Fragen & Antworten

Erreicht Bremen die Herdenimmunität schon im Sommer?

Die Corona-Impfungen schreiten in Bremen voran. Ein großer Fortschritt, sagen Wissenschaftler. Sie betonen aber auch: Bremen ist keine Insel. Eine globale Lösung muss her.

Ist Herdenimmunität regional denkbar und ab wann könnte sie eintreten?

Video vom 11. Mai 2021
Eine Ärztin, die eine Spritze in der Hand hält. Die Frau steht seitlich zur Kamera.
Bild: Radio Bremen
Bild: DPA | Janusz Pokorski

Fast 700.000 Menschen werden laut Corona-Dashboard des Bundesgesundheitsministeriums derzeit täglich in Deutschland geimpft. Das sind etwa acht Personen pro Sekunde. Bremen zählt zu den schnellsten Bundesländern bei der Impfkampagne. Über ein Drittel der Bremer Bevölkerung hat bereits zumindest die erste Impfung erhalten. Über 12 Prozent haben schon beide Spritzen bekommen. Die vielzitierte Herdenimmunität und damit ein Ende der unkontrollierten Verbreitung des Virus scheinen näher zu rücken.

Wann wird die Bremer Bevölkerung die Herdenimmunität erreichen?
Vorigen Herbst, als noch die Stammform von Covid-19 vorherrschte, gingen die meisten Epidemiologen und Virologen davon aus, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung gegen das Virus immun sein müssten, damit man von einer Herdenimmunität sprechen könne – immun entweder aufgrund einer Impfung gegen das Virus oder infolge der überstandenen Erkrankung mit Covid-19.

Inzwischen aber rechneten die meisten Fachleute damit, dass etwa 75 Prozent der Bevölkerung`oder sogar noch mehr gegen das Virus immun sein müssten, ehe man von einer Herdenimmunität sprechen könne, sagt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. Der Grund hierfür sei, dass in Deutschland längst die Variante B.1.1.7. des Virus vorherrsche. Diese meist als britische Mutante bezeichnete Variante des Coronavirus sei deutlich ansteckender als die Stammform.

"Je ansteckender ein Virus ist, desto mehr Menschen müssen geimpft sein, damit man von Herdenimmunität sprechen kann", so Zeeb. Nach einem Bericht des Robert-Koch-Instituts vom 5. Mai liegt der Anteil der Variante B.1.1.7. am Infektionsgeschehen in Deutschland bei über 90 Prozent. Ähnlich wie Zeeb äußerte sich vor diesem Hintergrund am Sonntag auch der Virologe Christian Drosten im heute journal des ZDF. Auch er hält wegen der vorherrschenden britischen Virus-Mutante eine Impfquote von 70 bis 80 Prozent für erforderlich, um die Herdenimmunität in Deutschland zu erreichen.
Was ist Herdenimmunität?
Bild: Radio Bremen
Sind dafür überhaupt genügend Menschen in Deutschland bereit, sich gegen Corona impfen zu lassen?
Laut einer Befragung des ARD-Deutschlandtrends von Anfang Mai wollen sich drei Viertel der deutschen Bevölkerung auf jeden Fall gegen das Virus impfen lassen oder haben bereits eine Impfung erhalten. Weitere elf Prozent werden sich wahrscheinlich impfen lassen.
Aber wann wird es tatsächlich so weit sein, dass drei Viertel der Bevölkerung geimpft sind und wir von Herdenimmunität sprechen können?
Im Spätsommer, spätestens aber im frühen Herbst, schätzt Hajo Zeeb. Denn nach und nach seien immer mehr Impfdosen in Deutschland verfügbar. Dadurch gehe es mit den Impfungen immer schneller voran. Entsprechend hat auch Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD) am gestrigen Montag angekündigt, dass Bremen für die Zeit ab Juni deutlich mehr Impfdosen erwarte, als das Land derzeit für seine Arztpraxen und Impfzentren erhalte.
Kann Bremen die Herdenimmunität unter diesen Voraussetzungen nicht sogar noch eher erreichen als andere Bundesländer?
Nicht wirklich, sagt Hajo Zeeb. Denn es ergebe keinen Sinn, Bremen isoliert vom Rest der Welt zu betrachten. "Die Bremerinnen und Bremer bewegen sich nicht nur in den eigenen Landesgrenzen", erklärt er. Entsprechend komme es nicht nur auf eine hohe Impfquote innerhalb Bremens an. Davon unberührt könne Bremen allerdings durch weitere Fortschritte bei der Impfkampagne und durch verantwortungsvolles Verhalten seiner Bewohnerinnen und Bewohner für eine regional gute Bevölkerungsimmunität sorgen und so einen wichtigen Beitrag zur Herdenimmunität in Deutschland und Europa sorgen.

Letztlich aber müsse eine Pandemie, also eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit, auch weltweit besiegt werden: "Wir reisen viel und brauchen eine globale Lösung", unterstreicht der Epidemiologe.
Impressionen aus dem Impfzentrum
Die Impfungen gegen das Coronavirus werden regelmäßig aufgefrischt werden müssen, glauben Wissenschaftler. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg
Wenn die Herdenimmunität erreicht ist: Ist die Pandemie dann besiegt? Verschwindet Corona aus unserem Leben?
Zumindest werde sich die Seuche nicht unkontrolliert weiterverbreiten, wenn wir die Herdenimmunität erreicht hätten, sagt Hajo Zeeb. Er geht zudem davon aus, dass die Zahl der Neuinfektionen schon deutlich vorher immer schneller zurückgehen wird, auch dank der Schutzmaßnahmen. Den derzeit zu beobachtenden Rückgang bei den Infektionszahlen führt Zeeb sogar nahezu ausschließlich auf die Schutzmaßnahmen zurück, kaum auf die Impfungen. "Der Impfeffekt setzt gerade erst langsam ein", sagt der Epidemiologe.

Auch in diesem Punkt liegt er auf einer Linie mit dem Virologen Christian Drosten. Drosten glaubt, dass sich der Impfeffekt ab Juni immer deutlicher bemerkbar machen wird. Allerdings betonen die Wissenschaftler auch, dass Corona selbst nach Erreichen der Herdenimmunität nicht ganz aus unserem Leben verschwinden und dass die Pandemie nicht auf einen Schlag, sondern allmählich abebben werde. "Aber wir werden das Virus bald gut in den Griff bekommen", zeigt sich Zeeb zuversichtlich.
Wenn wir Corona trotz Herdenimmunität nicht loswerden: Wie wird es im Herbst weitergehen?
Auf alle Fälle werden wir die Corona-Impfungen immer wieder auffrischen müssen, sagt Zeeb. Derzeit wisse man nicht genau, wie lange der Impfschutz anhalte, gehe aber von ungefähr einem Jahr aus. Der Epidemiologe sagt aber auch, dass die derzeitigen Impfstoffe eventuell nicht gegen alle Varianten des Virus gleichermaßen wirksam seien. Zudem lasse sich nicht ausschließen, dass sich noch weitere Viurs-Mutanten entwickelten und verbreiteten.

Der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer hat mit Hinblick auf die Impfkampagne kürzlich gegenüber buten un binnen seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass demnächst ein so genannter Immunzell-Antwort-Test in Deutschland zugelassen werden könnte. Dieser Test, so Mühlbauer, würde genauere Aussagen darüber zulassen, wie lang der Impfschutz nach einer Covid-19-Impfung anhält und auch darüber, wie lang ein Genesener vor einer neuerlichen Erkrankung geschützt ist. Dieses Wissen könnte dabei helfen, die Pandemie zu besiegen.

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Mai 2021, 19:30 Uhr