So erinnert diese Bremerin ihre Kindheit mit der schizophrenen Mutter

Video vom 1. August 2021
Nilüfer Türkmen sitzt auf dem Schoß ihrer Mutter an einem Tisch und wird gefüttert
Bild: Nilüfer Türkmen | Nilüfer Türkmen
Bild: Nilüfer Türkmen | Nilüfer Türkmen

"Als Mama mit der Lampe sprach": Das ist der Titel des Buchs von Nilüfer Türkmen. Ihre Mutter war schwer krank und konnte sich kaum um sie kümmern. Die Studentin will aufklären.

Nilüfer Türkmens Mutter ist schizophren. Von der Diagnose erfährt ihre Tochter erst mit 14 Jahren. Ihr Vater starb, als sie vier Jahre alt war. Seitdem lebte sie mit ihrer Mutter zusammen. Und mit Spionen, Magiern, Mördern – einer Fantasiewelt, entstanden durch die Wahnvorstellungen ihrer Mutter. Nilufer Türkmen ist in dieser Welt groß geworden und dachte, ihre Mutter wäre eine Hexe.

Meine Mutter redet wie so oft mit dem Spion, der in unserer Deckenlampe versteckt ist. Dann sieht es so aus, als würde sie die Decke fixieren und auf eine Antwort warten. Wenige Zeit später bekommt sie tatsächlich eine. Behauptet sie.

Nilüfer Türkmen, Auszug aus "Als Mama mit der Lampe sprach"
kleines Mädchen trägt Meerschweinchen auf dem Arm und lächelt
Wenn es nichts für sie zu essen gab, half sich Nilüfer mit dem Essen des Meerschweinchens selbst weiter. Bild: Nilüfer Türkmen | Nilüfer Türkmen

Die Mutter – aus einer türkischen Gastarbeiterfamilie kommend – sorgt sich um ihre kleine Tochter so gut es geht. Sie schafft es einkaufen zu gehen – mehr nicht. Nilüfer bekommt unregelmäßig zu essen, behilft sich mit den Karotten vom Meerschweinchen, kocht aus ihnen Suppe. Meistens hätte sie aber wohl Schokolade gegessen und ganz viel Multivitaminsaft getrunken. Lange ist das Mädchen unterernährt.

Die Verwandtschaft zieht sich komplett zurück. Zu groß ist die Scham, ein psychisch krankes Familienmitglied zu haben.

Gefangen aus Liebe

Schizophrenie gehört zu den Psychosen – also zu den psychischen Erkrankungen, bei denen die Betroffenen die Realität verändert wahrnehmen. Patienten leben phasenweise in einer anderen Welt. Sie leiden unter Verfolgungswahn und Halluzinationen.

Obwohl Nilüfer Türkmen in den Kindergarten und in die Schule geht, ist sie doch gefangen in der Welt des Wahns – aus Liebe zur Mutter, für die sie sich verantwortlich fühlt:

Es war verzweifelte Liebe. Ich war sehr verzweifelt, weil ich nicht rausgehen konnte. Ich konnte nicht sagen, das wächst mir über den Kopf und ich gehe zu Oma oder zu einer Freundin. Das durfte ich nicht. Oma war eine Kannibalin, die Eltern meiner Freundin Mörder. Ich war in der Wohnung eingesperrt.

Nilüfer Türkmen
Portraitbild von Nilüfer Türkmen, die in die Kamera lächelt
Die junge Autorin möchte mit ihrer autobiografischen Geschichte Aufklärungsarbeit leisten. Bild: Nilüfer Türkmen | Melina Walizcek

Nilüfer Türkmen hält die Hirngespinste ihrer Mutter nicht mehr aus. Mit neun Jahren kommt sie in ein Kinderheim im Bremer Umland; ihre Mutter in die Psychiatrie. Und obwohl das starke Band zwischen Mutter und Tochter nie abreißt, kann sie sich im Heim endlich auf ihr eigenes Leben konzentrieren.

Heute ist Nilüfer Türkmen 23 Jahre alt, studiert Politik- und Rechtswissenschaften und hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben: "Als Mama mit der Lampe sprach". Sie macht sich als Referentin stark, will über psychische Krankheiten aufklären.

Millionen betroffene Kinder

3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil. In Bremen sind es 30.000 junge Menschen. Schizophrene beispielsweise brauchen ein stabiles Umfeld und regelmäßige Medikation. Bei früher Erkennung und medikamentöser Einstellung kann man ein normales Leben führen. Nilüfer Türkmens Mutter ist das nicht vergönnt – sie lebt heute mit 62 in einem Heim für betreutes Wohnen. Noch immer spricht sie mit dem Spion. Aber sie hat auch helle Momente.

Trotz ihres baldigen Examens besucht Nilüfer Türkmen ihre Mutter mindestens einmal im Monat, "ich liebe sie immer noch über alles".

Ansprechpartner in Bremen:

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Autorin

  • Anke Kültür Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1.August 2021, 19:30 Uhr