Interview

50 Jahre Internet: Hoffnung auf Freiheit hat sich nicht erfüllt

Am 29. Oktober 1969 ging das Internet an den Start. 50 Jahre später blickt ein Bremer Forscher auf Anfänge, Enttäuschungen und die Zukunft des Internets.

Informatik-Professor Leonard Kleinrock führt in Los Angeles den Interface Message Processor (IMP) vor, mit dem 1969 die erste Internet-Verbindung zustande kam (Archivfoto).
Der amerikanische Wissenschaftler Leonard Kleinrock stellt den Interface Message Processor vor, mit dem 1969 die erste Nachricht ins Internet eingegeben worden war. (Archivbild) Bild: DPA | DB
Welchen Einfluss hat die Erfindung des Internets auf den Menschen?
Das Internet war zunächst ein technisches Protokoll, um Daten zwischen Rechnern mit unterschiedlichen Betriebssystemen auszutauschen, die bis dahin nicht miteinander kommunizieren konnten. Das Bedürfnis hatten damals vor allem das US-Verteidigungsministerium und seine Lieferanten. Es ist dann über die Forschung und Wissenschaft in die zivile Nutzung gekommen und erst mit dem World Wide Web in den 1990er Jahren für die breite Bevölkerung verfügbar geworden. Die Hoffnung war, die bisherige  Gatekeeperfunktion und Kontrolle der veröffentlichten Meinung der Massenmedien zu überwinden. Jeder sollte als Sender und Empfänger selbst Redakteur werden und seine Meinung öffentlich bekannt machen können. So sollte ein Kommunikationsraum frei von Diskriminierung entstehen. Diese Vorstellung hat sich leider nicht erfüllt.
Welche negativen Auswirkungen des Internet sind erkennbar?
Gut 20 Jahre später sehen wir, dass sich doch die großen Konzerne durchgesetzt haben. Jetzt entscheidet Google, welche Informationen wir finden. Außerdem gab es damals für den noch kleinen Kreis der Nutzerinnen und Nutzer die sogenannte Netiquette – einen Kodex, mit welchen Regeln man sich anspricht. Wer in den Foren dagegen verstieß, wurde gleich von mehreren anderen ermahnt, sich an diese Regeln zu halten. Wir erfahren aktuell, wie dies seine Wirkung verloren hat und vielfach Hassreden sichtbar werden oder Mobbing stattfindet. Die vielfältige zwischenmenschliche Kommunikation mit ihren Problemen und Grenzüberschreitungen verstärkt sich sogar.

Es wird außerdem Dritten und Vierten verfügbar gemacht, was und mit wem wir kommunizieren, was wir uns ansehen und was wir einkaufen. Niemand kann begrenzen, was mit den Cookies, denen wir zustimmen, protokolliert wird. Daraus ergibt sich die personalisierte Werbung, wo wir sie gar nicht erwarten, mit der wir aber die Internetseiten finanzieren, die wir scheinbar kostenlos nutzen. Die Weitergabe von Daten über unser Verhalten ist völlig intransparent geworden und hat mit informationeller Selbstbestimmung nichts mehr zu tun – also damit, dass ich selbst darüber bestimme, welche Informationen über mich weitergegeben werden.
 
Die Chancen, von den positiven Seiten des Internet zu profitieren sind sozial unterschiedlich verteilt. Die mit einer höheren Bildung profitieren privat und beruflich. Die unteren Schichten erfahren die globalen Möglichkeiten eher als Bedrohung und einige verlieren auch ihren Job wegen des Internets. Es gibt neben der Verstärkung sozialer Ungleichheit durch das Internet auch eine Alterslücke. Statistiken zeigen Unterschiede bei den Nutzungszahlen. Junge Leute haben zu 99 Prozent einen Zugang zum Internet. Bei den über 80-Jährigen ist nur noch einer von zehn bereits im Internet gewesen – und das in Zeiten des demografischen Wandels, wo Menschen immer länger leben. Auf dem Land heißt es, Dinge können im Internet erledigt werden, aber ab dem Alter von 70 können das nicht mehr alle. Es braucht also in der Altenhilfe ganz andere Unterstützung.
Was ist die größte Errungenschaft des Internets bisher?
Der Zugriff auf fast unendliches Wissen. Die Wissenschaft und Recherchemöglichkeiten haben völlig neue Dimensionen erreicht. Wer Informationen sucht, hat einen riesigen Vorteil. Auch geheime Informationen können in einer großen Öffentlichkeit verbreitet werden. Das ist eine Errungenschaft für die Demokratie, deren Preis und Schattenseite die Datennutzung ist. Verglichen mit der Zeit vor 300 Jahren, als Bücher noch in Klöstern eingeschlossen waren, spricht man heute von einer Informations- und Wissenschaftsgesellschaft. Das ist ein enormer Fortschritt, den wir uns nicht so klar machen. Das Bildungsbürgertum hat Vorteile, während untere soziale Schichten leiden, weil vielleicht auch Arbeitsplätze verloren gehen.
Was erwartet uns in den nächsten 50 Jahren Internet?
Wenn man heute zum Beispiel in Labore schaut, ändert sich einiges. Bisher tippen wir auf Tastaturen und wischen auf Touchscreens. Durch die Spracherkennung wird die Bedienung noch viel einfacher. Außerdem werden die Systeme nicht nur in den Apparaten bleiben. Es gibt schon Wearable Computing. Wir werden durch Brillen mit Displays schauen, die Daten über Personen anzeigen, die an uns vorbei laufen. Wir werden im Hintergrund selbst noch viel durchschaubarer und berechenbarer. Also braucht es noch mehr Kompetenz, zu erkennen, wo Unterstützung aufhört und Missbrauch sowie Manipulation anfangen.

Autor

  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 29. Oktober 2019, 23:30 Uhr