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Wohnungssuche bei der Brebau: Chancenlos mit "falschem" Namen?

Vier junge Männer stehen vor dem Gebäude der Brebau an der Schlachte in Bremen.
Wie ergeht es Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen auf dem Wohnungsmarkt? Wir haben den Test gemacht. Bild: Radio Bremen

Vier Lockvögel hat buten un binnen zur Brebau geschickt. Alle wollten in dieselben Bremer Stadtteile ziehen. Zwei Namen klingen deutsch, zwei nicht. Das Ergebnis des Experiments ist eindeutig.

"Nur damit Sie es wissen – ich bin schwarz." Pause am anderen Ende der Leitung. "Oh, tut mir leid, aber dann nicht." Tuten in der Leitung.

Solche Diskriminierung begegnet nicht-weißen Menschen auf Wohnungssuche oft. Uns berichten davon Karim El Korhaly und Livingsoul Dupe Igunbor. Karim ist 25 Jahre alt, Student und arbeitet nebenbei als Schauspieler. Mit einem Kumpel suchte er ein Jahr lang eine Wohnung für eine WG-Gründung. Wenn er mit seinem Nachnamen anfragte, gab es nicht einmal Einladungen zu Besichtigungen. Wenn sein Kumpel anfragte, durften die zwei Wohnungen anschauen. Der Name des Kumpels wird in der Regel als deutsch gelesen. Bekommen haben die zwei keine.

Diskriminierung erleben viele nicht-weiße Menschen

Livingsoul ist DJ und Produzent. Auch der 26-Jährige erlebt immer wieder Diskriminierung – und hatte am Ende einfach Glück. Seine Vermieterin ist seine ehemalige Lehrerin. Viele seiner Freunde haben dieses Glück nicht. Einem von ihnen ist die anfangs geschilderte Szene passiert.

Tim Schoenian und Felix Arndt sind ebenfalls Studenten, 22 und 28 Jahre alt. Im Gegensatz zu Livingsoul und Karim haben sie bislang keine schlechten Erfahrungen auf dem Wohnungsmarkt gemacht.

Für buten un binnen haben sich die vier auf die Suche nach einer Wohnung in Bremen gemacht – bei der Brebau. Los ging das Experiment.

08.04.2021, 09:00 Uhr

Beginn des Experiments

Tim und Karim schicken ihre Bewerbungen an die Brebau online los. Tim gibt zunächst an, dass er eine Wohnung für maximal 550 Euro Gesamtmiete sucht. Als bevorzugte Stadtteile gibt er Borgfeld, Neustadt, Schwachhausen und Stadtwerder an.  Karim will für seine neue Wohnung maximal 950 Euro warm ausgeben und sie soll mindestens 40 und maximal 90 Quadratmeter groß sein. Außerdem gibt er als maximale Zimmeranzahl vier an. Als Stadtteile wünscht er sich die Bahnhofsvorstadt, Borgfeld, Fesenfeld, Findorff, Oberneuland und Schwachhausen.

12.04.2021, 16:00 Uhr

1. Wohnungsangebot für Tim

Tim erhält sein erstes Angebot – eine 24 Quadratmeter große Wohnung in Schwachhausen für 410 Euro. Livingsoul schickt seine Online-Bewerbung ab. Er hat von allen Lockvögeln das meiste Geld zur Verfügung und gibt seine maximale Gesamtmiete mit 1.000 Euro an. Er sucht eine drei-Zimmer-Wohnung in Borgfeld.

