Das sagen 3 Bremer Experten zum AstraZeneca-Impfstopp

Ist die Aussetzung der Corona-Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff gerechtfertigt? Wir haben drei Experten gefragt und deren Meinungen gehen auseinander.

Ulrike Haug, Gerd Glaeske und Bernd Mühlbauer (Montage)
Ulrike Haug, Gerd Glaeske und Bernd Mühlbauer (von links) über den AstraZeneca-Impfstopp in Bremen. Bild: Radio Bremen/DPA | Paul Zinken
Finden Sie die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums richtig, die Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca auszusetzen?
Grundsätzlich kann ich natürlich Vorsichtsmaßnahmen nachvollziehen, aber in diesem Fall muss man die Unsicherheit, was mögliche Nebenwirkungen betrifft, gegen den Schaden abwägen, der sich aus dem Aussetzen der Impfung ergibt. Mit jedem Tag verlieren wir wertvolle Zeit, Menschen vor einer Erkrankung zu schützen, die zwar oft mild verläuft, aber auch nicht ganz selten einen schweren Verlauf hat, teilweise tödlich endet oder zu Spätfolgen führen kann. Und wir verlieren wertvolle Zeit, um auch als Gesellschaft irgendwann wieder zu einem Normalzustand zurückzukehren. Die Zahlen steigen wieder und die Menschen sind pandemiemüde. Wenn man Daten aus Großbritannien zugrunde legt, trat die mögliche Nebenwirkung, um die es hier geht, bei weniger als einer Person pro einer Millionen Geimpften auf und es ist noch nicht geklärt, ob tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht. Vor dem Hintergrund kann ich die Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen. Ich gehe davon aus, dass die europäische Arzneimittelbehörde nach eingehender Sichtung der Fälle diese Woche noch eine Einschätzung abgibt. Das hätte man auch noch abwarten können.
Ist die Entscheidung angesichts dessen, dass von insgesamt 1,6 Milionen Menschen, die in Deutschland mit AstraZeneca geimpft wurden, sieben eine Thrombose entwickelt haben und davon drei gestorben sind, verhältnismäßig?
Wie oben erläutert, halte ich das sofortige Aussetzen in diesem Fall nicht für verhältnismäßig. Da in den nächsten Monaten noch Millionen von Menschen geimpft werden, ist davon auszugehen, dass es noch einige weitere Verdachtsfälle geben wird, was seltene, schwere Nebenwirkungen betrifft. Wenn das Bundesministerium für Gesundheit sich bei jedem dieser Verdachtsfälle für das Aussetzen der Impfung entscheidet, werden wir nur schwer aus der Pandemie rauskommen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verunsicherung in der Bevölkerung durch dieses Vorgehen vermutlich zunimmt und damit die Impfbereitschaft abnimmt.
Was sagen Sie zu dem Vergleich mit der Anti-Baby-Pille?
Der Vergleich hinkt in mehrfacher Hinsicht, aber worum es bei dem Vergleich ja letztlich geht, ist der Hinweis, dass wir tagtäglich Risiken in Kauf nehmen, ohne groß darüber nachzudenken – sei es durch Arzneimitteleinnahmen oder durch banale Alltagsaktivitäten. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es fast nie, das gilt für die Impfung, aber auch für vieles andere. Insofern sollte sich jeder beziehungsweise jede überlegen, was die Alternativen sind. Im Falle der Impfung ist die Alternative die Covid-19-Erkrankung, die sich weiter und weiter ausbreitet. Die Wahrscheinlichkeit eines milden Verlaufs ist deutlich unter 100 Prozent, das gilt besonders für Ältere, aber auch für Jüngere. Beispielsweise zeigen dänische Daten, dass auch in der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre jeder beziehungsweise jede zehnte mit Covid-19 hospitalisiert werden musste.

