Wenn Kinder mit Förderbedarf an Bremens Schulen alleine dastehen

Eltern sind verzweifelt. Lehrkräfte sprechen von Absurdistan. Die Inklusion stößt wieder an Grenzen. In Bremen fehlen mindestens 160 Assistenzen für förderbedürftige Schüler.

Das Wort "Inklusion" ist auf die Tafel geschrieben, während Schülerinnen und Schüler daran vorbei gehen
Fehlende Assistenzen ist ein bekanntes Problem in Bremen. So viele Kräfte wie jetzt fehlten noch nie. (Symbolbild) Bild: DPA | Jonas Güttler

"Es ist zum Heulen und unfassbar mühsam", beschreibt ein Vater erschöpft und wütend zugleich die derzeitige Situation der Familie. Ihr 15-jähriger Sohn hat das Asperger Syndrom, eine autistische Entwicklungsstörung. Seit klar war, dass Jan* ohne Assistenz ins neue Schuljahr starten muss, stehen die Sorgen und das Telefon der Eltern nicht mehr still. Wieder ein Anruf aus der Schule: Jan sei völlig aufgelöst und wolle nach Hause. Dieses Mal hat ein fremder Mann ihn angepflaumt und körperlich angefasst. Der Schüler hatte auf dem Weg zur Toilette vergessen, seine Maske zu tragen. Der Neuntklässler muss gleich zu Schulbeginn ein Praktikum in einer Metallwerkstatt machen. Für Jan bedeutet das: eine völlig unbekannte Umgebung, kein vertrautes Gesicht, und das ohne Assistenz. Das konnte nicht gut gehen, ahnten die Eltern schon.

Eltern müssen einspringen

Sie hatten aber gehofft, dass die Schule, das Bildungsressort, das Sozialressort oder die freien Wohlfahrtsträger, die die Assistenzen suchen und einstellen, doch noch eine Lösung finden würden. Aber so war es nicht. Das Bildungsressort wusste nicht einmal bis zum Schulbeginn, dass das Amt für Soziale Dienste mehr als 100 Assistenzstellen nicht besetzen kann. Für die Eltern heißt das: Sie selbst müssen immer wieder einspringen. Berufstätige Eltern müssen dafür Urlaub einreichen und vielleicht sogar Verdiensteinbußen hinnehmen.

In der Stadt Bremen fehlen in diesem Jahr so viele Assistenzen wie nie zuvor. Zum einen, weil immer mehr Kindern Förderbedarf zugestanden wird. Zum anderen, weil die Anzahl der dafür benötigten Fachkräfte nicht ausreichend mitgewachsen ist. Der Arbeitsmarkt ist leer. Erzieherinnen, Sozial- und Sonderpädagoginnen, Heilerzieher und sonstige Personen mit pädagogischer Erfahrung werden händeringend gesucht. Nicht nur für Schulen sondern auch für Krippen und Kitas.

Etikett "Störer"

Jan hat noch Glück im Unglück: Er kennt seine Mitschülerinnen und Mitschüler schon länger. So könnte die zweite Schulwoche nach den Ferien etwas leichter für ihn werden. Dann ist er wieder im vertrauten Klassenraum, mit denen, die er kennt. Andere Kinder müssen von der Grundschule auf die Oberschule wechseln, ohne Assistenz, die auch dafür da ist, zwischen ihnen und den neuen Mitschülern und Lehrern zu vermitteln. Fehlt das, ecken vor allem verhaltensauffällige Kinder schnell an. Selbst überfordert rebellieren sie, werden laut und stören die Klasse. Und so bekommen sie gleich zum Schuljahresbeginn das Etikett "Störer" verabreicht.

"Diese Kinder erkennt man dann auf den Schulhöfen, wenn sie dort alleine dastehen oder beschimpft werden. Zum Teil suchen sie dann Kontakt über körperliche Auseinandersetzungen, was wiederum zu Konflikten führt. Und wenn es ganz schlimm kommt, dürfen sie dann nicht mehr in die Schule.", sagt Corinna Genzmer, Sprecherin des Bündnisses für die Weiterentwicklung der Inklusion in Bremen.

Konkurrenz unter den Trägern der Assistenzen

Die Sonderpädagogin erlebt immer wieder solche Situationen in ihrem Beruf. Seit Jahren fehlen Assistenzen. Das System sei falsch, sagt Genzmer. Derzeit sind es zahlreiche freie Träger wie der Martinsclub, die Lebenshilfe und die AWO, die Assistenzen einstellen und an die Schulen sozusagen verleihen. Die Träger konkurrieren untereinander und zahlen offenbar auch unterschiedlich. Dazu kommt, dass viele Verträge nur über 20 oder 30 Stunden gehen, weil ein Kind nicht mehr Betreuungsstunden bewilligt bekommt. Assistenzen wechseln deshalb gerne, wenn sie woanders ein besseres Angebot bekommen. Verständlich, da sie allgemein nicht besonders gut verdienen. Für Kinder wie Jan aber ist das eine Katastrophe. Wieder eine vertraute Person weniger in ihrem Leben.

Tatsächlich will die Bildungsbehörde die Zuständigkeit für die Assistenzen der Kinder mit Asperger Syndrom und alle jener, die unter den Paragraphen 35 a fallen, ins Bildungsressort zurückholen. Und dann sollen diese Assistenzkräfte auch direkt bei der senatorischen Behörde angestellt werden. Ohne den Umweg über die freien Träger zu gehen. Das sei peu à peu geplant, sagt Staatsrätin Arnhild Moning. Der Vorteil: Jede Schule könnte dann einen eigenen Pool an Fachkräften aufbauen. Diese würden die Kinder durch die gesamte Schulzeit begleiten. Für die Schulen und damit auch für die Kinder könnte das mehr Verlässlichkeit bedeuten. Ob auch die Assistenzen für anders beeinträchtigte Kinder bei Bildung angestellt werden können, sei aber noch Zukunftsmusik, so Moning.

Verwirrung um Zuständigkeiten

Und die Bildungsbehörde verspricht, noch eine andere Misere zu beseitigen. Eltern mit förderbedürftigen Kindern blicken oft nicht mehr durch, welche Behörde nun welche Leistung bezahlt und wo dafür der Antrag gestellt werden muss. Ein Sonderpädagoge an einer Schule im Bremer Westen beschreibt die Situation als "kurz vor Absurdistan". Vor Jahren schon hatte die Bildungsbehörde deshalb angekündigt, dass es nur noch eine Antragstelle für Eltern geben soll, nämlich als schulische Lösung. Doch das von den Grünen geführte Sozialressort und SPD-Senatorin Claudia Bogedan für Bildung konnten sich offenbar lange nicht darüber verständigen. In diesem Jahr wechselte nun erneut die Zuständigkeit für Kinder mit Asperger-Syndrom von Bildung zum Sozialressort. Auch weil die Bundesgesetzgebung sich geändert hat. Jetzt aber soll sie doch noch kommen, eine einheitliche Lösung für alle Eltern. Spätestens zum nächsten Schuljahr, verspricht Staatsrätin Moning.

Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. September 2020, 23:30 Uhr