Irgendwo-Festival will endlich bleiben – und "größer" werden

Jedes Jahr müssen die Organisatoren neue Anträge stellen. Jetzt sammelt der Trägerverein Unterschriften, damit er länger bleiben kann – und er hat Pläne.

Menschen stehen beim Anderswo-Festival in Bremen auf einer Wiese mit Ständen.
Techno-Partys, Kinoabende, Lesungen und Vorträge gibt es beim Irgendwo-Festival. Bild: Anderswo

Es ist Samstagabend, elektronische Musik hallt in bescheidener Stärke aus den Lautsprechern vor der Bühne. Auf dem Tresen am Eingangstor liegen nicht nur Broschüren, sondern auch Blatt Papier. Auf diesem bitten die Betreuer der Veranstaltung um eine Unterschrift. Es geht um die Zukunft des Irgendwo-Festivals in der Bremer Neustadt.

Bereits im dritten Jahr organisiert der Verein Kulturbeutel im Sommer ein Open-Air-Festival auf der Fläche an der Amelie-Beese-Straße. Jedes Jahr müssen sich die Organisatoren die Veranstaltung und die Nutzung des Areals neu genehmigen lassen. Jetzt möchten sie langfristiger bleiben und ein beständigeres Projekt auf die Beine stellen. Nicht irgendwo, sondern da, wo sie gerade sind. "Wir haben in den vergangenen Jahren 36 freie Flächen in Bremen besichtigt, die alle aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert haben", teilten sie auf Nachfrage mit.

Veranstalter: "Wir möchten länger auf dieser Fläche bleiben"

"Das ist eine Petition", sagt Amélie Rösel, Vorstand des Vereins "Kulturbeutel". Ziel sei es, länger auf der Fläche bleiben zu dürfen und längerfristig planen zu können. "Zum Beispiel ein Nachbarschaftsprojekt", so Rösel. "Nachbarschaftsfeste mit Vereinen und Bands aus der Nachbarschaft – und dann eine Werkstatt. Wir haben viel Holz, und Werkzeuge."

Mit dem Holz bauen die Veranstalter Bühnen, Sitzplätze und kleine Hütten auf, die sie dann am Ende der Saison wieder wegräumen müssen. Die Petition soll auch verhindern, dass sie jedes Jahr alles ab- und neu aufbauen müssen. Über drei Monate erstreckt sich in der Regel das Festival-Programm, weitere zwei werden für die physische Aufbereitung gebraucht.    

Wir wissen, dass wir eine breite Unterstützung aus der Neustadt haben. Uns interessiert auch, woher die Menschen kommen, die zu uns kommen. Deshalb sammeln wir auch die Postleitzahlen. Und dann ist so eine Petition für uns in mehreren Hinsichten nützlich. Zum Beispiel, um den Beirat Neustadt zu überzeugen und sie dem Bauamt vorzulegen.

Amélie Rösel
Amélie Rösel, Vorstand vom Verein "Kulturbeutel"

Doch ist das Vorhaben überhaupt realisierbar? In den vergangenen Jahren hat es Streit mit den Nachbarn gegeben, die etwa 300 Meter entfernt von der Fläche leben und sich über die Lautstärke während der Techno-Partys beschwerten. Die Anwohner berichteten über schlaflose Nächte und klirrende Gläser. Sogar eine Klage vom vergangenen Jahr ist noch beim Verwaltungsgericht anhängig. 

Anwohner: Wir sind enttäuscht von der Politik

Dieses Jahr sei es ruhiger geworden, sagen die Organisatoren. "Ich glaube, dass sich die Lage sehr entspannt hat. Es gibt keine Diskussionen mehr, es hat dieses Jahr auch keine Anrufe oder Beschwerden während der Veranstaltungen gegeben“, so Rösel. Bereits 2018 sind strengere Auflagen für das Festival beschlossen worden, wohl in der Hoffnung, einen tragfähigen Kompromiss zwischen Partywilligen und Anwohnern zu finden.

Auf Nachfrage von buten un binnen wollten sich Anwohner nicht über die aktuelle Lage äußern. Sie sagen aber, dass sie von der Politik und den Behörden sehr enttäuscht seien. 

Im Winter möchte der Verein aber auch in Zukunft keine Partys veranstalten, wie Rösel betont. Dafür aber vielleicht Veranstaltungen anderer Art. Schon jetzt finden im Sommer auf der Fläche Lesungen, Filmaufführungen und Vorträge statt. Die Vorsitzende sagt, der Verein hätte auch gedämmte Gebäude, die man bei kälteren Temperaturen nutzen könnte. "Sie sind jetzt schon gedämmt aus Lärmschutzgründen, aber es ist eine Dämmung, die auch warm hält."

WFB entscheidet über Verlängerung des Vertrags

Die Veranstalter haben die Gespräche mit den Behörden aufgenommen. Als Erstes muss die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) entscheiden, ob sie den Mietvertrag mit dem Verein für die Fläche über den Winter verlängert.

Doch selbst wenn die WFB grünes Licht gibt, bedeutet das noch längst keine Zulassung fürs Projekt. "Wenn die Wirtschaftsförderung dem Antrag zustimmt, dürfen wir zunächst unsere Sachen über den Winter da stehenlassen und wir wissen, dass die Fläche über den Winter nicht wieder vermarktet wird", sagt Rösel. Es bedarf weiterer Anträge, um das Vorhaben des Vereins sowohl von der WFB als auch vom Bauamt auf seine Tauglichkeit überprüfen zu lassen – eventuell auch für die kommenden Jahre. Und der Beirat Neustadt müsste auch mitentscheiden.

Bauressort: Solche Projekte sind für die Attraktivität der Stadt wichtig

Fragt man im Bauressort nach, hat man das Gefühl, dass es dort eine gewisse Zwiespältigkeit herrscht. Einerseits finde das Ressort das Projekt "Irgendwo" spannend und unterstützungswert, andererseits müsste man bei einer eventuellen Erweiterung den Antrag sowie die Lärmschutztechnik prüfen und an die Anwohner denken, teilte ein Sprecher mit. Ein Antrag über eventuelle Veranstaltungen im Winter liege aber im Moment nicht vor.

"Wenn eine Stadt so etwas [solche Projekte, AdR.] nicht hat und nicht fördert, kann es schnell passieren, dass junge Menschen ihr den Rücken kehren, zum Beispiel nach Abschluss des Studiums", sagt Bauressort-Sprecher Jens Tittmann. Die aktuelle Fläche könnte vielleicht eine Option sein, sie müsste aber eventuell lärmschutztechnisch ertüchtigt werden.

Wir als Ressort finden die Aktion [das Projekt "Irgendwo", AdR.] total spannend und sehr unterstützungswert, deshalb haben wir sie genehmigt, auch wenn das mit Schwierigkeiten verbunden war.

Jens Tittmann Sprecher der Baubehörde
Jens Tittmann, Sprecher des Bremer Bausenators  

Von der WFB ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nichts Konkretes zu vernehmen. Ein Termin, um die Lage zu besprechen, sei für Mitte September geplant, teilte eine Sprecherin mit.

Unterschriften werden im Sommer gesammelt

Die Petition soll voraussichtlich bis Ende der Saison offen bleiben. Momentan werden die Unterschriften nur am Eingang des "Irgendwo" gesammelt. Demnächst möchte der Verein die Petition online stellen. "Das kommt bald", sagt Rösel. Vieles hängt aber auch von den Verhandlungen mit den Behörden ab. In wenigen Monaten könnte vielleicht mehr Klarheit herrschen. Irgendwo, irgendwann.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 13. August 2019, 23:30 Uhr