Interview

10 Jahre Inklusion: Ein Märchen – bislang ohne Happy End

Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen in einer Schule. Wie sieht es aus mit der Inklusion? Unsere Autorin Hanna Möllers zieht eine ernüchternde Bilanz.

Ein Mädchen steht hinter einer Säule.
Amelie Gerdes besucht in Bremen eine inklusive Schule. "Ich finde es einfach nett, dass andere mich so aufnehmen, wie ich bin", sagt sie.

Wie weit ist Deutschland in zehn Jahren mit der Inklusion gekommen? Diese Frage wirft der Film "Das Märchen von der Inklusion" auf, der heute als Vorpremiere im "City 46" und am Abend im "Ersten" gezeigt wird.

2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Einige Bundesländer haben die Inklusion in der Schule radikal umgesetzt. In Bremen beispielsweise besuchen jetzt über 80 Prozent aller Kinder mit Behinderung eine Schule zusammen mit Kindern ohne Behinderung. Eine von ihnen ist Amelie. Sie ist 14 Jahre alt, lebt mit Down-Syndrom und besucht eine Gesamtschule. Sie fühlt sich wohl dort, will später Fotografin oder Tierwirtin werden. Das sollte möglich sein, denken auch Eltern, Mitschüler und Lehrer.

Doch selbst wenn die Inklusion an deutschen Schulen teilweise vorankommt, hat sich auf dem Arbeitsmarkt kaum etwas getan. Spätestens nach der zehnten Klasse endet, egal in welchem Bundesland, das inklusive Miteinander.

Autorin Hanna Möllers spricht über den Stand der Inklusion – und was sich ändern müsste.

Dein Film heißt "Das Märchen von der Inklusion". Bei Inklusion denkt man erst mal an Schule und Bildungspolitik. Was bedeutet Inklusion wirklich?
Die Verpflichtung zur Inklusion hat Deutschland übernommen, indem es vor zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat. Inklusion gilt für die Schule, aber auch für alle anderen Bereiche, wie zum Beispiel das Arbeitsleben oder das Wohnen. Darüber wurde bisher wenig berichtet. Dabei macht es ja den viel größeren Teil des Lebens aus.
Wie sähe denn eine inklusive Gesellschaft aus?
Inklusionsbefürworter sagen: Es würden einfach alle zusammen sein – in allen Lebensbereichen. Menschen mit Behinderungen würden zusammen mit Menschen ohne Behinderung zur Schule gehen, sie würden nicht mehr in speziellen Wohnformen wohnen oder in Behindertenwerkstätten arbeiten.
Möllers Hanna
Hanna Möllers ist die Autorin des Films "Das Märchen von der Inklusion", der am 21. Januar im City 46 und im "Ersten" gezeigt wird.
Im Film ziehst du nach zehn Jahren eine Bilanz. Wie fällt sie aus?
Ernüchternd. Einerseits gibt es positive Beispiele dafür, wie Inklusion gelingen kann, die ich auch im Film zeige. Ich hoffe, dass der Film deutlich macht, dass Inklusion etwas ist, was allen gut tut. Wenn man allerdings mit Lehrern spricht, kritisieren diese oft, dass es bei der Umsetzung hapert. Die Inklusion werde nicht ausreichend finanziert oder nicht konsequent umgesetzt, heißt es oft. Schaut man genau hin, dann werden Kinder an inklusiven Schulen vielleicht in den Fächern Sport oder Musik gemeinsam unterrichtet. Das ist nicht so, wie es sich die Inklusionsbefürworter vorstellen. Christian Huber vom Institut für Bildungsforschung an der Uni Wuppertal weist auf einen Systemwiderspruch hin: Unser Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist selektiv, aber gleichzeitig soll Inklusion umgesetzt werden. In Bayern gibt es heute sogar noch mehr Kinder, die Sonderschulen besuchen als vor zehn Jahren. Hinzukommt, dass die Schwerbehindertenquote auf dem Arbeitsmarkt in dieser Zeit nur von 3,9 auf 4,1 Prozent gestiegen ist.
Der Aktivist Raul Krauthausen fordert, dass sich Unternehmen nicht mehr so leicht von der Schwerbehindertenquote freikaufen dürfen. Was ist damit gemeint?
Für Unternehmen in Deutschland gilt ab einer Mitarbeiterzahl von 20 eine Schwerbehindertenquote von fünf Prozent. Wenn ein Unternehmen die nicht erfüllt, muss es eine Strafabgabe zahlen. Behindertenrechtsaktivisten halten die Strafabgabe aber für nicht hoch genug. Es kommt offenbar vor, dass Unternehmen lieber in Kauf nehmen, diese Abgabe für eine nicht besetzte Stelle zu zahlen, als jemanden mit einer Schwerbehinderung einzustellen. Dabei hat in Deutschland jeder Zehnte eine Schwerbehinderung.
Kannst du eine Einschätzung geben, was sich ändern müsste, um eine inklusive Gesellschaft zu erreichen?
Die einen sagen: Eine Freiwilligkeit reicht nicht aus, um das Ziel zu erreichen. Die anderen sagen: Man kann Inklusion nicht erzwingen oder per Gesetzt verordnen. Es muss als Bereicherung gesehen werden, wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam leben und arbeiten, sonst funktioniert es nicht. Das ist auch die Linie der Bundesregierung und der Arbeitgeberverbände. Die Verbände belohnen Unternehmen, die Inklusion leben, auch mit einem Preis. Ein Unternehmen muss nach wie vor seine wirtschaftlichen Zielsetzungen erreichen, also zum Beispiel eine bestimmte Stückzahl an Produkten liefern. Das setzt ein Umdenken voraus. Einen speziell auf jemanden zugeschnittenen Arbeitsplatz muss eine ganze Firma mittragen. Es gibt aber auch massive Lohnzuschüsse: 75 Prozent des Gehalts können vom Staat übernommen werden. Das ist offenbar auch nicht allen bekannt. Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich persönlich glaube, dass Beides notwendig ist. Wir brauchen eine Regulierung und es muss etwas in den Köpfen passieren.

Die Story im Ersten: "Das Märchen von der Inklusion"

Ein Bildausschnitt der Reportage "Ein Märchen von der Inklusuion".

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Januar 2019, 19:30 Uhr