10.000 Euro pro Quadratmeter: Was bietet das kleinste Haus Bremens?

Innenstadt, Altbau, 77.000 Euro: Das klingt gut. In diesem Fall sollte man aber Kreativität mitbringen. Das Haus im Schnoor ist so klein, dass die Stadt nur wenig Potenzial sah.

Video vom 27. Oktober 2020
Ein kleines Haus mit roten Steinen und grüner Tür in einer schmalen Straße.
Bild: Kensington | alischa.hartje@kensington-international.com

Ortwin Fritsche lacht, als hätte ihm jemand ein unanständiges Angebot gemacht. Dass die Stadt Bremen einmal einen Antrag stellte, um aus dem mutmaßlich kleinsten Haus Bremens eine öffentliche Toilette zu machen – das ging doch wirklich zu weit. "Das habe ich abgelehnt", sagt Fritsche entschieden. Denn sein Haus in der Hinteren Balge im Bremer Schnoor ist zwar klein, sehr klein sogar, quasi winzig. Aber das ist für den Hausherren auch das Besondere, das Alleinstellungsmerkmal – das, was es so wertvoll macht:

77.777 Euro will der 77-Jährige für zirka 7 Quadratmeter – ein Schelm, mag man denken. Doch verhandelbar ist der Preis nicht. Mit Recht, findet auch der Makler. "Man könnte einen normalen Quadratmeterpreis ansetzen, wenn es ein normales Haus wäre", sagt Tobias Lachmann. "Das können wir aber nicht. Denn wir haben hier das kleinste Haus Bremens, das kleinste erschlossene Haus Bremens. Wir haben Wasseranschluss, Stromanschluss – und das Spannende ist: Hier ist viel Geschichte drin."

Der einzige Weg zum "vergessenen Fluss"

Da das Haus weniger weitläufig, aber umso übersichtlicher geschnitten ist, fällt einem ein Teil dieser Historie direkt ins Auge, während man im Türrahmen stehend die Lage scannt und überlegt, ob man selbst noch ein Plätzchen findet – zwischen Kochnische, antikem Mini-Schreibtisch (Fritsches Sohn hatte das Haus zuletzt als Büro genutzt) und dem schmalen aber modernen Duschbad – mit Toilette natürlich.

Kaum will man nämlich den Fuß auf die erschlossene Fläche setzen, überrascht dort, wo man alte Holzdielen erwartet, ein Glasboden – der ein paar altertümliche marode Stufen freigibt. "Die führen zum alten Keller, einen Quadratmeter groß", erklärt Makler Lachmann mit ehrlicher Begeisterung. Der Keller führe zum alten Flusslauf der Balge, dem einzigen Zugang, den es zu dem früheren Seitenarm der Weser noch gebe. "Man erkennt sie als solche zwar nicht, aber theoretisch liegt sie da – oder hat da gelegen."

Etwa um 1836 beginnt laut Eigentümer Fritsche die Geschichte des Hauses. Die Balge war ein wichtiger Wasserweg der Stadt, manche nennen sie auch den vergessenen Fluss. Denn "die Balge wurde im Lauf der Zeit zugebaut", erzählt Fritsche, wie jemand, der dies schon oft erzählt hat. Weil die Gemeinde erweitert wurde, hätten die Anwohner ihre häufig als Schuppen genutzten Anbauten hinter den Häusern verkauft und dafür die kleinen Bauten davor bekommen, mit denen der Fluss zugebaut worden war. "Unter anderem von diesem Haus aus konnte man dann runter in die Balge gehen."

Von der Zisterne zum Hühner-Gehege

Viele Funktionen habe das Häuschen seitdem gehabt, erzählt der Eigentümer weiter: Einst wurde es demnach als Zisterne genutzt, mit deren Wasser die Anwohner ihre Wäsche schrubbten, es diente als Lager, als Werkstatt, als Küche, Fritsche hielt auch einmal Hühner auf dem ehemals begrünten Dach und … jetzt ist Schluss! Zumindest für ihn. Vor 52 Jahren hatte Fritsche den "Schuppen" zusammen mit dem dazugehörigen Wohnhaus gekauft, in dem er lange lebte. Das Wohnhaus ist längst weiterverkauft, jetzt will er auch den Rest loslassen. "Dabei spielt der Preis überhaupt keine Rolle", sagt er. Wer jetzt meint, doch eine Verhandlungsbasis heraus zu lesen, der irrt: "Ich finde das noch viel zu niedrig für so eine Antiquität."

