Darum hat dieser 7-Jährige noch keinen Tag in der Schule verbracht

Iwein kann lesen, schreiben und rechnen. Gelernt hat er das alles zuhause in der Nähe von Bremen. Seine Eltern riskieren deshalb teils harte Strafen.

Zu sehen ist eine Mutter, die ihr Kind zuhause unterrichtet.

Iwein ist ein aufmerksamer Junge. Auf die Frage, ob er vielleicht irgendwann mal zur Schule gehen möchte, antwortet der Siebenjährige nicht direkt. Er überlegt lange und sagt dann: "Das weiß ich nicht." Ansonsten weiß der Junge aus der Nähe von Bremen sehr viel. Er hat mit drei Jahren lesen und schreiben gelernt, baut eigenständig Lego-Technik Fahrzeuge mit mehr als 1500 Teilen zusammen und spricht ein bisschen Englisch – bei einer Bildungsreise mit seinen Eltern nach Großbritannien hat er das direkt genutzt.

Dabei hat Iwein, der normalerweise eigentlich in die zweite Klasse gehen müsste, noch nicht einen einzigen Tag in der Schule verbracht. Denn er möchte nicht zur Schule gehen, und das akzeptieren seine Eltern Sabrina und Alex.

Ich bringe meinem Kind bei, Antworten zu suchen.

Iweins Vater Alex

Die beiden betreiben gemeinsam eine Kindertagespflege und haben zusammen mit ihrem Sohn entschieden, dass er nicht zur Schule gehen muss, wenn er nicht möchte. "Er will diese 45 Minuten Sitzzwang und das, was in den Schulen stattfindet, nicht. Er glaubt, er kann besser so lernen", sagt sein Vater Alex. Das Konzept nennt sich "Homeschooling".

Nach sechs Jahren ist mit dem freien Lernen Schluss – normalerweise

Und so wird Iwein zuhause unterrichtet, allerdings nicht jeden Morgen von 8 bis 12 Uhr. Iwein entscheidet selbst, wann er rechnen oder lieber ein Buch lesen möchte. Das, was ihn gerade interessiert, greifen seine Eltern auf und intensivieren es mit ihm gemeinsam. Seine Mutter Sabrina sieht sich nicht als Iweins Lehrerin, sondern als "Begleiterin im Lernprozess".

Der 6-jährige Iwein sucht sich Spielzeuge aus
Iwein entscheidet selbst, wann und was er lernen will.

Freies Lernen nennt sich diese Art der Bildung, die davon ausgeht, dass jedes Kind einen natürlichen Wissensdrang hat. Kleinkindern ermöglicht man generell meistens eigenständig zu lernen und ihre Interessen vielfältig zu entfalten. Ab sechs Jahren, wenn die Schule beginnt, sind die Kleinen aber gezwungen, zu starren Zeiten genau das zu lernen, was ihnen vorgegeben wird.

Iwein hat Unterricht in der Schule nie ausprobiert

Iweins Mutter Sabrina sagt, sie wendet das Freie-Lernen-Prinzip – wie die meisten U3 (unter drei Jahre) Einrichtungen – auch in ihrer Kindertagespflege an. Sie finde es aber falsch, dass damit ab einem bestimmten Alter Schluss sein soll. Sie möchte ihre eigenen Kinder zu nichts zwingen und somit zu selbständigen und ernst genommenen Menschen aufwachsen lassen, sagt sie. Auch beim Essen müsse keines ihrer Kinder etwas probieren, was es nicht möchte.

Als Iwein mit fünf Jahren sagte, dass er nicht zur Schule gehen möchte, akzeptierten sie seinen Wunsch, erzählen die Eltern. Zwar habe Iwein nie Schulunterricht ausprobiert und kann so eigentlich nicht beurteilen, ob er ihm gefallen würde oder nicht. Dennoch sagt er, dass es für ihn besser sei, daheim zu lernen. Seine Eltern sehen nach eigener Aussage seine Lernerfolge jeden Tag. Besser, sagen sie, kann es in der Schule gar nicht werden.

Iwein ist nicht sozial isoliert. Er hat Freunde, die zur Schule gehen.

Mutter Sabrina

Damit ist aber auch klar, dass die Familie täglich gegen das Gesetz verstößt. Denn in Deutschland herrscht Schulpflicht. In Bundesländern wie Niedersachsen begehen Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, eine Ordnungswidrigkeit. Ob diese geahndet oder geduldet wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. In fünf Bundesländern, darunter auch Bremen, ist Schulverweigerung sogar eine Straftat, bei der auch Freiheitsstrafen drohen. Für die Eltern ist es meistens ein ständiger Kampf mit den Behörden, der im schlimmsten Fall mit dem Entzug des Sorgerechts enden kann. Auch deshalb gehen viele Homeschooling-Familien ins Ausland. Bremens bekanntester Fall, die Familie Neubronner, zog mit ihren Kindern nach Frankreich, wo unter bestimmten Umständen häuslicher Unterricht erlaubt ist.

Ein Mann und ein Junge spielen mit Legosteinen
Vater Alex und Iwein spielen mit Lego.

Laut Kultusministerkonferenz gibt es in Deutschland 500 bis 1000 Homeschooling-Kinder. Experten schätzen die Zahl aber höher ein, da offenbar einige Eltern ihre Kinder heimlich zu Hause unterrichten. 2006 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Regelung. Die Karlsruher Richter urteilten damals: Kinder dürfen nicht zu Hause unterrichtet werden.

Zur Not wollen Iweins Eltern auswandern

Auch Iweins Eltern halten es sich offen, zur Not auszuwandern. Sie wünschen sich, dass sie eine Wahl hätten so wie in anderen Ländern, in denen eine Bildungspflicht aber keine Schulpflicht herrscht. Von der Schule wurden sie mehrfach angeschrieben und aufgefordert, ihren Sohn anzumelden. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes war bei ihnen und hat die Familie überprüft. Als nächstes kommt das Ordnungsamt an die Reihe – der erste Bußgeldbescheid ist da. Wie das Verfahren sich weiter entwickeln wird, ist für Iweins Eltern nicht absehbar.

Um die eventuell steigenden Anforderungen, die Iweins Bildung mit sich bringen könnte, wenn er älter wird, macht sich Vater Alex keine Sorgen. Sie würden Antworten gemeinsam herausfinden und "der Bildungstand eines Kindes misst sich nicht an den Tagen in der Schule, sondern wieviel das Kind herausgefunden hat", sagt er. Es könnte ja auch sein, dass Iwein irgendwann zur Schule möchte, sagt Sabrina, dabei würden sie ihn auch unterstützen. Aber das sei allein Iweins Entscheidung.

Autorin

  • Brit Bentzen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. August 2019, 19:30 Uhr