13.04.2021, 16:06 Uhr

2. Wohnungsangebot für Tim

Tim telefoniert mit der Brebau. In diesem Telefonat passt er seine Angaben zur Wohnungssuche an. Jetzt ist er bereit 900 Euro Gesamtmiete zu zahlen und sucht nach einer Wohnung, die mindestens 40 Quadratmeter groß ist. Auch Livingsoul überarbeitet seinen Suchauftrag. Er erledigt das per Mail. Anstelle einer drei-Zimmer-Wohnung gibt er jetzt an auch eine ein-Zimmer-Wohnung zu nehmen und fügt noch die Stadtteile Neustadt, Schwachhausen und eventuell Oberneuland hinzu. Tim bekommt am gleichen Tag noch zwei weitere Wohnungsangebote. Einmal in der Neustadt: Eine 68 Quadratmeter große Wohnung für 635 Euro warm und eine 71 Quadratmeter große Wohnung für 920 Euro warm in Schwachhausen.

So lief das Experiment für Livingsoul

Video vom 19. Mai 2021
Ein junger schwarzer Mann, Livingsoul Dupe Igunbor, steht vor dem Brebau-Gebäude an der Schlachte in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

15.04.2021, 10:00 Uhr

Tim hat eine Wohnungsbesichtigung in Schwachhausen

Tim lehnt die beiden ersten Angebote der Brebau ab und vereinbart einen Besichtigungstermin für die Wohnung in Schwachhausen. "Die Wohnung war wirklich schön, hatte drei Zimmer, einen Balkon und war kernsaniert. Der Makler hat von einem Premium-Angebot gesprochen", erzählt Schoenian von der Wohnungsbesichtigung.

So lief das Experiment für Tim

Video vom 19. Mai 2021
Tim Schoenian, ein junger Mann, steht vor dem Gebäude der Brebau an der Schlachte in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehrere Angebote für Tim – keine für Karim und Livingsoul

Ein deutsch-klingender Name und zwei ausländisch klingende Namen. Tim bekommt eine Wohnung, die anderen gehen bisher leer aus. Ein deutliches Ergebnis, aber vielleicht auch nur Zufall? Um das noch einmal zu testen, schickt buten un binnen den vierten Lockvogel los. Felix Arndt.

24.04.2021, 09:00 Uhr

Felix füllt seinen Bewerberbogen aus

Felix füllt den Bewerberbogen bei der Brebau aus. Er gibt an, 930 Euro für die Gesamtmiete zur Verfügung zu haben und eine mindestens 40 Quadratmeter große Wohnung in Schwachhausen, Fesenfeld, Findorff, Oberneuland oder Horn zu suchen.

So lief das Experiment für Felix

Video vom 19. Mai 2021
Felix Arndt, ein junger Mann mit Locken, steht vor dem Gebäude der Brebau an der Schlachte in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

26.04.2021, 13:00 Uhr

Karim bekommt die Auskunft, es gebe nichts Passendes auf dem Markt

Karim hat immer noch nichts von der Brebau gehört. Er ruft an und fragt nach, ob inzwischen eine Wohnung frei ist. Daraufhin schickt die Brebau ihm ein Angebot in Fesenfeld zu – nur, um es direkt wieder zurückzunehmen. Die Wohnung sei doch schon vermietet und auf dem Markt nichts Passendes verfügbar. Am gleichen Tag bekommt Felix sein erstes Angebot zugeschickt. Es ist die gleiche Wohnung in Schwachhausen, die auch Tim schon angeboten bekommen hat. 71 Quadratmeter für 920 Euro warm.

So lief das Experiment für Karim

Video vom 19. Mai 2021
Karim El Korhaly, ein junger Mann, steht vor dem Gebäude der Brebau an der Schlachte in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Bis zum Ende des Experiments hören weder Livingsoul noch Karim etwas von der Brebau. Ende April brechen alle vier ihre Suche ab.


Die vier Lockvögel ziehen ein Fazit:

Im Mai treffen sich unsere Lockvögel und tauschen ihre Ergebnisse aus. Eine richtige Überraschung ist das Ergebnis weder für Livingsoul noch für Karim. "Ich bin es gewohnt, dass wir Schwarze uns im Leben durchkämpfen müssen", erzählt Livingsoul. Er habe sogar Verständnis dafür, dass sein Name ungewöhnlich sei und erkläre sich dazu auch, wenn er gefragt wäre. Aber die Ergebnisse des Tests seien eine Frechheit. "Da fehlen mir die Worte, was haben die denn, was ich nicht habe?" Für die Zukunft erhoffe Livingsoul sich, dass es egal sei, wie die Leute heißen. "Wir sind keine Spielfiguren. Man kann nicht sagen Person A gehört dorthin und Person B dorthin. Das ist Quatsch!"