Das wirkt für manche möglicherweise gewagt, selbst wenn sie wüssten, dass Blattgold in die glänzenden Fliesen am Küchenspiegel verarbeitet wurde. "Eine Spielerei." Und mit dem Wissen, dass die sieben Quadratmeter für die Nutzfläche stehen und sich die Wohnfläche auf kuschelige zirka vier Quadratmeter beschränkt. Wie man es auch rechnet: Unter 10.000 Euro pro Quadratmeter kommt man nicht ins Spiel. Muss er oder darf er diese Immobilie vermakeln? "Dürfen, ganz eindeutig dürfen", sagt Makler Lachmann mit Überzeugung. "Das ist eine riesengroße Ehre und das besonderste Objekt, das wir aktuell in Bestand haben."

Und sogar wohnen könne man darin: "Da oben kann man sich eine Matratze hinlegen", sagt der Immobilienverkäufer und zeigt mit der Hand auf eine Konstruktion unter der Decke, die Eigentümer Fritsche als Alkoven beschreibt, eine Bettnische – die von unten so wirkt als könnte man sich mit Körpermaßen von 60-60-60 prima seitlich hineinschieben in den Spalt und atemlos in die historische Atmosphäre eintauchen.

"Ein Haus wie ein Picasso"

Dass das Häuschen in der schmalen Gasse in der Tat ein eigenes Flair hat, liegt auch an seinem großen Fenster mit Blick ins Grüne. Die Vögel, die hier zur passenden Jahreszeit zwitschern, kann man hören, es könnte ein Ort sein, wo man seine Gedanken schweifen lassen kann an einem lauen Sommerabend. Allein das wirklich "darin wohnen" braucht noch etwas Phantasie. Makler Lachmann ist aber sicher, dass man alles machen kann in diesem Haus, solange man eng mit dem Denkmalschutz zusammenarbeitet, was bauliche Veränderungen anbetrifft. Dies sollte in Abstimmung mit dem Bauamt und dem Landesamt für Denkmalpflege geschehen. "Man kann Erlebnisübernachtungen machen, der kleinste Friseur kann hier einziehen – man kann hier richtig kreativ werden."

Ich hoffe, dass ein Käufer gefunden wird, der dieses Kleinod so behandelt, wie es sich gehört. Ich suche jemanden, der das wirklich wertschätzt.

Ortwin Fritsche, Eigentümer des kleinsten Hauses in Bremen

Fritsche selbst würde ein neuer Eigentümer gefallen, der sich wirklich einlassen kann auf das romantische Potenzial dieses Gebäudes. "Ich hoffe, dass ein Käufer gefunden wird, der dieses Kleinod so behandelt, wie es sich gehört. Ich suche jemanden, der das wirklich wertschätzt."

Im Moment ist die Lage noch eher weltlich geprägt: Es haben sich schon mehr als 30 Interessenten laut Makler Lachmann gemeldet. Das Gros von ihnen wolle es vielleicht als Ferienhaus vermieten oder Airbnb. Andere wollten es kaufen und dann überlegen, was sie damit machen. Spekuliert vielleicht jemand auf eine Wertsteigerung über den großzügigen Kaufpreis hinaus? Warum nicht, meint Makler Lachmann. "Das ist ein Haus wie ein Picasso. Letztendlich hat ein Bild auch nur ein paar Euro Gegenwert – es wird aber höher gehandelt." Höher als eine öffentliche Toilette auf jeden Fall. Und das "kleinste Haus in Bremen“ hat dann vielleicht wirklich etwas Besseres verdient.

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Oktober 2020, 19:30 Uhr