In Bremer Laboren fehlen Covid-19-Tests

Die Pharmakonzerne kommen mit der Lieferung von Corona-Test-Kits nicht nach. Auch Bremen trifft das. Experten zufolge könnten daher bald schwere Entscheidungen anstehen.

Plastikröhrchen mit Abstrichen für einen Corona-Test.
Die Industrie kommt offenbar mit der Lieferung von Test-Kits nicht hinterher (Symbolbild). Bild: DPA | Ostalb Network

Andreas Gerritzen, Geschäftsführer des Medizinischen Labors Bremen, ist besorgt. Das liegt allerdings nicht an zu vielen Corona-Anfragen von Ärzten und Krankenhäusern. Und es liegt auch nicht daran, dass sein Labor personell nicht noch mehr Covid-19-Tests bewältigen könnte. Im Gegenteil: "Am meisten Zeit kosten die verzweifelten Versuche, Reagenzien geliefert zu bekommen, aber die Industrie kommt nicht hinterher."

Die Lieferrückstände deutscher Diagnostiklabore lägen inzwischen bei mehreren zehntausend Tests, so Gerritzen. Für das Land Bremen geht der Epidemiologe im Durchschnitt von grob 500 Tests pro Tag aus, die derzeit möglich seien. "Bei optimaler Belieferung und Planung könnten es aber über 1.000 pro Tag werden", sagt er.

Am meisten Zeit kosten die verzweifelten Versuche, Reagenzien geliefert zu bekommen, aber die Industrie kommt nicht hinterher.

Geschäftsführer Medizinisches Labor Bremen

Das Labor behelfe sich zwischenzeitlich mit einer alternativen Bestimmungsmethode, die wesentlich mehr Handarbeit erfordere. Mit ihr könnten daher nur maximal 150 Proben pro Tag geprüft werden. Allein am Montag mussten allerdings mehr als 200 Aufträge abgearbeitet werden. In der vergangenen Woche waren es im Schnitt rund 500 Tests täglich. "Das werden wir definitiv nicht leisten können, und andere Labore auch nicht", so Gerritzen.

Schwerpunktsetzung möglicherweise erforderlich

Im Falle einer fortschreitenden Ausbreitung des Coronavirus bestehe daher die Gefahr, dass nicht mehr jeder dringende Verdachtsfall getestet werden kann. Das gehe nur, wenn man auch die Kapazitäten hat, sagt Gerritzen. "In der jetzigen Situation verhindern die vielen, breit gestreuten Tests, die Diagnostik für die wirklich wichtigen Proben von Schwerkranken und ihren behandelnden Ärzten."

Eine Situation, in der Tests aufgrund der Vielzahl der Fälle keinen Sinn mehr machten, sei möglich, sagt Gerritzen. Dann helfe Nicht-Infizierten nur noch Abstand halten und zuhause bleiben. Schwerkranke müssten hingegen symptomatisch behandelt werden.

Inzwischen mehrere Testlabors in Bremen

Das Szenario, bei dem nicht mehr genügend Apparate oder Reagenzien für Tests zur Verfügung stehen, werde bereits diskutiert, sagt Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung der Uni Bremen. "Testet man nur noch Menschen, bei denen man nicht schon Symptome sieht? Testet man nur noch bestimmte Berufsgruppen?" Das werde gerade durchgespielt.

"Wir sind derzeit an der Grenze dessen, was bewältigbar ist", sagt Dotzauer. Dennoch laufe es im Land Bremen noch gut. So plane die Stadt unter anderem die Einrichtung eines weiteren Testlabors im Krankenhaus Bremen-Ost. Auch im Laborzentrum Bremen (LADR) am Krankenhaus Bremen-Mitte werde getestet.

Bald auch Tests zur Feststellung der Immunität

Dotzauer bringt darüber hinaus prophylaktische Tests ins Spiel. "Was Sinn macht, ist, jene Personen regelmäßig zu testen, die durch ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit potenziellen Umgang mit Infizierten haben." Und zwar unabhängig davon, ob diese Personen bereits verdächtig positiv seien oder nicht. "Dies gilt nicht nur für medizinisches Personal, dazu gehören auch Polizisten oder Altenpflegerinnen", sagt Dotzauer. Hier müsse abgewogen werden, wie hoch das Risiko sei, dass diese Personen weitere infizierten.

Der Nachteil solcher prophylaktischer Tests sei, dass sie bei einem zu frühen Stadium der Ansteckung möglicherweise nicht anschlügen, sagt hingegen der Epidemiologe Hajo Zeeb. "Es kann dann ja auch sein, dass ich mich genau dann einen Tag später infiziere." Rückblickende Tests seien diesbezüglich aussagekräftiger, sagt der Forscher. Denn sie machten es möglich, jene bereits erkrankten Menschen zu identifizieren, die bereits Antikörper und somit eine Immunität gegen das Coronavirus entwickelt haben – oft unwissentlich.

Erste Immunitätstests laut Experten noch unbrauchbar

Laborarzt Andreas Gerritzen schätzt allerdings, dass diese Tests frühestens in drei Wochen zur Verfügung stehen könnten. "Die ersten jetzt verfügbaren Tests für die entsprechende Antikörperbestimmung, mit denen man das können sollte, taugen nichts", sagt er.

Auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer geht davon aus, dass die sogenannten ELISA-Tests, mit denen solche Antikörper entdeckt werden könnten, für Covid-19-Fälle erst in einigen Wochen verfügbar sind. Und selbst dann drohen weitere Schwierigkeiten. "Das ist zwar kein kompliziertes Verfahren", sagt Dotzauer. Doch auch dafür seien entsprechenden Test-Kits nötig, die dann erstmal zur Verfügung stehen müssten.

Bestimmung der Dunkelziffer ist wichtig

Dass diese dennoch wichtig werden könnten, daran gibt es unter Experten keinen Zweifel. "Das wird ganz interessant werden, um in der Bevölkerung zu sehen, zum Beispiel durch eine Zufallsstichprobe, wer hat denn überhaupt schon Antikörper gebildet", sagt Zeeb. So ließe sich beispielsweise die Dunkelziffer jener Infizierten bestimmen, die wegen symptomfreier oder milder Verläufe in keiner offiziellen Statistik auftauchten. Das Robert Koch-Institut geht für Deutschland derzeit noch vage von einer Dunkelziffer in Höhe des Vier- bis Elffachen der gemeldeten Fälle aus.

"Eine genauere Dunkelziffer zu kennen, würde uns helfen, unsere Modelle und Vorhersagen zu verbessern", sagt Zeeb. Das könne noch relevant werden – nicht nur für den jetzigen Corona-Ausbruch, sondern auch für den Umgang mit künftigen Epidemien.

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Video vom 20. März 2020
Eine Außenansicht der Bremer Messe Halle 5.

Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. März 2020, 19:30 Uhr