Interview

Nachhaltige Lieferketten: Was ist wirklich fairer Handel?

Video vom 13. Juni 2021
Hemden in unterschiedlichen Farben und Mustern an einer Kleiderstange.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Was können Unternehmen für fairen Handel tun? Wie erkenne ich faire Produkte? Wir haben mit einem Bremer Experten für nachhaltiges Unternehmertum gesprochen.

Herr Burkert, das Lieferkettengesetz könnte noch in dieser Legislaturperiode den Bundestag passieren. Es soll deutsche Unternehmen dazu verpflichten, auch bei Lieferanten aus dem Ausland soziale und ökologische Mindeststandards einzuhalten und diese Einhaltung zu verfolgen. Was ist eine faire Lieferkette?
Genau definiert ist das nicht. "Fair" ist ein sehr dehnbarer Begriff. Mit dem neuen Gesetz will man genau dafür einen allgemeinen sprachlichen Konsens finden. Es geht darum, dass über die gesamte Wertschöpfungskette (die verschiedenen Stufen der Produktion bis hin zum fertigen Produkt, Anm. d. Red.) eines Unternehmens Menschenrechtsstandards eingehalten werden. Der jüngste Demokratieindex des Magazins "The Economist" hat ergeben, dass nicht einmal 50 Prozent der Weltbevölkerung in Demokratien leben. Wir leben aber in einer Welt, in der globale Unternehmen mit all diesen Ländern wirtschaftliche Beziehungen pflegen, dort produzieren lassen. Das ist eigentlich die Wurzel allen Übels.

In dem Sinne ist es schon fair, wenn du während der Wertschöpfung niemand anderen in den Hintern trittst. Oder anders ausgedrückt: Du darfst, während du produzierst, nicht anderen Menschen schaden. Das bedeutet unter anderem die Arbeitsschutzrichtlinien einzuhalten, Umweltschutz und angemessene Löhne zu zahlen. Aus dem neuen Gesetz ergibt sich eine Pflicht für Unternehmen, Daten offenzulegen, zu dokumentieren. So kann man sich als Konsument ein besseres Bild machen, wie das, was man kauft, produziert wurde.
Können Sie an einem Beispiel erläutern, wo der Unterschied zwischen einer fairen und einer nicht fairen Lieferkette liegt? Wie können Unternehmer für faire Lieferketten sorgen?
Ein Beispiel für eine problematische Lieferkette: Die Banane gehört in Deutschland zu den beliebtesten Obstsorten. Ecuador ist dabei das wichtigste Exportland für den deutschen Weltmarkt. Dort kommt es immer wieder zu Verletzungen der Menschenrechte und Arbeitsschutzregelungen. Beispielsweise filmten Plantagenarbeiter, wie hochgiftige Pestizide aus Flugzeugen gesprüht werden, während sie arbeiten. Außerdem besteht um die Banane ein Preiskampf. Große Einzelhandelsunternehmen wollen die Preise gering halten, doch dadurch bleiben auch die Löhne niedrig. So niedrig, dass sie in vielen Familien nicht zum Leben reichen. Das wiederum kann ein Einfallstor sein für Kinderarbeit. Doch Kinderarbeit will man in einer fairen Lieferkette gerade unbedingt vermeiden, weil sie eine gravierende Menschenrechtsverletzung darstellt.

Eine faire Lieferkette funktioniert gut mit Agrarrohstoffen, wäre also auch mit den genannten Bananen möglich. Man kann als Unternehmer die Plantage anschauen, die Arbeiter kennenlernen. Ein gutes Beispiel ist das Bremer Unternehmen Yummy Organics, das mit Gewürzen handelt. Wichtig bei diesen Agrarrohstoffen ist, dass die gesamte Wertschöpfungskette in dem Ursprungsland verbleibt, dann haben die Menschen vor Ort etwas davon. Oft läuft es aber anders. So kommt beispielsweise rund 70 Prozent des Kakaos aus Afrika, aber nur ein Prozent der Schokolade. Es gibt aber auch Unternehmen, die dem entgegenwirken, wie zum Beispiel fairafric. Die haben eine solarbetriebene Schokoladenfabrik gebaut. So wird direkt vor Ort produziert.
Wie kann ich als Kunde erkennen, dass ich etwas fair Produziertes kaufe?
Das ist nicht einfach und auf Seite der Konsumenten mit Aufwand verbunden, weil man genau recherchieren muss, unter welchen Bedingungen die einzelnen Arbeitsschritte bis hin zum fertigen Produkt stattgefunden haben – wenn man es genau wissen will. Genau diese Transparenz kann ein gutes Lieferkettengesetz schaffen.

Es gibt zwar eine Reihe von Siegeln, unter ihnen das bekannte Fairtrade-Siegel, das zieht aber auch für die Unternehmer einiges an Kosten nach sich. Da überlegen sich kleinere Anbieter schon, ob sie das Geld für die Zertifizierung ausgeben wollen oder nicht einfach ihren Produzenten einen höheren Lohn zahlen. Siegel sind eine erste Orientierung, aber viele Akteure gehen sogar noch weiter, haben höhere Anforderungen an sich selbst, fair zu handeln.

Das Problem ist doch, dass wir uns in den Industrienationen angewöhnt haben, auf Kosten von Menschen in anderen Ländern zu leben. Aber überall auf der Welt wollen Menschen ein gutes Leben führen. Das Lieferkettengesetz versucht, das transparent zu machen, so dass Kunden eine qualifizierte Entscheidung treffen können.
Das Gesetz soll aber zunächst nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten gelten. Bringt es für die zumeist kleinen Unternehmen, die sich fairem Handel verschrieben haben, überhaupt etwas?
Durch das Gesetz wird eine Art von Wettbewerbsgleichheit zwischen großen Unternehmen und kleinen, die sich dem fairen Handel widmen, hergestellt. Denn man kann nicht wettbewerbsfähige Preise machen und gleichzeitig eine faire Lieferkette haben. Kleine Unternehmen, die sich sonst kaum zeigen, werden davon profitieren, dass Transparenz geschaffen wird, indem große Unternehmen offenlegen, unter welchen Bedingungen sie produzieren.

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Autorin

  • Verena Patel Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Juni 2021, 19:30 Uhr