Finden Sie die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums richtig, die Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca auszusetzen?
Dass die Impfungen gestoppt wurden, finde ich nachvollziehbar. Wir müssen sehen, dass der Impfstoff in 17 Ländern zurückgezogen worden ist. Es geht dabei auch darum, Ruhe einkehren zu lassen und die Unterlagen zu sichten. Ich finde die Forderung, weiter zu impfen und parallel zu prüfen, absurd.
Ist die Entscheidung verhältnismäßig – angesichts dessen, dass von insgesamt 1,6 Millionen Menschen, die in Deutschland mit AstraZeneca geimpft wurden, sieben eine Thrombose entwickelt haben und davon drei gestorben sind?
1,6 Millionen Impfungen in Deutschland mit sieben Fällen sind Grund genug, darüber nachzudenken und zu klären, ob es einen direkten oder zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung oder ob andere Gründe zu den sehr speziellen Hirnthrombosen geführt haben.
Was sagen Sie zu dem Vergleich mit der Anti-Baby-Pille? Dort ist die Gefahr an einer Thrombose zu erkranken sehr viel höher – trotzdem wenden Millionen Frauen das Verhütungsmittel an.
Die Nebenwirkungen, die wohl in Zusammenhang mit der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff stehen, sind mit den möglichen Thrombose-Fällen durch die Pille nicht vergleichbar. Bei der Impfung gibt es die unerwünschten Wirkungen nach einer Dosis. Bei der Pille ist der Wert also auf einer ganz anderen Basis entstanden.

Finden Sie die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums richtig, die Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca auszusetzen?
Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass der deutsche Gesundheitsminister diese Entscheidung getroffen hat. Es ist aber sicherlich eine Kann-Entscheidung und keine Muss-Entscheidung. Ich möchte mich da nicht festlegen, ob die Entscheidung richtig ist. Man hätte aber auch wie andere Staaten sagen können, dass man die Fälle untersucht, aber dennoch erst einmal weiter mit AstraZeneca impft. Was ich aber in jedem Fall bedauerlich finde ist, dass die Staaten ihre Entscheidungen allein getroffen haben und nicht gemeinsam, zum Beispiel über die Europäische Arzneimittelagentur (EMA).
Ist die Entscheidung verhältnismäßig – angesichts dessen, dass von insgesamt 1,6 Millionen Menschen, die in Deutschland mit AstraZeneca geimpft wurden, sieben eine Thrombose entwickelt haben und davon drei gestorben sind?
Am Ende ist es eine Risiko-Abwägung, bei der man das Risiko der tödlichen Nebenwirkungen mit dem Risiko an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben miteinander abwägen muss. Am Ende einer solchen Abwägung könnte durchaus stehen, dass man das Risiko an einer Nebenwirkung zu sterben in Kauf nimmt, um das höhere Risiko, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben, auszuschließen. Der Blick auf Antibiotika verdeutlicht die Situation: Es gibt das Risiko an einer allergischen Reaktion auf ein Antibiotikum zu sterben. Es käme aber niemand auf die Idee, aus diesem Grund eine lebensgefährliche bakterielle Infektion nicht mit Antibiotika zu behandeln. Da muss man einfach die Verhältnisse betrachten.
Was sagen Sie zu dem Vergleich mit der Anti-Baby-Pille? Dort ist die Gefahr an einer Thrombose zu erkranken sehr viel höher – trotzdem nehmen Millionen Frauen das Medikament.
Der Vergleich zu anderen Medikamenten und auch zur Anti-Baby-Pille ist aber auf jeden Fall vom Tisch, weil es da um die typischen Beinthrombosen geht. Dass es bei den jetzt aufgetretenen Nebenwirkungen um Hirnvenen-Thrombosen geht, die insgesamt sehr selten auftreten, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Zusammenhang zur Impfung gegen SARS-Cov-2 gibt. Ob das dann für den AstraZeneca-Impfstoff alleine zutrifft, wird man noch sehen.

Gesundheitssenatorin zu Impfstopp: "Ich finde es richtig"

Video vom 16. März 2021
Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. März 2021, 19:30 Uhr