Hier spielte schon ABBA: 8 Fakten über die Bremer Glocke

Der Bund gibt 40 Millionen Euro für die Glocke. Wofür das Geld genutzt wird, wann Bremens Konzerthaus zuletzt saniert wurde und woher es seinen Namen hat, verraten wir hier.

Video vom 26. November 2020
Außenbild vom Eingang zum Konzerthaus Glocke
Bild: DPA | Thomas Robbin
Bild: DPA | Thomas Robbin

1 Das passiert mit den 40 Millionen Euro vom Bund

Die Glocke soll einen neuen Saal bekommen, der die zwei existierenden ergänzt. Geplant ist ein Anbau an der nordöstlichen Rückseite der bestehenden Gebäude. Er soll auch in Nachbargebäude der Bremer Domgemeinde einbezogen werden. Ein konkreter Entwurf, wie das neue Ensemble architektonisch aussehen könnte, existiert noch nicht.

Geplant ist aber, dass der künftige Saal flexibel genutzt werden kann, weshalb keine feste Bestuhlung vorgesehen ist – anders als im großen Saal der Glocke. Platz bieten soll der Neubau für 700 bis 900 Konzertbesucher. Zum Vergleich: Der Kleine Saal der Glocke fasst 391 Besucher, der Große Saal 1.400.

2 Multifunktionsaal soll entstehen

Blick in den Konzertsaal der Glocke vor einem Konzert
Der Große Saal der Bremer Glocke ist mit seinen 1.400 Plätzen zu groß für manche Veranstaltungen, der Kleine Saal für dieselben Veranstaltungen zu klein. Bild: Radio Bremen | Martina Raake

Die Betreibergesellschaft, die Glocke-Veranstaltungs-GmbH, will durch den Anbau mehr externe Veranstaltungen mittlerer Größe in das Konzerthaus locken. Von den Eigenveranstaltungen der Glocke, sie machen rund zehn Prozent aus, könnten beispielsweise die Kammerkonzerte künftig im neuen Saal stattfinden. Potenzial bieten einem Sprecher des Konzerthauses zufolge auch Veranstaltungen für jüngeres Publikum wie Jazz- oder Weltmusik-Konzerte.

Darüber hinaus bietet der geplante Multifunktionssaal auch Raum zum Beispiel für Fortbildungsveranstaltungen, Tagungen und Kongresse. Nicht zuletzt dürfte der neue Saal auch Abläufe entzerren. So müssen Orchester, die in Bremen gastieren, ihre Instrumente derzeit noch durch den Vordereingang hineintragen und die Garderobe als Einspielzimmer nutzen. Ein zusätzlicher Saal im hinteren Bereich der „Glocke“ würde dies ändern – und parallele Veranstaltungen im Foyer nicht mehr stören können.

3 Weitere 40 Millionen Euro steuert Bremen zu

Der Bund hat zwar an diesem Donnerstag zugesagt, 40 Millionen Euro für den Anbau beizusteuern. Das entspricht aber nur der Hälfte der bislang eingeplanten Baukosten von mindestens 80 Millionen Euro. Der Grund: Wie bei der Vergabe der jetzt bewilligten Bundesmittel üblich, muss Bremen für die zweite Hälfte der Investitionssumme selbst aufkommen. Zumal die Hansestadt über die eigene Veranstaltungsgesellschaft M3B, die auch die Messehallen, den Großmarkt und den Bremer Ratskeller betreibt, Alleineigner der Glocke Veranstaltungs-GmbH ist. Die Glocke ist somit in städtischem Besitz. Und Bremen Bauherr.

Wie die Finanzierung von Seiten Bremens gestemmt werden soll, ist noch nicht geklärt. Ein Teil des Geldes könnte zum Beispiel durch Spenden eingesammelt werden, ein anderer Teil aus dem Bremischen Haushalt fließen.

4 Letzter Umbau liegt 25 Jahre zurück

Um- und Neubauten sind für die Glocke nichts Neues. Eine in ihrer Größenordnung vergleichbare Sanierung des Gebäude-Ensembles fand zuletzt in den Jahren 1995 bis 1997 statt. Die Entscheidung zu investieren, fiel damals allerdings nicht so überraschend wie jetzt. Denn seit den Nachkriegsjahren war an "Bremens guter Stube" lange nichts mehr renoviert worden. So setzte der bauliche Verfall ein. Als dann 1982 ausgerechnet ein Kritiker während eines Konzertes mit dem Stuhl zusammenbrach, war allen klar, dass die Glocke saniert werden muss. Der Auftrag dazu kam dennoch erst 1990.

Die zweijährige Renovierung fand dann von 1995 bis 1997 statt. Das Auftragsvolumen lag damals bei 35 Millionen D-Mark. Seither verfügt das Konzerthaus über Fahrstühle und moderne Bühnentechnik, mit der zum Beispiel Konzertflügel in Sekundenschnelle in die Unterbühne versenkt werden können.

Letztes Konzert in der Glocke vorm Umbau 1996

Video vom 26. März 1996
Skizze zu den Umbauplänen
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

5 Vor fast 100 Jahren wurde die Glocke erbaut

Die Glocke, wie sie Bremerinnen und Bremer heute kennen, wurde 1928 als Neubau eingeweiht. Allerdings stand am selben Ort schon zuvor ein Dom-Anbau – das von einem Künstlerverein gepachtete "Künstlerhaus". Der damit verbundene Umbau des Architekten Heinrich Müller hatte bereits eine gotisierende Fassade mit einem – wie heute – getreppten Giebel. Der verschwand jedoch bei einem weiteren Umbau durch denselben Architekten in den Jahren 1874 bis 1876 wieder.