Früher habe ich mich immer aufgeregt und war wütend. Jetzt habe ich die Hoffnung aufgegeben - natürlich bin ich traurig und verletzt, aber nicht mehr sauer.

Livingsoul Dupe Igunbor, 26 Jahre, Student aus Bremen

Karim hat das Ergebnis zwar erwartet, ist jedoch verwundert darüber, dass die Brebau nicht besonders subtil vorgegangen ist. Er habe erwartet, dass er und Livingsoul eingeladen werden, dann aber vor Ort abgelehnt.

Ich finde es traurig, schade und eklig. Wir leben in einem progressiven Land. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es irrelevant ist, was für ein Hintergrund ein Mensch hat. Aber ich glaube nicht, dass ich oder meine Kinder, sollte ich denn mal welche haben, das noch erleben. Jetzt hoffe ich erst einmal in der nächsten Zeit auf eine Wohnung.

Karim El Korhaly, Student aus Oldenburg, 25 Jahre alt

Job der Brebau, allen eine Wohnung anzubieten

Mich macht das traurig und wütend. Ich hoffe, jetzt werden alle wachgerüttelt. Schließlich hat jeder das Recht auf eine Wohnung.

Tim Schoenian, 22 Jahre, Student aus Bremen

Felix und Tim dagegen haben nicht von vornherein mit dem Ergebnis des Experiments gerechnet. Es sei ja eigentlich der Job der Brebau, allen möglichst schnell eine Wohnung anzubieten, sagt Felix. Tim stimmt ihm da zu.

Eine Einteilung aufgrund von oberflächlichen Merkmalen und Vorurteilen ist Blödsinn. Für die Zukunft hoffe ich, dass alle Menschen gleichbehandelt werden.

Felix Arndt, 28 Jahre alt, Student aus Bremen

Zu den Vorwürfen, dass es interne Papiere gebe, die zeigen würden, dass die Brebau bei der Wohnungsvergabe teilweise diskriminierend vorgehe, äußerte sie sich die Brebau schriftlich. Zu einem Interview vor der Kamera war die Brebau nicht bereit und ein vereinbartes Treffen sagte sie 15 Minuten vor dessen Beginn ab.

Brebau will Konsequenzen ziehen

In der Stellungnahme heißt es, dass die Brebau von den Vorwürfen sehr getroffen sei, da "diese im deutlichen Gegensatz zu unserer unternehmerischen Haltung" stehe. Des Weiteren sei es das Ziel der Brebau, Menschen unterschiedlicher Herkunft ein Zuhause zu geben. Auch bemühe sich die Wohnungsbaugesellschaft nach eigenen Angaben darum, Wohnungslose unterzubringen. Es gebe in den Nachbarschaften und Wohnungen der Brebau wohl kaum eine Herkunft oder Lebenssituation, die nicht vertreten sei.

Vor diesem Hintergrund nehmen wir die Vorwürfe der Diskriminierung sehr ernst und werden den Sachverhalt mit aller Konsequenz aufklären. Uns ist abschließend wichtig zu betonen: Wir tolerieren keinerlei Diskriminierung. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, werden wir alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ein solches Verhalten zu unterbinden.

Stellungnahme der Brebau auf die Vorwürfe

Die vier Lockvögel hoffen, dass sich die Situation ändert – und niemand mehr ein Tuten in der Leitung hören muss, nur weil er schwarz ist.

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Autoren

  • Stella Vespermann Volontärin
  • Lina Brunnée Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Mai 2021, 19:30 Uhr