Interview

Wissenschaftler zu Tests an Bremer Schulen: Mehr Fälle als erwartet

Der Bremer Senat lässt die Schulen weiter offen und bewertet die Anzahl der positiven Tests unter Schülern und Lehrern als nicht zu hoch. Ein Experte aus dem Saarland sieht das anders.

Eine Schülerin wird einem Coronatest unterzogen.
In Bremen wurden 18.495 Schülerinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen und Beschäftigte getestet. Dabei waren 58 Tests positiv (Symbolbild). Bild: DPA | Keystone/Gian Ehrenzeller

Am Donnerstag hat der Bremer Senat berichtet, dass bei den kostenlosen Tests für Bremer Schüler, Lehrer sowie Erzieher 58 Corona-Fälle herausgekommen sind. Das entspricht einer Positiv-Quote von 0,31 Prozent. Insgesamt haben sich 18.495 Menschen testen lassen. Dabei hatten viel mehr, nämlich 73.000 Schülerinnen sowie 11.200 Erzieherinnen, Lehrer und sonstige Beschäftigte an Schulen und Kitas die Möglichkeit zu einem kostenlosen Test. Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes, ordnet die Ergebnisse der Tests ein.

Herr Lehr, der Bremer Senat schließt aus den Ergebnissen der Tests an Schulen und Kitas, dass Schulunterricht vor Ort kein besonderer Infektionstreiber ist. Stimmt das?
Die Zahlen zeigen, dass sich für jüngere Altersgruppen derselbe Inzidenzwert ergibt, wie für Ältere. Insofern ist das schon überraschend, weil ja vorher immer davon ausgegangen wurde, dass die Infektionszahlen unter den Jüngeren niedriger sind. Die Zahlen belegen aus meiner Sicht, dass das Infektionsgeschehen unter Kindern und Jugendlichen in Schulen und Kitas eine Rolle spielt – wenn auch vielleicht nicht die dominante. Man darf die Kitas und Schulen aber in keinem Fall vernachlässigen.
Mit den Zahlen lässt sich also nicht begründen, warum man die Schulen grundsätzlich offen hält und lediglich die Präsenzpflicht aussetzt?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Aus Infektionsschutzgründen müsste man die Schulen wohl schließen. Die Politik muss das aber natürlich sehr genau abwägen. In meinen Augen müssten die kostenlosen Tests in Bremen aber nicht mehr Fälle zutage gefördert haben, um zu alarmieren. Sie sind schlimm genug, weil wir ja wie gesagt bisher davon ausgegangen sind, dass Kinder und Jugendliche sich seltener mit dem Coronavirus infizieren als Erwachsene.
Sinkt die Aussagekraft der Zahl dadurch, dass lediglich gut ein Viertel der Personen, die die Möglichkeit dazu hatten, sich testen ließ?
Nicht wirklich. Mehr wären schön gewesen, das ist aber ein erfreulicher Anfang. Das ist die größte Reihentestung, die ich kenne. Ein Viertel klingt wenig, 18.000 Personen sind aber eine ordentliche Hausnummer.
Was empfehlen Sie jetzt für das weitere Vorgehen?
Die Zahlen geben genügend Stoff für weitere Analysen. Und die Tests sollten auf jeden Fall in einiger Zeit wiederholt werden. Solche Querschnittsstudien wurden viel zu lang – vielleicht auch aus Angst – versäumt. Das sollte fortgeführt werden.

Autor

  • Milan Jaeger Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 21. Januar 2021, 18 Uhr