Außenansicht der Glocke um 1935
Das Gebäude selbst, hier im Jahre 1935, hat sich seit seiner Erbauung nicht geändert. Die Gestalt der Domsheide hingegen schon. Bild: Imago | Arkivi

Das Gebäude wurde in diesen Jahren zum kulturellen Zentrum der Stadt – für Konzerte, Vorträge, Ausstellungen. Im Januar 1915 führte ein Kurzschluss in der Holzdecke des Saals zu einem Brand. "Da liegt der schwarze angekohlte Schutt mannshoch", schrieben damals die Bremer Nachrichten.

Nach Kriegsende gewann der Bremer Walter Görig im Jahr 1920 den Architektur-Wettbewerb für den Wiederaufbau der Konzerthauses. Die Inflation verzögerte das Bauvorhaben, das erst 1926 begann.

1928 eingeweiht, zitierte die Fassade des Neubaus das mittelalterliche Kapitelhaus mit dem Treppengiebel. Im Inneren aber blühte reinster Art-Déco-Stil, der sich bis heute durch edle Materialien, klare Farben und elegante Formen auszeichnet.

6 Mythos um die Herkunft des Namens Glocke

Zwar wurde schon im 15. Jahrhundert ein turmartiges Gebäude an der Südseite des Doms "Glocke" genannt, weil dessen Dachkonstruktion die Form einer Glocke aufwies. Die Namensgebung des Konzerthauses hat damit aber wohl bestenfalls indirekt zu tun. Denn erst mit dem Neubau kam die "Glocke" im Jahre 1928 zu ihrem offiziellen Namen. Die Idee, so steht es im Archiv der Glocke Veranstaltungs-GmbH, geht demnach auf einen Vorschlag von Julie Apelt zurück, der Ehefrau des damaligen Bremischen Senators Hermann Apelt. Der wiederum erzählte seinen Senatskollegen und dem Dombauherrn davon. Die Idee überzeugte alle. Ein ursprünglich geplantes Preisausschreiben zur Namensgebung des Neubaus wurde kurzfristig abgesagt.

Ein Mythos um die Namensgebung wurde dennoch gestrickt – und dafür sogar ein Schriftsteller beauftragt. Der schrieb jene Geschichte auf, die Bremer Stadtführer noch heute Touristen erzählen, wenn sie vor dem backsteinernen Treppengiebel an der Domsheide stehen. Demnach habe an selber Stelle einst eine Glocke in einem Klosterturm gehangen. Kleine Teufelchen, die damals am Rande des Domgeländes ihr Unwesen trieben, sollen eines Tages in den Turm gelangt sein und dort die Glocke geläutet haben. Die herbeigestürzten Mönche sahen daraufhin die Teufelchen, wie sie den Glockenturm mit allerlei Leckereien und Speisen wieder verließen. Entzückt von diesen Verführungen, vergaßen die Mönche daraufhin ihre Arbeit.

7 Karajan war begeistert von der Glocke

Die schwedische Popgruppe ABBA 1978 in Bremen während eines Auftritts in der Fernsehshow "Am laufenden Band"
Die schwedische Pop-Gruppe ABBA 1978 bei einem Auftritt in Bremen. Vier Jahre zuvor war die Band bereits zu Gast in der Glocke. Bild: DPA | Dieter Klar

Die Liste berühmter Künstler, die in der Glocke aufgetreten sind, füllt viele Seiten. In den 1950ern waren Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Benny Goodman und Heinz Erhardt zu Gast, in den 60er Jahren kamen Klaus Kinski, Louis Armstrong und Edith Piaf. In den 70ern waren ABBA, Otto und Daniel Barenboim da, in den 80ern Westernhagen, Horst Tappert und Anne-Sophie Mutter.

Begeistert waren und sind die Künstler dabei stets von der Akustik des Konzerthauses. So zählte der Dirigent Herbert von Karajan die Glocke zu den drei besten Konzertsälen Europas. Und die walisische Opernsängerin Margaret Price war ebenfalls begeistert.

Die Glocke ist für Sänger der beste Saal der Welt!

Margaret Price, walisische Opernsängerin

Der deutsche Sänger Max Raabe reimte sogar: "Die Glocke ist für uns der einzige Saal, der in dem Jahr eröffnet wurde, aus dem der Großteil unserer Stücke stammt. Als ob das noch nicht genug wäre, hat er auch noch eine Akustik, wie ich sie nur aus dem Goldsaal in Wien kenne, und ist überdies von einer Eleganz, wie ich sie nur von meiner letzten Reise im Orient-Express in Erinnerung habe. Denke ich an Bremen, denke ich an die Glocke – und frohlocke!"

8 Konzerthaus nicht nur für klassische Musik

Die Glocke ist nicht nur ein Ort für Orchester-, Vokal- und Kammermusik, der Auftritte der Bremer Philharmoniker und der Deutschen Kammerphilharmonie. In Bremens berühmtestem Konzerthaus fanden auch schon Modeschauen, Alpenfeste und Eiswetten statt. Bis heute wird in der Glocke Theater und Musical gespielt, Lesungen gehalten, Kabarett und Comedy aufgeführt. Und während der Corona-Pandemie wurde das Konzerthaus vom Bremer Amtsgericht kurzerhand sogar als Gerichtssaal im Prozess um den inzwischen zu einer Geldstrafe verurteilten Bremer Pastor Olaf Latzel umfunktioniert.

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. November 2020, 19:30 Uhr