Interview

Bremer Botschafter der Deutschen Einheit: "An Mauern im Kopf arbeiten"

Das erlebten Bremens Einheitsbotschafter am Tag der Deutschen Einheit

Video vom 3. Oktober 2021
Collage zeigt die beiden Einheitsbotschafter aus Bremerhaven
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Zu den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Halle entsenden die Länder "Einheitsbotschafter". Die Bremer Vertreter kommen aus Bremerhaven – das ist ihre Motivation.

Auch im zweiten Corona-Jahr finden die zentralen Feierlichkeiten zu "31 Jahren Deutscher Einheit" mit einem alternativen Konzept statt. Ein großes Bürgerfest mit mehreren Hunderttausend Gästen, wie in früheren Jahren, ist pandemiebedingt nicht möglich. Stattdessen präsentieren sich die 16 Bundesländer in Halle an der Saale im Gastgeberland Sachsen-Anhalt auf einer "Einheits-Expo" in gläsernen Ausstellungs-Containern. Motto: "Gemeinsam Zukunft formen". Für das Land Bremen treten hier zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler der Kultur- und Musikszene aus beiden Städten auf.

Handwerker arbeiten in einem Glas-Container, in dem Kisten und Plakate stehen.
Aufbau eines Bremer Ausstellungs-Containers bei der Einheits-Expo in Halle. Bild: WFB

Außerdem entsendet Bremen Zwei sogenannte "Einheitsbotschafter": Lisa Hilger und Serdar Ugurlu sind 18 Jahre alt, sie haben in diesem Jahr ihr Abitur gemacht – und kommen beide aus Bremerhaven. Wir haben mit ihnen Gespräche geführt.

Was machen Sie als "Einheitsbotschafter"?
Lisa Hilger: Wir repräsentieren das Land Bremen bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Sachsen Anhalt. Wir quatschen dort mit anderen Einheitsbotschaftern und tauschen uns aus, über unsere Gedanken und zum Tag der Deutschen Einheit. Bremen hat sich gedacht, dass es mal ein bisschen frischeren Wind reinbringen will und sich dafür zwei Schüler ausgesucht. Um andere Eindrücke und Persönlichkeiten mit einzubringen, die vielleicht auch die jüngere Generation eher ansprechen.

Serdar Ugurlu: Da lernen wir erstmal ganz viel, unterhalten uns mit den Menschen aus den anderen Bundesländern. Wir sind ja nicht die einzigen Einheitsbotschafter, sondern jedes Bundesland hat ihre eigenen. Und uns ist es wichtig, mit denen ins Gespräch zu kommen, aktuelle Themen aufzuwerfen, die Vergangenheit zu besprechen und daraus zu lernen.
Eine junge Frau mit Brille steht am Wasser und blickt in die Kamera.
Lisa Hilger aus Bremerhaven vertritt das Land Bremen bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit als "Einheitsbotschafterin." Bild: Radio Bremen
Wie sind Sie zu dieser Rolle gekommen?
Hilger: Das Privileg Einheitsbotschafterin habe ich dadurch bekommen, dass ich im Geschichtsunterricht aufgefallen bin, weil ich mich besonders mit der Schoah und allgemein mit dem jüdischen kulturellen Leben im Nationalsozialismus auseinandergesetzt habe. Dieses Jahr feiern wir nicht nur Tag der Deutschen Einheit wie jedes Jahr, sondern auch 1.700 Jahre jüdisches Leben. Und da ist es doch sehr wichtig, sich ein, zwei Mal damit zu befassen. Und sich bewusst zu werden, was für eine Aufgabe wir haben, das Wissen beziehungsweise diese große Sache und eine Erinnerungskultur weiter zu erhalten.

