungen

Vier Frauen lächeln in die Kamera.
Die Mitarbeiterin des Mädchenhauses Karin Dölling (l.) und Heike Ohlebusch (2.v.r.) und zwei ehemalige Bewohnerinnen Fatu und Charlott.

Das Mädchenhaus wurde zu Ketjanas neuem Zuhause. Es gab ihr Halt und Verständnis. Wer ins Mädchenhaus kommt, hat Probleme in der Familie, hat meistens  Gewalterfahrungen gemacht, wurde vielleicht vernachlässigt, hat Eltern, die psychisch erkrankt sind. Manche haben Essstörungen oder schneiden sich selbst. Oft merke man es ihnen gar nicht an, sagt Heike Ohlebusch. "Mädchen halten oft eine Familie auch zusammen. Sie übernehmen eine Rolle, meistens die der Mutter- auf jeden Fall eine Elternrolle", erklärt Ohlebusch. "Wenn ein Elternteil zum Beispiel trinkt, psychisch krank ist – damit es keiner merkt. Und diese Mädchen sind oft völlig unauffällig. Total angepasst, sind die ganz stillen in der Schule. Und irgendwann bricht es auf.“

Manche von ihnen haben auch eine Fluchtgeschichte. Wie Fatu. Sie kam nach Deutschland ohne ihre Familie, mit 16 Jahren allein über das Mittelmeer. "Eigentlich wusste ich gar nicht wo ich hinreisen muss. Ich bin einfach zusammen mit den anderen Leuten mit dem Boot gefahren", sagt Fatu heute.

Hoffnung in anscheinend aussichtlosen Situationen

Als Minderjährige brauchte Fatu Betreuung und kam ins Mädchenhaus. Sie erinnert sich noch genau an den ersten Tag und an eine Begegnung mit einer der Pädagoginnen. Für sie nicht nur ein Kultur-, sondern auch ein Klimaschock. Es war ein Tag im November, wie sie erzählt. Es sei dunkel gewesen, es habe geschneit. "Und sie meinte, wir haben morgen einen Termin. Dann hab ich nach draußen geguckt – hat geschneit. Ich habe den Kühlschrank aufgemacht, guck mal wie das Eis ist, dann hab ich draußen geguckt und gesagt: 'Nein, diese Frau will mich töten, warum soll ich raus gehen?'" Das ist jetzt etwa sieben Jahre her. Inzwischen hat Fatu ihre Ausbildung als Hauswirtschafterin abgeschlossen. Sie ist dankbar, dass es so einen Ort wie das Mädchenhaus gibt. Es habe ihr Hoffnung gegeben, sagt sie.

Weil damals war es echt schwierig für mich. Ich glaube ich war fast jeden Tag in meinem Zimmer. Ich wollte mit keiner reden. Und wenn die Betreuer kommen, weißt du, die kommen in mein Zimmer und reden mit mir, manchmal gehen wir raus, Spaziergang. Die haben mir Hoffnung gegeben wieder.

Fatu, ehemalige Bewohnerin des Mädchenhauses in Bremen

Auch für Ketjana war das Mädchenhaus eine Erfahrung für die sie dankbar ist, wie sie sagt. Vor allem, dass im Mädchenhaus jeder gleich und mit Respekt behandelt werde, habe sie nachhaltig beeinflusst. Deshalb sei sie heute ein offener Mensch. "Keiner soll was gegen einen anderen haben, einfach so ohne Grund", sagt sie. Man müsse jede Sexualität akzeptieren, offen für jeden Menschen sein. "Dadurch dass ich, sozusagen, im Mädchenhaus groß geworden bin, nehme ich viel mehr Rücksicht, bin viel verständnisvoller." Jedes Mädchen, dass zu Hause wirklich Probleme habe, sagt sie, sollte beim Mädchenhaus um Hilfe bitten. Ein erster Schritt sei dafür der Mädchennotruf mit der Nummer 341120.

Vier Frauen lächeln in die Kamera.
Karin Dölling, Fatu, Heike Ohlebusch, Charlott

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 7. August 2019, 16:45 Uhr