Interview

Bremer Expertin zu Kita-Kindern: "Entwicklung regelrecht abgebrochen"

Das Bildungsressort will die Corona-Notbetreuung in Kitas ausweiten. Für Ilse Wehrmann, Expertin für Frühpädagogik, reicht das nicht. Die Entwicklung der Kleinsten sei gefährdet.

Video vom 19. April 2020
Eine Mutter mit zwei Kindern auf dem Arm telefoniert und sitzt am Laptop.
Bild: Radio Bremen

Die Bundeskanzlerin und die Länderchefs haben sich auf Lockerungen der Corona-Notmaßnahmen geeinigt. Das bedeutet auch einen Ausbau der Notbetreuung für jüngere Kinder in Kitas und Schulen. Bis Montag, 12 Uhr, können Eltern, die erstmals eine Notbetreuung in Anspruch nehmen, eine entsprechende Selbstauskunft des Senats bei ihrem jeweiligen Träger einreichen.

Vorrangig gilt die Regelung für Eltern, die in kritischen Infrastrukturen arbeiten. In Zukunft reicht es aber, wenn ein Elternteil in diesem Bereich tätig ist und gilt somit auch für Alleinerziehende. Ab dem 4. Mai sollen außerdem schrittweise Schüler zurück in die Schule kommen dürfen, beginnend mit den Abschlussklassen. Ilse Wehrmann, Sozialpädagogin und Expertin für Frühpädagogik, sieht das kritisch. Man vergesse die Kindergartenkinder.

Wie schätzen Sie den Beschluss des Senats zur Betreuung von Kitakindern ein ein?
Ich glaube, er ist ein Notbeschluss. Man hat derzeit vieles in der Politik im Blick, vor allen Dingen die Schule, also die Leistungsträger, aber nicht den Kindergarten. Die ersten sechs Jahre in der Entwicklung halte ich aber für existenziell, das gleichen wir später nicht mehr aus. Das einfach den Eltern zu überlassen, finde ich unverantwortlich. Unser Land hat so viel auf die Beine gebracht, aber ich glaube, da ist noch mehr Potenzial. Entscheidend ist, dass wir kreativ und verantwortungsvoll miteinander umgehen und nicht nur auf das Vertraute zurückgreifen. Damit werden wir unsere Probleme nicht lösen.
Eine Frau mit kurzen fast weißen Haaren und eine Brille schaut freundlich in die Kamera. Neben hier zwei Stapel bunte Becher und ein Wasserhahn.
Die Bremer Expertin für Frühpädagogik Ilse Wehrmann sorgt sich um die Entwicklung der Kita-Kinder. Bild: Privat
Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Wir sollten die Betreuung auch für Kinder, deren Eltern keine systemrelevanten Berufe ausüben, ausbauen. Als nächstes muss man diejenigen in den Blick nehmen, die im Sommer in die Schule kommen. Für die Kinder muss es möglich sein, sich zu verabschieden. Dieses Ritual ist wichtig, um etwas abzuschließen. Derzeit ist die Entwicklung regelrecht abgebrochen. Um die Betreuung mit maximal fünf Kindern pro Gruppe zu ermöglichen, sollten man auf angehende Pädagogen, konkret Studierende, zurückgreifen, die teilweise auch gar nicht in die Vorlesungen können. Man könnte das sogar als Praktikum anerkennen und eine Aufwandsentschädigung zahlen.
Warum wurden die Kindergartenkinder bisher vergessen, wie Sie sagen. Weil sie keine Leistung bringen?
An kleine Kinder denkt man eigentlich immer eher zum Schluss. Man denkt nur an sie im Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber dass dahinter Einzelschicksale stecken, wird aus meiner Meinung viel zu wenig gesehen. Dabei haben diese Kinder in Zukunft eine Last zu tragen – im Hinblick auf das Klima, auch auf Corona, was wir ihnen an Schulden hinterlassen. Wir sind es ihnen schuldig, sie optimal zu fördern.
Wie wirkt die Corona-Krise auf Kinder?
Beängstigend. Sie haben Angst, dass ihre Eltern erkranken oder sie ihre Oma und Opa nicht mehr sehen. Ich glaube, die Eltern sind unsicher, wie sie das besprechen können.
Was würden Sie da raten?
Es gibt ein ganz tolles neues Bilderbuch. "Corona-Krise verstehen" von Ursula Leitl. Das kann ich dafür sehr empfehlen. Der Virus wird das Thema einer ganzen Kindergeneration werden.
Wie konkret können diese Verlustängste sein?
Das ganze Umfeld bricht komplett weg. Damit sind nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern alleingelassen. Deswegen fürchte ich um einen Anstieg von Missbrauchsfällen.
Ich habe Angst, dass Kinder seelische Not leiden. Wo gehen diese Kinder hin, wenn sie nicht in den Kindergarten gehen und auch sonst ihre sozialen Kontakte eingeschränkt sind? Da vereinsamen Kinder.
Was könnte es für Folgen haben, wenn ein Kind nach einem Kita-Abbruch in die Schule startet?
Die Kinder werden ein Defizit im Hinblick auf Bildung, aber auch auf soziale und emotionale Kompetenz haben. Wir geben uns so viel Mühe mit der Eingewöhnung von Kindern und jetzt brechen wir es einfach ab. Da tut jedem Erziehungswissenschaftler das Herz weh. Meine Sorge ist, dass die Kinder zu viel vor den Laptops sitzen, denn viele Eltern haben gar nicht mehr das Handwerkszeug die Kinder über Wochen zu beschäftigen.
Was halten Sie davon, dass sich Eltern privat zusammenschließen und gegenseitig die Betreuung übernehmen?
Das wäre eine Option. Ich glaube einfach, Kinder brauchen auch Kinder und nicht nur Erwachsene. Dabei müssen wir natürlich die Infektionsbestimmungen beachten. Aber ich würde die Profis und angehenden Profis mit einbinden – nicht nur die Eltern. Gerade für die angehenden Pädagogen ist das ein super Praxisfeld. Wir haben genug Material, um sie entsprechend fortzubilden.
Haben wir denn dafür ausreichend Personal?
Nur, wenn wir die vorhandenen Pädagogen als Multiplikatoren sehen und die Studierenden als Betreuung mit einbinden. Zum Beispiel könnte jeder Kindergarten eine Patenschaft für vier, fünf Gruppen übernehmen. Und diese dann mitbetreuen und begleiten. Wir haben so viele leere Räume in Bremen. Wenn die Leitungen und Träger von Sozialeinrichtungen kreativ werden, sehe ich kein Problem.
In welchen Räumlichkeiten sollte diese Betreuung stattfinden?
Ich denke dabei vor allen Dingen an die Kirchen, die derzeit freistehende Gemeindehäuser haben. Dort sind ja sogar zum Teil fertig eingerichtete Kinderräume. Natürlich müssen die Räume einigermaßen kindgerecht sein. Das muss man mit der Unfallkasse klären. Deswegen würde ich einen Kindergarten als Mutterkindergarten etablieren.
Welche Aufgaben würde dieser Mutterkindergarten übernehmen?
Zum Beispiel könnte er die Verpflegung sicherstellen. Außerdem könnte er die Fortbildungen für die Mitarbeiter organisieren und anbieten und als Ansprechpartner für konkrete Anliegen der angehenden Pädagogen dienen.

So toben sich Kinder in Zeiten von Corona aus

Video vom 21. März 2020
Eine Frau und ein Junge sitzen auf dem Fußboden, weahrend ein zweiter Junge heruntobt.
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. April 2020, 19:30 Uhr