Ugurlu: Meine Geschichtslehrerin hatte mich vor zwei Jahren gefragt, auch zu einem Projekt für die Wiedervereinigung. Da haben wir ein Videoprojekt zu den Feierlichkeiten erstellt, direkt in Rostock. Es war toll dort mit den Leute zu reden und Interviews zu machen. Da ging es um ganz einfache gesellschaftliche Themen – bis es dann irgendwann auch um die Thematik unsichtbare Mauern und Barrieren ging, die teilweise in den Köpfen der Menschen sind. Die Geschichten zu hören, was sie da erlebt haben, was für Vorurteile es noch gibt, war unglaublich interessant.
Ein junger Mann steht am Wasser und blickt in die Kamera.
Serdar Ugurlu war schon früher an einem Videoprojekt zur Deutschen Einheit beteiligt. Nun vertritt der Bremerhavener das Land Bremen als "Einheitsbotschafter" in Halle. Bild: Radio Bremen
Was nehmen Sie aus Ihrer Auseinandersetzung mit der Einheit mit?
Ugurlu: Die verschiedenen Perspektiven, die man teilweise hat. Und auch, dass man nicht immer Vorurteile direkt in Erwägung ziehen, sondern darüber nachdenken und sich in die Perspektive anderer begeben sollte. Das ist die Message, die ich für mich damals mitgenommen habe. Was ich mitbekomme, oder was wir in dieser Gesellschaft wahrscheinlich sehr oft mitbekommen, ist dass die Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturen immer sehr groß sind.

Wir bekommen mit, dass eine Kultur genannt wird und direkt sind Bilder im Kopf, die vielleicht gar nicht so zutreffend sind. Und genau das ist das, was ich für uns jetzt übernehmen kann und auch sehen kann, wo Leute Vorurteile entwickeln, wo es vielleicht gar nicht nötig ist. Vielleicht kann ich durch dieses ganze Projekt lernen, wie ich andere Leute darin unterstützen kann. Und auch für mich selber lernen, keine Vorurteile zu entwickeln sondern mir Gedanken über diese Sachen zu machen und dann eine Entscheidung zu treffen.
Wie schauen Sie aus Bremerhavener Perspektive auf die Wiedervereinigung?
Ugurlu: Also ich persönlich habe leider nur den Blickwinkel aus dem Geschichtsunterricht oder von den Zeitzeugen, mit denen man ab und zu redet. Von unserer Seite aus ist es halt wirklich nur der Geschichtsunterricht. Aber für die Leute, die hier gelebt haben und die Einflüsse von West und Ost direkt hatten, ist das natürlich ganz interessant. Also wir als Bremerhavener, Leute, die nicht direkt an der Mauer waren, haben trotzdem die Folgen gemerkt, indem sie bestimmte Dinge nicht so mitbekommen haben, von der anderen Seite aus. Es gab Barrikaden, Trennung zwischen Familien. Solche Punkte betreffen auch Bremerhavener.

Hilger: Zur Wiedervereinigung war ich noch nichtmal geplant. Ich glaube, das ist für Serdar und mich eine große Herausforderung, aber auch ein großes Privileg, dass wir unsere Eindrücke aus dem Geschichtsunterricht mit einbringen. Vielleicht auch ein bisschen neutraler rangehen können, weil wir das alles nur durch Quellen im Unterricht gelernt haben und nicht durch persönliche Erfahrung. Und, dass wir vielleicht nicht gerade so viele Bezugspunkte in den Osten haben, aber trotzdem offen für Neues sind, für neue Ereignisse und Eindrücke.
An einer Wand mit mehreren Plakaten laufen Passanten vorbei.
"31 Jahre Deutsche Einheit" – die zentralen Feierlichkeiten finden diesmal in Halle in Sachsen-Anhalt statt. Bild: DPA | Peter Ending
Haben Sie besondere Ziele für dieses Wochenende?
Ugurlu: Erfolgreich wird es so oder so sein. Ich freue mich auf jeden Fall. Mein Ziel ist es, ganz viel zu lernen und ganz viel mit den Leuten zu reden. Darauf freue ich mich am meisten.

Hilger: Mir ist es ganz wichtig, dass wir bewusster unserer Umwelt gegenüber werden. Dass wir mit offeneren Augen durch die Welt gehen. Dass wir besonders den respektvollen Umgang positiv beeinflussen können. Wir sind beide geschichts- und politikinteressiert und wollen mit unseren Kenntnissen etwas voranbringen. Und wenn man sieht, dass jemand Hilfe braucht, einfach Hilfestellungen gibt. Das bedeutet auch Einheit, dass man als Gesellschaft zusammen wächst. An Mauern im Kopf sollte man arbeiten, dass sie langsam zurückgehen.

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Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Oktober 2021, 19:30 Uhr